Energie: Jürgen Rüttgers, Schutzpatron
Der Stromkonzern E.on will in NRW ein neues Kohlekraftwerk bauen. Ein Klimaschutzparagraf störte die Pläne – also hat die Regierung des Landes ihn kurzerhand gestrichen
Bundeskanzlerin Angela Merkel und Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Jürgen Rüttgers sind Parteifreunde, beide gehören der CDU an, doch gegensätzlicher könnten sie sich nicht inszenieren. Während die eine gerade erst in Kopenhagen mit den Regierungschefs dieser Welt um einen Kompromiss zur Rettung des Weltklimas ringen musste, hat der andere in seinem Land still und leise den Weg für ein neues Steinkohlekraftwerk geebnet. Gestatten, Angela Merkel, Klimakanzlerin, Jürgen Rüttgers, Schutzpatron der Energiewirtschaft.
Mit den Stimmen der schwarz-gelben Regierungskoalition hat der Landtag in Düsseldorf eine als »Klimaschutzparagraf« bekannte Stelle im Landesentwicklungsprogramm gestrichen. Diese Vorschrift verpflichtete Nordrhein-Westfalen bislang dazu, bei seiner Stromversorgung »insbesondere einheimische und regenerierbare Energieträger« einzusetzen.
Genau das störte freilich den Konzern E.on, der ein neues Prestigeprojekt behindert sah. In Datteln, etwas nördlich von Dortmund gelegen, will E.on ein neues Steinkohlekraftwerk errichten – vor zwei Jahren hat das Stromunternehmen mit dem Bau begonnen. Mit einer Leistung von 1050 Megawatt soll es das größte seiner Bauweise in ganz Europa werden. Aber eben auch einen erklecklichen Teil der CO2-Abgase in Deutschland ausstoßen – und das noch für viele Jahrzehnte. Ein Steinkohlekraftwerk hat normalerweise eine Lebensdauer von etwa 50 Jahren.
Im September dieses Jahres stoppte das Oberverwaltungsgericht Münster den Bau. Das neue Steinkohlekraftwerk hätte gar nicht genehmigt werden dürfen, urteilten die Richter. Und zwar auch deswegen, weil es gegen den besagten Klimaschutzparagrafen verstoße. Schließlich sei Steinkohle kein regenerativer Energieträger. Und einheimisch schon gar nicht, weil etwa 70 Prozent der benötigten Steinkohle importiert werden müssten. Im Fall des Kraftwerks Datteln voraussichtlich sogar vom anderen Ende der Welt – aus Australien.
Jetzt ist der Klimaschutzparagraf weg, E.on hat eine Sorge weniger und die schwarz-gelbe Landesregierung von Nordrhein-Westfalen ein Rechtfertigungsproblem: Wie kann man einerseits vom Klimagipfel in Kopenhagen die Rettung der Welt erwarten – gleichzeitig aber eine der klimaschädlichsten Technologien zur Stromerzeugung fördern? Der landespolitische Streit war heftig, wurde aber im allgemeinen Trubel um die Prominentendichte in Dänemark und den dort geschlossenen Kompromiss öffentlich kaum beachtet. Den Paragrafen zu streichen bedeute keineswegs eine Abkehr vom Klimaschutz, verteidigten Landeswirtschaftsministerin Christa Thomsen und andere Unionsabgeordnete ihr Vorhaben. Das neue Kraftwerk sei hocheffizient und habe einen viel höheren Wirkungsgrad als alte Steinkohlekraftwerke. Zudem brauche es solche Brückentechnologien, bis regenerative Energien das Land auch wirklich versorgen könnten. In Nordrhein-Westfalen betrage der Anteil erneuerbarer Energiequellen an der Stromversorgung gerade mal elf Prozent, und das sei im Vergleich zu anderen Bundesländern schon viel. Und dann sei der Klimaschutz in anderen Vorschriften auch noch nach wie vor fest verankert, sodass der jetzt gestrichene Paragraf ohnehin überflüssig sei.
Opposition und Umweltverbände kritisierten die »Lex E.on« als Kniefall vor der Kohlestrom-Lobby. Die Organisationen BUND und Campact sammelten 50.000 Unterschriften und bezeichneten die Streichung des Klimaschutzparagrafen als »fatales Signal«.
Genützt hat das alles freilich nichts. In Sachen Datteln ist der Stromriese E.on einen großen Schritt weiter.
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Ja, das stimmt. Die Kanzlerin und Vorsitzende der CDU verlor in Kopenhagen viele schöne Worte über den Klimaschutz, getan hat sie aber nichts - außer stärkere Vorgaben der EU zu verhindern.
Rüttgers, jedoch, hat gehandelt, ohne viele Worte zu verlieren.
Diese Differenz beschreibt doch schon recht eindrücklich die Klima- und Umweltschutzpolitik der bürgerlichen Parteien. Geredet wird viel für den Umweltschutz, aber gehandelt eher dagegen. Und an diesem Handeln wird sie sich messen müssen, egal wieviel die Kanzlerin noch reden wird, die bürgerlichen Parteien sehen Umwelt- und Klimaschutz immernoch als Antipoden zum Wirtschaftswachstum.
Von der Warte her haben sie den Sprung ins gegenwärtige Jahrhundert eben noch nicht vollzogen und Rüttgers ist ihr Symbol für diese Einstellung.
Ich habe mir angewöhnt allen Dingen die auf -gipfel enden (Klimagipfel, Bildungsgipfel, Integrationsgipfel...) etc. keine Beachtung mehr zu schenken. Ich könnte mir auch vorstellen, dass das in der breiten Bevölkerung ebenso ist.
Man muss ja nicht besonders helle sein um zu sehen, dass da nur ein bisschen Show zelebriert wird und passieren tut ohnehin nichts.
Hoffnungsvoll stimmen mich daher die neuen Bezahlmodelle für Zeitungen, bei denen für einzelne Artikel bezahlt wird: Wenn diese Artikel keiner mehr liest, wird auch nicht mehr drüber berichtet. Dann brauchen die Gipfel nicht mehr stattfinden, da sie ohnehin nur fürs Volk und nicht lösungsorientiert sind.
Dann wiederum ist mehr Platz um über politische Unappetitlichkeiten wie diese hier zu berichten und dann geht das Volk vielleicht mal auf die Straße.
(@shredding) wird immer kostenfrei bleiben.
Sie predigen öffentlich Klimaschutz und bauen heimlich Kohlekraftwerke.
Kein Gegensatz zwischen Frau Merkel und Herrn Rüttgers, bestenfalls Arbeitsteilung: Wenn es ernst wird kämpft auch Frau Merkel konsequent gegen den Klimaschutz (z.B. gegen strengere europäische Vorgaben zum CO2 Ausstoß von PKWs).
nicht aber in Mainz? Hmm, das ist natürlich schwierig, Co2 und regionale Alleingänge.... http://kallewestrich.blog...
Eine Frage ist auch - was bringt das neue Kraftwerk (außer Arbeit und Strom) - wenn dafür ein oder gar zwei alte abgeschaltet werden ist es sicherlich ein Gewinn.
Andererseits sollte man Klimaschutz in "wahren Leben" und nicht per Paragrpah betreiben - das bringt mehr.
In Australien hat ein Bauer der Geld übrig hatte tausende Bäume gepflanzt - das hat lokal das Wetter verändert.
In Brasilien hat man zeigen können dass Bäume auf Feldern positive auswirkungen haben - in beide Richtungen - besseres Wachstum von Getreide und Bäume profitieren auch - schön so geplfanzt dass Maschinen zwischen den Baumreihen durchfahren können.
Wenn alles an Natur weg ist dann hilft auch ein gedrosselter CO2 Ausstoß nichts...
Und zum Thema Klima... wie sehr der Mensch das Klima beeinflusst, da spalten sich auch die Geister.
Sinvvoller Umweltschutz der Umwelt zuliebe ist eine gute Idee - wir müssen den Planeten nicht zerstören.
"Klimaschutz" a la Politike regt mich nur auf... bringt nichts - mach das Leben schwerer, und kostet jedes Jahr mehr an Steuern ohne Erfolg...
hat weder Sinn, noch Verstand, weder Ehre noch Würde. Aber sie hat immer einen Preis. In Geld, bezahlt von der Industrie, für die Ermöglichung schneller, schäbiger Profite.
Für die Folgen solchen Tuns zahlen wir dann alle, in toto - doch nein, nicht alle. Nur die, die zu arm sind, sich zu wehren.
Das nennt man bei der CDU Demokratie.
Da zeigt sich doch wieder mal, dass die Parteispenden der Energiekonzerne an die bürgerlichen Parteien sich schnell amortisieren.
Kernkraftwerke als Brückentechnologie, nun Kohlekraftwerke (wird überhaupt mit nachrüstbarer CCS-Technologie gebaut?) als Brückentechnologie.
Vor lauter Brücken weiß ich bald gar nicht mehr, wo's langgeht...
Es ist übrigens auch Rüttgers gewesen, der kurz nach seiner Wahl die Standortbestimmungen für Windräder dahingehend geändert hat, dass seitdem kaum noch welche gebaut werden in NRW.
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