Krisenregionen Wo der Krieg zu Hause ist
Ist wirklich der Islam schuld daran, dass kein Frieden herrscht? Eine Reise entlang des Krisenbogens von Jerusalem bis Kaschmir
© Daniel Bar-On/AFP/Getty Images

Gilo: Hier will die israelische Regierung 900 neue Wohnblocks bauen lassen. Aus der ganzen Welt hagelt es Proteste
Wir begegnen uns in Erbil, einer irakisch-kurdischen Stadt, die von Staub eingehüllt wird. 5000 Kilometer liegen hinter uns, wir erzählen, was wir erlebt haben. Hat ihn einer von uns unterwegs gefunden, den Schlüssel, der diesen Krisenbogen für unser Verständnis aufschließt? Und wenn ja, ist dieser die Religion?
Von Jerusalem nach Hebron, Israel/Palästina
Weiß leuchtend, massiv aufragend und wie für die Ewigkeit gebaut – das ist Gilo. Die jüdische Siedlung zwischen Bethlehem und Jerusalem liegt inmitten von Feldern auf einem Hügel. Gilo ist jene Siedlung, die mehr als jede andere für die Unmöglichkeit des Friedens in Nahost steht. Hier, auf palästinensischem Boden, will die israelische Regierung 900 neue Wohnblocks bauen lassen. Aus der ganzen Welt hagelt es Proteste. In Jerusalem kommt das nur als lässliche Mäkelei aus weiter Ferne an. Bald schon werden Bauarbeiter dort oben in Stellung gehen wie Soldaten.
Gilo – das wirkt von unten, aus der Perspektive der Palästinenser im Tal, wie eine unerreichbare Festung. Von ihrem Lager aus sehen Flüchtlinge nur die Dächer der Siedlung hinter einer hohen Mauer, die Bethlehem von Jerusalems Vororten trennt. Die Mauer, an manchen Stellen bis zu acht Meter hoch, zieht sich über alle Hügel, sie trennt Nachbarn von Nachbarn, Kinder von Schulen, Landbesitzer von ihren Grundstücken. Hier die Palästinenser, dahinter Rahels Grab, hier die Kinder auf der Straße, dahinter Fußballplätze, hier verbarrikadierte Läden, dort ein Eisentor und Stacheldraht in Richtung Jerusalem.
Wozu eine Mauer? Soll sie Israelis vor Palästinensern schützen? Israelische Behörden haben den Wall nach der zweiten Intifada von 2000 hochgezogen. Als Schutz gegen Terroristen, hieß es damals. Doch ginge es um Schutz allein, würde die Mauer nicht mitten durch das Palästinensergebiet führen. Gibt es ein religiöses Motiv, soll sie Muslime von Juden trennen? Auch das leuchtet nicht ein, sonst würde die Mauer nicht die Heiligtümer der Muslime von den Muslimen separieren. Es geht hier um ein Nullsummenspiel der nahöstlichen Art, so profan wie existenziell zugleich: Dehnt sich der eine aus, verliert der andere. Baut der eine, muss sich der andere von Weiden, Feldern und Baugrund zurückziehen. Der Streit geht um Häuser, um Grundstücke, um Straßen, um Viertel und ganze Städte. Es ist ein Kampf um Land. Und der zerrütteten Staaten im gesamten Mittleren Osten.
Gesät wurde er vor allem von Briten und Franzosen, die am Ende des Ersten Weltkriegs allzu willkürlich neue Grenzen zogen. Diese haben Israel und Palästina, Kaschmir, Afghanistan und Pakistan, die kurdischen Gebiete der Türkei und des Iraks zu chronischen Krisengebieten gemacht. Der ewige Streit um Jerusalem etwa verpestet eine ganze Region, er beschäftigt die Großmächte, er könnte sogar die Welt in Brand setzen. Jede zerstörte palästinensische Wohnung, jedes neu gebaute Haus jüdischer Siedler, jeder Racheakt von Palästinensern landet als Streitpunkt in kürzester Zeit auf den Tischen von Präsidenten, Premiers und Königen – in Riad, Berlin, Teheran, London oder Washington. Nirgendwo heizt Lokalpolitik so schnell die Weltdiplomatie an wie in Jerusalem und im Westjordanland. An diesem Konflikt hat die ganze Erde teil, auch wenn sie oft genug nicht mehr davon hören kann.
Die Stadt Jerusalem ist am schönsten, wenn man ihr nicht zu nahe kommt. Die Altstadt mit dem Tempelberg, die goldene Kuppel des Felsendoms, die Al-Aksa-Moschee. Dahinter erahnt man die Klagemauer und die Via dolorosa, den Leidensweg Jesu Christi. Das ist das berühmte Panoramabild, aber kommt man näher, dann stört ein eigenartiger Kontrast die steinerne Ewigkeit: Zelte, weiß, wacklig, schief. Wozu Zelte in Jerusalem? Dringt man weiter nach Ostjerusalem hinein, in die Stadtteile der Palästinenser, tauchen immer mehr dieser scheinbaren Hobbycamper auf.
Südlich der Al-Aksa-Moschee, in Silwan, sitzen zwei Dutzend Palästinenser unter einer weit gespannten Plane. Einer sticht heraus mit seinem langen braunen Bart, der schwarzen Robe und dem turmartigen Filzhut. »Sie wollen uns vertreiben!«, sagt der Wortführer Hadsch Masen Abu Diyab und hält ein knittriges Papier in die Luft. Darin schreibt die Jerusalemer Stadtverwaltung dem 74-Jährigen, dass sein Haus »illegal erbaut sei und dass man es leider abreißen« müsse. Vorige Woche, sagt Abu Diyab, seien wieder zwei Häuser niedergerissen worden. 88 Familien hätten so einen Bescheid bekommen. Auf sie warten die Zelte.
Hier geht es nicht um Religion, sondern um einen Park. Die Stadtverwaltung will in dem eng besiedelten Palästinenserviertel Silwan unterhalb der Al-Aksa-Moschee einen Erlebnisgarten für Touristen bauen. Die sollen dann mit der Seilbahn vom Ölberg in die Altstadt gondeln und auf Rolltreppen in die neu aufgeforsteten Gärten der Könige Salomon und David fahren. Schön für sie, weniger für 1500 Palästinenser, die in Ostjerusalem ihr Dach überm Kopf verlieren. Araber, die aus der Stadt hinausziehen, werden später von den Behörden nicht mehr hineingelassen. Frömmigkeit? Kein Thema. Jerusalem sei unteilbar, sagt die israelische Regierung, und gehöre als Ganzes zu Israel. Der Kampf ums Land fordert die stärksten Mächte der Welt heraus.
Kein Geringerer als Barack Obama forderte den Siedlungsstopp – aber er ist zu schwach, ihn zu erzwingen. Der israelische Premier Netanjahu hat wiederholt erlaubt, neue Wohnblocks auf palästinensischem Gebiet zu bauen. Doch selbst Netanjahu streitet mit radikalen Siedlern. Er ist gefangen in den Forderungen von Siedlerlobbys, Bauunternehmen, Bürokraten, nationalreligiösen Politikern, seitdem Israel 1967 das Westjordanland erobert hat und jüdische Einwanderer im »Heiligen Land« siedeln. Manche von ihnen begründen ihre eiskalte Landnahme religiös. Das Prinzip wird anderswo im Mittleren Osten längst kopiert. So kann jeder Kompromiss ausgeschlossen werden.
Am besten lässt sich das im heiligen Hebron sehen, der Stadt Abrahams und Isaaks. Von Jerusalem führen Straßen in zwei Stunden dorthin. Hebrons alter Basar und das Grab der Patriarchen machten die Stadt früher zum Treffpunkt für Touristen, Pilger und Kaufleute. Heute ist sie ein Zentrum des Palästinakonflikts. Der Basar ist verwüstet, die Läden sind verrammelt, Hallen ausgebrannt, Eisentore zugeschweißt. Graffiti erzählen die Geschichte des Konflikts aus Siedlersicht: »Sie oder wir: Vertreibt den arabischen Feind jetzt!«; »Schafft Großisrael!« Israelische Polizisten patrouillieren in der Altstadt, Kameras überwachen jede Straßenecke. Ein Siedler biegt auf einem Motorrad in die leere Hauptstraße ein. Seine Kluft: weiße Strick-Kippa zum grauen Bart, weiße Pluderhosen, weiße Lederweste, helle Stiefel, am Motorrad hängen ein Stecken und ein Gewehr. Er hält an. Aus Russland kam er vor 15 Jahren nach Israel. Das hier, sagt er, sei das Land seiner Ahnen, also sein Land. Die Palästinenser? Zugewanderte Störenfriede.
Hebron ist eine Stadt von Siedlern und Palästinensern. Sie teilen sich das knappe Land in Feindschaft, deshalb stehen überall Posten der israelischen Grenzpolizei, die Menschen nach Pässen sortieren, weil dieser Ort Juden und Arabern gleichermaßen heilig ist – wie Jerusalem. In der Höhle der Patriarchen sollen Abraham und David, Isaak und Jakob begraben liegen. Neben den Grabstätten dürfen freitags ebenfalls Muslime beten. Sie werden dann von der Polizei in das Gebäudegewirr eskortiert, in dem sich auch eine Synagoge befindet. Dort betet der Siedler mit der weißen Strick-Kippa. Sein Gewehr hat er an der Garderobe abgegeben.
- Datum 30.12.2009 - 20:05 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 30.12.2009 Nr. 01
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Franzosen und Briten »am Ende des Ersten Weltkriegs allzu willkürlich neue Grenzen zogen« und damit für die heutigen Konflikte hauptverantwortlich seien, ist eine längst widerlegte Propaganda. Fakt ist, dass die heutigen Staaten im Nahen Osten auf Provinzgrenzen der osmanischen Verwaltung zurückgehen, die als Kolonialmacht fünf Jahrhunderte lang Arabien beherrschte. Die zwei Jahrzehnte in denen Frankreich und Großbritanien im Nahen Osten in ihrem Sinn gestalten konnten sind dagegen historisch wenig bedeutend – von der Schaffung von Infrastruktur einmal abgesehen. Viel bedeutender ist natürlich, dass die die arabischen Gesellschaften nicht imstand sind, ihre Angelegenheiten demokratisch und zukunftsweisend selbst zu regelen. Die ewige Schuldzuweisung an die Adresse der »Europäer« – bei rund dreißig europäischen Nationen im übrigen ein völlig absdruses Feindbild – wird ihnen nicht weiterhelfen.
Huntington hat ziemlich genau definiert, was die Bruchlinien sind, an denen die neuen Konflikte verlaufen und warum. Dazu gehört die Erkenntnis, daß die Konzepte der westlichen Zivilisation an Gültigkeit und Verständlichkeit für die anderen Zivilisationen verlieren. In dieser neuen Zusammensetzung der Kräfteverhältnisse nimmt der Islam eine zentrale Stellung ein. So zitiert Huntington die "New York Times", die 48 Regionen aufzählt, in denen 59 ethnische Konflikte im Jahre 1993 ausgetragen worden seien, zwei Drittel von ihnen zwischen Muslimen und Nicht-Muslimen. Der Islam sei demnach eine Religion der "blutigen Grenzen". Das Militärpotenzial der "muslimischen" Länder sei doppelt so hoch wie das der "christlichen" Länder. Die Auswahl der Konfliktregionen durch die Autoren ist ausbaufähig.
So gibt es solche kulturellen Grenzen in Europa, u.a. in Zypern. Hier ist der Vernichtungsdrang des Islam, repräsentiert durch die türkischen Besatzer nach 1974, besonders eindringlich. Zunächst gab es eine totale ethnische Vertreibung der christlichen Zyprioten aus dem türkischen Besatzungsgebiet. Dann: "133 Kirchen, Kapellen und Klöster wurden in den letzten 30 Jahren auf Zypern entweiht oder "umfunktioniert" zu Ställen, Hotels, Pensionen oder Night Clubs. 78 Gotteshäuser wurden in Moscheen verwandelt, 28 zu militärischen Zwecken und zur Einrichtung von Krankenhäusern und 13 als Vorratslager benutzt."
Im griechischen Teil Zyperns wurden die Moscheen unangetastet gelassen.
Hauptsächlich England war es, das bewusst konflikbringende Grenzen gezogen hat im Nahen Osten. Oder ist es Zufall, dass die Grenzen die natürlichen Lebensräume verschiedener Völker durcheinander bringen. Dann gibt es Krieg: Mein Gebiet, nein mein Gebiet etc. Ist es Zufall,dass England Zypern von sich liess, als die griehischen Zyprioten die ganze Insel an Griechenland anbinden wollten? Das Problem liessen die Briten da. Dabei hätten sie die grieschichen Zyprioten zurechtweisen müssen. Alles Zufall? Eher gewollte Aussenpolitik. Denn je mehr Probleme die anderen untereinander haben und sich gegenseitig töten und nie weiterkommen, desto mehr profitiert man selber (England) und desto besser entwickelt ist man gegenüber den anderen. Ich finde das nur eine hässliche Aussenpolitik.
So, nachdem sie jetzt alle Probleme des Orients auf die europäischen Kolonialmächte geschoben haben, können Sie jetzt noch einen Artikel darüber bringen, wie der Islam überhaupt nach Vorderasien und Indien kam: nämlich durch eine 1000-jährige Aggression, durch dauernde Kriegführung und Unterdrückung.
http://de.wikipedia.org/w...
Und meinen Sie, die mehrheitlich christliche Bevölkerung von Ägypten und Syrien hat am Ende der Spätantike die islamischen Erobererheere mit Begeisterung empfangen?
...sich aus dem Nahost-Konflikt komplett herauszuhalten. Und wir sind auf dem besten Weg: Während die Unterstützung Europas für Isreal dank Gaza-Krieg, der Mauer und dem Siedlungsbau zusehends schwindet, scheint es die arrogante Politik Netanjahus sogar zu schaffen, den letzten Verbündeten -die USA- zu verschmähen. Wenn sich Israels Vorgehensweise bis zum Ende von Obamas Amtszeit nicht grundlegend ändert, wird Israel alleine dastehen und sich langfristig mit den Palästinensern und Syrern einigen müssen. Und das wird Al-Qaida und co jeglichen Wind aus den Segeln nehmen.
Allerdings scheinen nicht nur im Nahen Osten viele Menschen noch zu sehr in der Vergangenheit zu leben, sondern auch hier. Zumindest kann man diesen Eindruck gewinnen, wenn man die Kommentare von SuspirodelMoro, streichholz und ibn_ruschd liest.
Für wie ungebildet hält uns der Verfasser dieses Berichts eigentlich? Das Thema kann nicht auf die letzten paar Jahrzehnte eingegrenzt, betrachtet werden. Der Krieg fängt mindestens 625 n.Chr. an: "Die jüdischen Banū ʾl-Naḍīr räumten nach erfolglosen Verhandlungen mit ihrem Anführer Ḥuyayy b.Aḫṭab, einer langen Belagerung ihrer Siedlungen und der Vernichtung ihrer Palmenhaine durch die muslimischen Truppen im August 625 die Umgebung von Medina mit rund sechshundert Kamelen endgültig und siedelten zunächst in der Oase von Ḫaibar an, von wo sie dann im Jahre 628 nach Syrien vertrieben wurden." Weiter z.B. in Wikipedia unter dem Stichwort Mohammed.
Wir sollten uns klar darüber werden, daß dieser Krieg jetzt schon seit rund 1400 Jahren währt. Und jetzt hat er Europa (erneut) erreicht. Mit Geschichtsunkenntnis kommen wir da nicht weiter. Es steht im übrigen alles im Koran, für jedermann nachlesbar. Ein anderes seinerzeit öffentlich zugängliches Werk wurde offenbar auch weder ernst genommen noch viel gelesen. Das Ergebnis ist bekannt.
...hält uns der Verfasser dieses Berichts eigentlich? Das Thema kann nicht auf die letzten paar Jahrzehnte eingegrenzt, betrachtet werden."
Und bringt uns diese kleine Geschichte aus dem Jahre 625 bei der Lösung heutiger Konflikte weiter? Nein.
Jedoch lässt die Tatsache, dass Sie ein 1000 Jahre altes Buch ohne Rücksicht auf die Zeit, in der es geschrieben wurde, wörtlich interpretieren wollen, durchaus Rückschlüsse auf Lücken in Ihrer Bildung zu.
...hält uns der Verfasser dieses Berichts eigentlich? Das Thema kann nicht auf die letzten paar Jahrzehnte eingegrenzt, betrachtet werden."
Und bringt uns diese kleine Geschichte aus dem Jahre 625 bei der Lösung heutiger Konflikte weiter? Nein.
Jedoch lässt die Tatsache, dass Sie ein 1000 Jahre altes Buch ohne Rücksicht auf die Zeit, in der es geschrieben wurde, wörtlich interpretieren wollen, durchaus Rückschlüsse auf Lücken in Ihrer Bildung zu.
...hält uns der Verfasser dieses Berichts eigentlich? Das Thema kann nicht auf die letzten paar Jahrzehnte eingegrenzt, betrachtet werden."
Und bringt uns diese kleine Geschichte aus dem Jahre 625 bei der Lösung heutiger Konflikte weiter? Nein.
Jedoch lässt die Tatsache, dass Sie ein 1000 Jahre altes Buch ohne Rücksicht auf die Zeit, in der es geschrieben wurde, wörtlich interpretieren wollen, durchaus Rückschlüsse auf Lücken in Ihrer Bildung zu.
Ich danke Ihnen Herr Thumann und Herr Ladurner für Ihren sachlichen Bericht und Ihre Mühe bei dieser langen und sicherlich anstrengenden Reise auf der Suche nach Antworten. Trifft man leider ganz selten in der heutigen westlichen und besonders deutschen intellektuellen, politischen und Medienlandschaft.
Man könnte einige Punkte ansprechen, aber es gibt meiner Erfahrung nach so viele virtuelle Tollwütigen Amokläufer unterwegs, die dennoch oft weh tun können. Daher noch mal meinen Dank.
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