Der Mann hat schon lange zu den Verfolgern gehört. Mal Vierter, mal Siebter, mal Sechster. Jetzt ist er ganz oben. Georg Baselitz, Künstlerweltmeister aus Deutschland. Die Urkunde stammt vom Kunstkompass, der selber wiederum ranghöchsten Rating-Agentur in Sachen zeitgenössischer Kunst.

Alle Jahre wieder werden die Ruhmesstatistiken aufgefrischt. Es gibt für fast alle kunstbetrieblichen Belange getreulich geführte Kataster und Karteien. Das teuerste Bild des Jahres. Das teuerste Bild eines deutschen Malers. Der höchste Preis für das Werk eines lebenden, eines toten Künstlers. Die Ausstellung des Jahres. Der Kunstverein des Jahres. Die fünfzig wichtigsten Künstler der Schweiz. Die bedeutendsten Kunstsammler. Der mächtigste Kurator. Die Shootingstars unter den jungen Galeristen. Der lang gediente Vierte, Siebte, Sechste, der einen Riesensprung nach vorn getan hat. Was aber weiß man eigentlich, wenn man weiß, dass jenseits von Georg Baselitz keiner mehr ist? Und wer hat was vom Ranking?

Ein Tenniscrack wie Roger Federer verdient zumindest mehr, wenn er die Weltrangliste anführt. Dafür hat er aber nicht nur ein Grand-Slam-Turnier bestreiten, sprich gewinnen müssen. Baselitz hat keinen einzigen Matchball verwandelt. Er ist auch nicht mit einem überraschenden neuen Werk an die Öffentlichkeit getreten, und man kann sich an keine Ausstellung erinnern, die sich so viel grandioser als manche anderen Kunstauftritte des Jahres angelassen hätte. Er ist einfach aufgestiegen. Dank der weitverzweigten Expertenrunde, die im Auftrag der Kunstkompass- Redaktion den Namen Baselitz ein paarmal häufiger genannt hat als in den Vorjahren. Dass er als Weltbester bessere Ausstellungschancen und mehr Platz in den Feuilletons bekommen wird, steht nicht zu erwarten. Nicht einmal das Preisniveau seiner Bilder und Skulpturen hat sich entschieden gehoben. Noch immer ist der auf den zweiten Platz zurückgefallene Gerhard Richter der teurere Maler. Was kann – unterhaltungsbetrieblich gesehen – noch kommen, wenn einer ganz oben auf dem Treppchen steht? Seligsprechung? Himmelfahrt?

Die Bestenlisten sind nach allen Regeln analytischer Vernunft in ihre belanglosen Teile zerlegt worden. Ihrer Beliebtheit hat kein kulturkritischer Scharfsinn je etwas anhaben können. Je vitaler, bunter, verwirrender sich die in Szenen zerfallenen Gesellschaften darbieten, desto beliebter scheint das Spiel mit den Auf- und Absteigern zu werden. Als die ZEIT vor vielen Jahren einen Kanon der hundert bedeutendsten Werke der Weltliteratur zusammenstellte, hatte man noch die schöne bildungsbürgerliche Gewissheit, immerhin sechzig Prozent bereits gelesen und die restlichen vierzig längst auf der To-do-Liste zu haben. Die Liste ersetzt nicht das eigene Urteil. Aber sie hilft einem bei der Frage, von wo aus und auf welchem Level man bei der eigenen Urteilsfindung ansetzen könnte. Es ist keineswegs verboten, den Weltranglisten-Ersten selber frech zurückzustufen. Aber wer ihn ganz aus dem Exzellenz-Cluster streicht, muss schon sehr gute Argumente haben.

Dass es Spaß macht, die dramatischen Bewegungen in den Charts zu verfolgen, ist ja nur das eine. Das andere aber doch, dass auch allemal etwas Übersicht versprochen ist. Plötzlich diese Übersicht heißt eine famose Gruppe knolliger Tonfigürchen aus der Werkstatt des Künstlerduos Peter Fischli und David Weiss. Die beiden gehören zu den raren Fünf-Sterne-Künstlern, amtlich beglaubigt vom hochseriösen Schweizerischen Institut für Kunstwissenschaft. Und 2010 werden sie wieder dazugehören.