Der 21-jährige Louis-Ferdinand Destouche schreibt an seine Jugendfreundin. Ihm habe ein Monseigneur Bernadotte eine Begebenheit erzählt. Nachdem der Geistliche einer Kinderklasse vom Paradies vorgeschwärmt habe, sei ein vierjähriges Mädchen gekommen: »Wenn ich den ganzen Vormittag mit den Engelchen gespielt habe, erlaubt mir dann der Liebe Gott, am Nachmittag mit einem Teufelchen zu spielen?« – ihm, dem Briefeschreiber, sei die Geschichte »lustig vorgekommen«.

Der Brief datiert vom 8. Mai 1916. Da war der junge Franzose schon im Krieg gewesen, jetzt hielt er sich in Liverpool auf (»Sie können sich nie und nimmer einen dermaßen widrigen, dreckigen und religiösen Ort vorstellen«). Sechzehn Jahre später sollte er mit seiner Reise ans Ende der Nacht die bisherigen Vorstellungen davon in die Luft sprengen, was ein Roman sei. »Céline« lautete sein Künstlername, und er spielte bald nur noch mit den Teufeln.

Eine Auswahl seiner Briefe – rund 4000! – ist soeben in der Bibliothèque de la Pléiade erschienen, dem Parnass der französischen Literatur. Das voluminöse Werk, aufwendig ediert und kommentiert, liest sich wie ein Entwicklungsroman. Es gibt auch auf die zwei ätzendsten Fragen eine Antwort: Wie wurde Céline zum Antisemiten – und was hat das mit seinem Werk zu tun?

»So hat das angefangen«, lautet der erste Satz der Reise; das Phänomen Céline beginnt mit dem Krieg, und darin liegt auch der Schlüssel zu seinem Werk. Mobilisiert am 1. August, erlebt er bald das Gemetzel, und wenn er auch heldentümliche Briefe nach Hause schreibt, so geben sie doch zugleich ohne Beschönigung Eindrücke der Massenschlächterei wieder. Der Leser begreift, warum sich der Erste Weltkrieg tiefer im Gedächtnis der Franzosen versenkt hat als der Zweite. Der junge Soldat schildert die Massaker an der französischen Zivilbevölkerung, glaubt an einen schnellen Sieg und hofft auf einen Frieden, der die Deutschen teuer zu stehen kommen möge.

Nach einer schweren Verletzung entlässt ihn der Krieg, aber nur physisch. »Ich habe tausend Seiten Alptraum auf Lager«, schreibt er 1930 an Joseph Garcin, einen Freund, der ähnliche Kriegserfahrungen gemacht hat. Zu dieser Zeit arbeitet Céline an seiner Reise, dem eindringlichsten Antikriegsroman der Literaturgeschichte. Noch im Felde war aus dem begeisterten Soldaten jemand geworden, der den Krieg abgrundtief hassen gelernt hat und mit ihm den Hurrapatriotismus, den eigenen eingeschlossen. Ganz Antimilitarist, schreibt er 1920: »Es gibt einen verdammt viel größeren Unterschied zwischen einem französischen Bourgeois und einem armen Gallier als zwischen einem reichen Franzosen und einem opulenten Teutonen.«

Céline ein Linker? Zuweilen spricht er von Klassengegensätzen, um dann aber wieder alles Gespinst beiseitezuwischen und den reinen Céline zu zeigen: Ihm ist der Mensch als solcher ein Scheusal. Und der Proletarier nur »ein erfolgloser Bourgeois. Nicht mehr. Nicht weniger. Daran ist nichts Anrührendes, kein Grund zu trotteliger und schurkischer Flennerei. Das ist alles« (1935).

Im Sommer 1933 beginnt Céline mit der Arbeit an seinem hinreißenden Roman Tod auf Kredit. Wie jedes seiner Bücher ist auch dieses eine Art fiktiver Autobiografie; es schildert den Zusammenbruch kleinbürgerlicher Lebensumstände unter dem Druck des alles verschlingenden Kapitalismus, und es radikalisiert die Wutsprache der Reise. Aber – war da nicht noch etwas in diesem Jahr 1933?