1. Vor einiger Zeit sah ich einen mittlerweile vierzig Jahre alten Dokumentarfilm, Nachrede auf Klara Heydebreck: die Lebensgeschichte einer Westberliner Rentnerin, die Selbstmord begangen hat. Offensichtlich überrascht von der Tat, versuchen Verwandte, das Hausmeisterehepaar, Nachbarn und der mit dem Fall betraute Polizist ein Bild von der Frau zu geben. Mit frappierender – für die damalige schwarz-weiße Zeit üblichen? – Menschenunkenntnis beschreiben die Befragten sie dann aber allesamt nur als "alte Jungfer", "irgendwie komisch" oder "eben anders". Keine Vermutung darüber, warum sie zurückgezogen lebte, nicht verheiratet war oder wie sich verschüttete Wünsche oder Erlebnisse auf die Psyche eines Menschen auswirken können. Nur wenige Dinge zeugten von ihr: Theaterprogramme, Beweise einer Leidenschaft fürs Malen und für den Chor. Was bleibt, ist der Eindruck eines Geheimnisses. Dieses Geheimnis aber ist kein objektives. Es entsteht, wenn ein Mensch mit seinen Träumen und Fähigkeiten nicht in die aktuelle Gesellschaftsnorm passt, wenn er im Verborgenen halten muss, was er zu anderen Zeiten vielleicht ausgelebt hätte. So blieb die Frau ausgebremst – vermutlich auch sich selbst unbekannt – und bis zu ihrem Tod eingeschlossen in das enge Korsett ihrer Epoche, der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

2. Ich denke daran, dass noch bis vor Kurzem aus dieser Situation fast alle Literatur geboren wurde: wie der Einzelne mit seiner Zeit, die immer größer ist als er, kollidiert, sie manchmal beherrschen lernt, meistens aber gegen sie lebt, an ihr zerbricht oder in ihr verschwindet. Wie er sich aus der Umklammerung durch die Gesellschaft oder eine politische Ordnung herauszuwinden versucht. Antigone muss sterben, weil sie gegen die Staatsräson handelt, Werther, weil die Standesschranken ihn am Leben und Lieben hindern, Christa T. scheitert an einem Land, das den Einzelnen mit seinen Träumen und Hoffnungen verkümmern lässt… Ob Göttergebot oder lähmende Traditionen, lustfeindliche Kirchenwelten oder mörderische Diktaturen, labyrinthische Bürokratien oder kriegerische Epochen – überall Zwänge, Übergriffe, Einengungen und Beschränkungen, an denen sich die Helden abarbeiten. Die Geschichte der Literatur ist auch als einer der Befreiungsversuche davon zu lesen.

3. Verändert es die Literatur, wenn sie in einer Gesellschaft entsteht, die nicht Behinderung der persönlichen Entfaltung bedeutet, sondern im Gegenteil die Selbstentfaltung zum Programm erhebt? Wenn die Figuren sich nicht mehr Schranken gegenübersehen (ob sie daran nun zugrunde gehen oder nicht), sondern dem freien Raum? Der lebensweltliche und literarische Standardkonflikt der früheren Zeiten, der Kampf des Einzelnen gegen Zwänge und Vorherrschaften, scheint der Literatur nicht mehr angemessen. Wenn die Internatsmauern übersprungen sind, die Provinzen problemlos verlassen wurden und Liebesbeziehungen ohne Todesdrohung unspektakulär eingegangen werden, beginnt unsere Gegenwart. Selbstverständlich kann man noch immer Internatsromane schreiben, kann die Engstirnigkeit der Provinz thematisieren oder den Zorn eines bornierten Vaters angesichts einer Heirat. Aber man wird damit nicht die Geschichte unserer Gegenwart schreiben. Nur Geschichten, die in der Gegenwart spielen.

In wenigen Jahrzehnten hat sich das oft tragische Aufbegehren gegen Mächte, Konventionen oder Gesetze in ein Scheitern an sich selbst verwandelt. Nichts mehr zu delegieren. Das faustschüttelnde Fluchen gilt keinem Staatschef mehr, keiner übermächtigen Vätergeneration oder gar Gott. Wir: unser eigener Feind. Wo die jahrhundertealte Gängelung und Bedrohung verschwunden sind, das Individuum aus den Klauen von Disziplinarmächten befreit wurde und die Verpflichtung zur Eigeninitiative zur Regel erhoben wird, stehen wir – seltsam allein gelassen – nur noch uns selbst und unserem eigenen Unvermögen gegenüber. Natürlich ist in einer solchen Welt der Konflikt nicht abgeschafft. Liebesverrat, Krankheit, Einsamkeit, Feigheit oder Tod existieren so lange wie der Mensch. Mit einem Unterschied jedoch: Der Umgang damit betrifft nur ihn selbst. Wenn die Wände, die uns umgeben, nur noch die des eigenen Schädels oder Körpers sind, wird auch die Schuldfrage zu einer persönlichen.

Wenn Romanfiguren als Abbild menschlicher Erfahrung nicht mehr den utopischen Raum einer zweiten Möglichkeit ihrer Existenz erahnen lassen, fällt alles Geheimnisvolle von ihnen ab. Sie verlieren jene spezielle Tiefe, die von der Sehnsucht eines verhinderten, verratenen Lebens herrührt. Sie sind, was sie sind. Und frei, sich zu verändern. Frau Heydebreck fehlte heute alles Tragische. Fröhlich würde sie womöglich mit einer Frau gelebt haben. Oder ihrer Schwermut wäre mit ein paar Therapiesitzungen Abhilfe geschaffen worden. Ihr Leben käme uns banaler vor – und nicht mehr gehemmt und verschleiert durch eine restriktive Zeit.

4. Heiner Müller hat die Heraufkunft unserer postpolitischen Zeit für ganz Europa genau erfasst (und als Dramatiker gefürchtet!), als er nach 1989 sagte, die Zeit des Dramas (der klaren Gegnerschaft also, der klaren Widersprüche) sei vorbei, jetzt komme die Zeit des Epischen.

Vielleicht waren die besten Bücher der DDR-Literatur, dieses überlangen Triebes des Modernegewächses, innerhalb der gesamtdeutschen die letzten, in denen sich das Wesen des klassischen Konflikts noch präsentieren konnte: die heillose Verstrickung des Individuums in den Fäden der Gesellschaft. Von dort winkt es noch zu uns herüber: das Hadern und Zweifeln, die Selbstbefragungen (vor einem genau umrissenen Hintergrund), die Fluchtbewegungen, das traurige Abgleichen von Anspruch und Wirklichkeit, Ideal und Realität – das alles wirkt inzwischen seltsam unzeitgemäß. Käme es uns nicht lächerlich vor, verzweifelte eine Figur in einem Gegenwartsroman an der Frage, wie und ob sie der Gesellschaft dienen könne? Wenn sie spürte, dass die Liebe etwa sie von einem höheren Auftrag abhielte, sie am Fortschrittsgedanken verzweifelte, wenn es sie zerrisse, dass sie dem Zukunftsentwurf der Gesellschaft nicht folgen könnte (wer hat schon Einwände gegen Demokratien)? Wenn sie zugrunde ginge an ihrer Logik? Fragen, die wie der Samen einer inzwischen ausgestorbenen Pflanzenart herumtreiben.