Literatur und Diktatur Der klassische Held und die Freiheit
Gedeiht große Literatur nur in Zeiten der Repression?
© Dietmar Katz/bpk

Standardkonflikt in der DDR-Literatur: Der Einzelne und die Obrigkeit (Foto 1989)
1. Vor einiger Zeit sah ich einen mittlerweile vierzig Jahre alten Dokumentarfilm, Nachrede auf Klara Heydebreck: die Lebensgeschichte einer Westberliner Rentnerin, die Selbstmord begangen hat. Offensichtlich überrascht von der Tat, versuchen Verwandte, das Hausmeisterehepaar, Nachbarn und der mit dem Fall betraute Polizist ein Bild von der Frau zu geben. Mit frappierender – für die damalige schwarz-weiße Zeit üblichen? – Menschenunkenntnis beschreiben die Befragten sie dann aber allesamt nur als »alte Jungfer«, »irgendwie komisch« oder »eben anders«. Keine Vermutung darüber, warum sie zurückgezogen lebte, nicht verheiratet war oder wie sich verschüttete Wünsche oder Erlebnisse auf die Psyche eines Menschen auswirken können. Nur wenige Dinge zeugten von ihr: Theaterprogramme, Beweise einer Leidenschaft fürs Malen und für den Chor. Was bleibt, ist der Eindruck eines Geheimnisses. Dieses Geheimnis aber ist kein objektives. Es entsteht, wenn ein Mensch mit seinen Träumen und Fähigkeiten nicht in die aktuelle Gesellschaftsnorm passt, wenn er im Verborgenen halten muss, was er zu anderen Zeiten vielleicht ausgelebt hätte. So blieb die Frau ausgebremst – vermutlich auch sich selbst unbekannt – und bis zu ihrem Tod eingeschlossen in das enge Korsett ihrer Epoche, der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.
2. Ich denke daran, dass noch bis vor Kurzem aus dieser Situation fast alle Literatur geboren wurde: wie der Einzelne mit seiner Zeit, die immer größer ist als er, kollidiert, sie manchmal beherrschen lernt, meistens aber gegen sie lebt, an ihr zerbricht oder in ihr verschwindet. Wie er sich aus der Umklammerung durch die Gesellschaft oder eine politische Ordnung herauszuwinden versucht. Antigone muss sterben, weil sie gegen die Staatsräson handelt, Werther, weil die Standesschranken ihn am Leben und Lieben hindern, Christa T. scheitert an einem Land, das den Einzelnen mit seinen Träumen und Hoffnungen verkümmern lässt… Ob Göttergebot oder lähmende Traditionen, lustfeindliche Kirchenwelten oder mörderische Diktaturen, labyrinthische Bürokratien oder kriegerische Epochen – überall Zwänge, Übergriffe, Einengungen und Beschränkungen, an denen sich die Helden abarbeiten. Die Geschichte der Literatur ist auch als einer der Befreiungsversuche davon zu lesen.
Die Schriftstellerin Julia Schoch, geb. 1974 in Bad Saarow/Brandenburg, veröffentlichte zuletzt im Piper Verlag, München, den Roman »Mit der Geschwindigkeit des Sommers«
3. Verändert es die Literatur, wenn sie in einer Gesellschaft entsteht, die nicht Behinderung der persönlichen Entfaltung bedeutet, sondern im Gegenteil die Selbstentfaltung zum Programm erhebt? Wenn die Figuren sich nicht mehr Schranken gegenübersehen (ob sie daran nun zugrunde gehen oder nicht), sondern dem freien Raum? Der lebensweltliche und literarische Standardkonflikt der früheren Zeiten, der Kampf des Einzelnen gegen Zwänge und Vorherrschaften, scheint der Literatur nicht mehr angemessen. Wenn die Internatsmauern übersprungen sind, die Provinzen problemlos verlassen wurden und Liebesbeziehungen ohne Todesdrohung unspektakulär eingegangen werden, beginnt unsere Gegenwart. Selbstverständlich kann man noch immer Internatsromane schreiben, kann die Engstirnigkeit der Provinz thematisieren oder den Zorn eines bornierten Vaters angesichts einer Heirat. Aber man wird damit nicht die Geschichte unserer Gegenwart schreiben. Nur Geschichten, die in der Gegenwart spielen.
In wenigen Jahrzehnten hat sich das oft tragische Aufbegehren gegen Mächte, Konventionen oder Gesetze in ein Scheitern an sich selbst verwandelt. Nichts mehr zu delegieren. Das faustschüttelnde Fluchen gilt keinem Staatschef mehr, keiner übermächtigen Vätergeneration oder gar Gott. Wir: unser eigener Feind. Wo die jahrhundertealte Gängelung und Bedrohung verschwunden sind, das Individuum aus den Klauen von Disziplinarmächten befreit wurde und die Verpflichtung zur Eigeninitiative zur Regel erhoben wird, stehen wir – seltsam allein gelassen – nur noch uns selbst und unserem eigenen Unvermögen gegenüber. Natürlich ist in einer solchen Welt der Konflikt nicht abgeschafft. Liebesverrat, Krankheit, Einsamkeit, Feigheit oder Tod existieren so lange wie der Mensch. Mit einem Unterschied jedoch: Der Umgang damit betrifft nur ihn selbst. Wenn die Wände, die uns umgeben, nur noch die des eigenen Schädels oder Körpers sind, wird auch die Schuldfrage zu einer persönlichen.
Wenn Romanfiguren als Abbild menschlicher Erfahrung nicht mehr den utopischen Raum einer zweiten Möglichkeit ihrer Existenz erahnen lassen, fällt alles Geheimnisvolle von ihnen ab. Sie verlieren jene spezielle Tiefe, die von der Sehnsucht eines verhinderten, verratenen Lebens herrührt. Sie sind, was sie sind. Und frei, sich zu verändern. Frau Heydebreck fehlte heute alles Tragische. Fröhlich würde sie womöglich mit einer Frau gelebt haben. Oder ihrer Schwermut wäre mit ein paar Therapiesitzungen Abhilfe geschaffen worden. Ihr Leben käme uns banaler vor – und nicht mehr gehemmt und verschleiert durch eine restriktive Zeit.
4. Heiner Müller hat die Heraufkunft unserer postpolitischen Zeit für ganz Europa genau erfasst (und als Dramatiker gefürchtet!), als er nach 1989 sagte, die Zeit des Dramas (der klaren Gegnerschaft also, der klaren Widersprüche) sei vorbei, jetzt komme die Zeit des Epischen.
Vielleicht waren die besten Bücher der DDR-Literatur, dieses überlangen Triebes des Modernegewächses, innerhalb der gesamtdeutschen die letzten, in denen sich das Wesen des klassischen Konflikts noch präsentieren konnte: die heillose Verstrickung des Individuums in den Fäden der Gesellschaft. Von dort winkt es noch zu uns herüber: das Hadern und Zweifeln, die Selbstbefragungen (vor einem genau umrissenen Hintergrund), die Fluchtbewegungen, das traurige Abgleichen von Anspruch und Wirklichkeit, Ideal und Realität – das alles wirkt inzwischen seltsam unzeitgemäß. Käme es uns nicht lächerlich vor, verzweifelte eine Figur in einem Gegenwartsroman an der Frage, wie und ob sie der Gesellschaft dienen könne? Wenn sie spürte, dass die Liebe etwa sie von einem höheren Auftrag abhielte, sie am Fortschrittsgedanken verzweifelte, wenn es sie zerrisse, dass sie dem Zukunftsentwurf der Gesellschaft nicht folgen könnte (wer hat schon Einwände gegen Demokratien)? Wenn sie zugrunde ginge an ihrer Logik? Fragen, die wie der Samen einer inzwischen ausgestorbenen Pflanzenart herumtreiben.
- Datum 30.12.2009 - 16:13 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 30.12.2009 Nr. 01
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JODGOR OBID, Dichter und Menschenrechtsaktivist aus Usbekistan im Exil in Österreich beweist jeden Tag, dass Poesie und einfaches Aussprechen von Wahrheiten beste Dichtung hervorbringen.
http://derstandard.at/302...
http://de.wikipedia.org/w...
http://de.qantara.de/webc...
Von der Lektüre Bassam Tibi´s blieb mir ein besonderer Ausspruch im Kopf. Die Deutschen würden zur Romantisierung neigen. Die Epoche des Biedermeier beweist dies eindrucksvoll. Sobald man mühevoll gegen das Drängen des Systems ankämpfen müsste, resigniert man lieber und gibt sich der vollkommenen Romantisierung des Fremden oder Zurückliegenden hin.
Zwischen Biedermeier und unserer Moderne lassen sich unheilvolle Parallelen erkennen, allerdings sind die systemischen Zwänge heute wesentlich subtiler, dafür umso gewaltsamer. Wer in der heutigen Freiheit das absolute Ende der Entwicklung sieht, verkennt, dass selbst die Freiheit systemisch determiniert. Das Individuum ist zwar oberflächlich frei, jedoch nicht frei von Gesellschaft.
Heutige Konflikte und sich abzeichnende Katastrophen sind umso gewaltiger im Vergleich zu früheren, doch statt der heutigen Zeit Konturen zu verleihen, ebendiese Konfliktlinien abzuzeichnen, der heutigen Zeit zu gestatten, ebenso Epochencharakter zu erhalten, verliert die Mehrheit sich in der Romantisierung des Fremden und Früheren.
Doch dies ist die Gefahr dabei, die Gefahr, dort wo die Waffe der Worte gebraucht werden, zu fehlen, sich stattdessen in den romantischen Gefilden der Vergangenheitsduseligkeit, der rührseeligen Verleugnung der gegenwärtigen Zeit wiederzufinden.
Sind wir Deutschen derart verblendet, dass wir die Hand vor Augen nicht sehen wollen, nur weil leichter Nebel um uns liegt?
Ich wundere mich sehr, dass bei Ihnen scheinbar die romantische und die biedermeierische Geisteshaltung die gleichen Resultate hervorbringen. Diese völlig gleichzusetzen entspricht aber einem irregeleiteten Verständnis von Ersterem; romantische Ansichten verbinden sich nicht blind mit einer Apologetik des Vergangenen, sondern bewahren sich das Moment des eruptiven Hervorbringens neuerlicher Impulse.
Ich wundere mich sehr, dass bei Ihnen scheinbar die romantische und die biedermeierische Geisteshaltung die gleichen Resultate hervorbringen. Diese völlig gleichzusetzen entspricht aber einem irregeleiteten Verständnis von Ersterem; romantische Ansichten verbinden sich nicht blind mit einer Apologetik des Vergangenen, sondern bewahren sich das Moment des eruptiven Hervorbringens neuerlicher Impulse.
Mir scheint, eine Schriftstellerin, die nichts zu sagen hat, sucht die ihre Einfallslosigkeit in den Umständen der Gesellschaft.
Anscheinend sind der Frau Schoch die Schriftsteller des 19. Jh. abhanden gekommen, wovon nicht wenige, ich denke nur an den Roman Effi Briest, in einer recht freien mittleren Gesellschaftsschicht spielten, deren einzige Sorge die Heiratsversprechen der Eltern waren. Effi Briest ist nun aber ein großer Roman und widerlegt ihre These.
Es sind nicht die historischen Umstände eines Romans, die den Roman groß machen, sondern allein der Schriftsteller: denn das, was er erkennt, was er ausdrückt, wie er es ausdrückt, ist das, was er vermittelt, was den Roman auszeichnet - und nur das.
Ich erkenne häufig, dass die viele Schriftsteller hierin irgendwie stumpf sind. Ich denke nur an die peinlichen Formdebatten junger Autoren, die einem Literaturinstitut oder Dorfpreis gerade so entstiegen sind. Man denke an die unendlichen Formdebatten junger Theaterleute, die dann letztlich wenig vollbringen und sich noch wundern, dass sie niemand erhören möchte.
Imre Kertesz wies in einer beißenden Rede, die ich leider nicht parat habe, auf diese Modeschriftsteller hin. Sie alle beklagen dasselbe und jammern, dass sie bald verhungern werden. Meiner Erfahrung nach ähneln sie Journalisten und anderen Angestellten, die von einer glorreichen Zukunft in einem zerstörten Land träumen. Es ist zynisch, widerlich und falsch.
Ich wundere mich sehr, dass bei Ihnen scheinbar die romantische und die biedermeierische Geisteshaltung die gleichen Resultate hervorbringen. Diese völlig gleichzusetzen entspricht aber einem irregeleiteten Verständnis von Ersterem; romantische Ansichten verbinden sich nicht blind mit einer Apologetik des Vergangenen, sondern bewahren sich das Moment des eruptiven Hervorbringens neuerlicher Impulse.
Der Autorin nach müssten wir ja alle in einer heilen Welt leben. Frieden und Freiheit sind verwirklicht, das Ende der Geschichte erreicht...
Aber was sie beschreibt ist lediglich das Lebensgefühl aus der Sicht der neuen Bürgerlichkeit. Es betrifft nicht nur nicht die Unterdrückten in exotischen Staaten, es betrifft ebenfalls nicht die Unterdrückten hierzulande und das sind die Überflüssigen, Ausrangierten, wirtschaftlich nicht weiter ausbeutbaren, nicht zwangsläufig unterqualifizierten aber trotzdem abseits der Gesellschaft stehenden Menschen.
Die fallen bloß nicht sonderlich auf, weil die Überflüssigen kulturell höchst diversifiziert sind und sich nicht zu einer gemeinsamen Alternativ- oder Gegenbewegung zusammenraffen können. Das macht ihr Leiden letztlich zur Privatsache. Sie sind nicht nur arm, sondern auch noch vereinzelt und ihnen fehlt jegliche Kraft mit einem Befreiungsschlag eine Zeitgeistwende herbei zu führen.
Aber der Tag wird kommen, wo man der fiesen Fratze der Bürgerlichkeit mal wieder den Spiegel vorhält. Denn Geschichte endet niemals und angestaute Spannungen müssen gelöst werden, irgendwann...
Der Autorin kann ich nur zustimmen. Ein sehr guter Artikel. Was Effi Briest angeht, so stützt dieser Roman Julia Schochs Argumentation nur. Denn die Gesellschaft im 19. Jahrhundert war eben beileibe nicht so frei wie Kommentar Nr. 3 behauptet. Das wurde ja gerade zum Konflikt des Romans.
Es ist eine politisch opportune Schimäre mit narkotisierender Wirkung, zu behaupten, der westliche Spätkapitalismus habe einen repressionslosen Spielraum für jedermann verwirklicht, der persönlichen Mut, wahres Heldentum samt entsprechender Literatur obsolet mache. Das Gegenteil ist der Fall. Ob es um Gewalt in Familien geht, um Markendiktat, Erpressung, Mobbing an Schulen, um die Totalüberwachung von Mitarbeitern, um sexuelle Ausbeutung und Folter im Netz, um Hetzjagden, Brandanschläge auf Ausländer oder Obdachlose. Der Terror wächst zwischen den Zeilen des Grundgesetzes, und keiner wird ihm Herr. Immer öfter stoßen Einzelne, ich könnte auch sagen, stößt das
Individuum, auf die Übermacht einer Gruppe und wird: vernichtet. Nur wenige haben die Courage, einem Schutzlosen zu helfen. Doch wer es tut, ist eine Heldin. Das ist heute nicht anders als im Römischen oder im Dritten Reich. Das ist in Moskau nicht anders als in Köln oder Berlin Mitte. “Wo aber das Verbotene in die Krise geraten ist... müssen auch der klassische Konflikt und seine Intrige verloren gehen“, schreibt die Autorin. Ich widerspreche und stelle fest: die Intrige, die Verschwörung, die sektenhafte Verbunkerung, der militante Chorgeist sind zum heimlichen Wesensmerkmal, zum totalitären Kern unserer postdemokratischen Gesellschaft geworden. So war es immer schon, so wird es immer sein - im entscheidenden Augenblick sind wir allein; ganz gleich, wieviele Leute noch in der Lounge sind.
Barbara M. Kloos, 1.1.2010
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