Literatur und Diktatur Der klassische Held und die FreiheitSeite 3/3

6. Natürlich gibt es Fluchtmöglichkeiten. Autoren und Leser stürzen sich ins Historische, ins Genre oder ins Exotische. Literatur aus Ländern wie der Türkei, Südafrika oder Mexiko scheint diese spezielle Sehnsucht, die man die Nostalgie der Moderne nennen könnte, zu erfüllen. Dort finden wir sie noch: die Eindeutigkeiten des verhinderten Lebens, den dankbaren Kampf für das große Glück gegen eine Welt der Vorschriften und Herrschaften. Eine Welt, in der persönliches Leid noch in Zusammenhang steht mit einer höheren, zwar einschränkenden Macht, die der menschlichen Existenz aber immer auch Gewicht verleiht. Wo aber das Verbotene in die Krise geraten ist – wie in Westeuropa –, müssen auch der klassische Konflikt und seine Intrige verloren gehen. Das als Katastrophe oder Drama wahrzunehmen ist für Schriftsteller immerhin eine Aufgabe (welch schönes knarzendes Wort!).

7. Am deutlichsten begreife ich, dass eine bestimmte Zeit vorbei ist und wir uns in einer anderen befinden, lese ich Bücher, in denen es noch um das Verhandeln sogenannter letzter Fragen geht und großäugig am Lauf der Geschichte beziehungsweise an der gesamten Menschheit verzweifelt wird. Denken wir an die trommelnden Zwerge, Kassandren oder Horatier, die noch bis vor ganz kurzer Zeit die deutsche Literatur geprägt haben und ja nicht bloße Verschlüsselungsparabeln auf aktuelle Lebensumstände in einem beschränkten und beschränkenden System (im Westen bis zum Ende der sechziger Jahre, im Osten bis 1989) waren. Nein, sie waren tatsächlich Abbildung des Lebensgefühls einer Epoche, Ausdruck der Bewusstseinslage von Menschen, die sich Mächten gegenübersahen, undurchdringlich, unbezwingbar, willkürlich. Und die vor diesem Hintergrund ebenso mächtige Fragen zu klären hatten: Fragen von Schuld, Verantwortung oder Verstrickung.

Anzeige

Auch bei Kritikern und Lesern gibt es eine diffuse Sehnsucht nach dieser klassischen Sichtweise aller modernen Literatur: Die Forderung nach dem »Wenderoman« in den neunziger Jahren war zum Beispiel eine solche. Eine allumfassende Geschichte, die für ein Volk, eine Epoche und eine einheitlich denkende Nachwelt Gültigkeit haben sollte. Natürlich muss dieses Verlangen nach dem Verbindlichen und Belangvollen vergeblich sein, denn es gibt ja kein Rückwärts in der Zeit. Unser Wissen um den Zwang zu Vielfalt, Offenheit und die Unendlichkeit der möglichen Erfahrungswelten sagt uns längst etwas anderes. Vielleicht hat der gelegentliche, leise empfundene Neid von Künstlern auf dieses Früher damit zu tun: Die erzwungene Auseinandersetzung, die Revolte gegen eine verspießerte oder klerikale oder politisch bevormundende Welt verschaffte dem Menschen – im Leben wie in der Literatur – den Eindruck, in einen Kampf mit etwas Großem, Titanischem verwickelt zu sein. Was sein Lebensgefühl bei aller Genervtheit jedes Mal auch ein bisschen titanischer färbte, denn man weiß ja: Unbezwingbare Gegner machen einen mit groß.

 
Leser-Kommentare
  1. JODGOR OBID, Dichter und Menschenrechtsaktivist aus Usbekistan im Exil in Österreich beweist jeden Tag, dass Poesie und einfaches Aussprechen von Wahrheiten beste Dichtung hervorbringen.
    http://derstandard.at/302...
    http://de.wikipedia.org/w...
    http://de.qantara.de/webc...

  2. Von der Lektüre Bassam Tibi´s blieb mir ein besonderer Ausspruch im Kopf. Die Deutschen würden zur Romantisierung neigen. Die Epoche des Biedermeier beweist dies eindrucksvoll. Sobald man mühevoll gegen das Drängen des Systems ankämpfen müsste, resigniert man lieber und gibt sich der vollkommenen Romantisierung des Fremden oder Zurückliegenden hin.

    Zwischen Biedermeier und unserer Moderne lassen sich unheilvolle Parallelen erkennen, allerdings sind die systemischen Zwänge heute wesentlich subtiler, dafür umso gewaltsamer. Wer in der heutigen Freiheit das absolute Ende der Entwicklung sieht, verkennt, dass selbst die Freiheit systemisch determiniert. Das Individuum ist zwar oberflächlich frei, jedoch nicht frei von Gesellschaft.

    Heutige Konflikte und sich abzeichnende Katastrophen sind umso gewaltiger im Vergleich zu früheren, doch statt der heutigen Zeit Konturen zu verleihen, ebendiese Konfliktlinien abzuzeichnen, der heutigen Zeit zu gestatten, ebenso Epochencharakter zu erhalten, verliert die Mehrheit sich in der Romantisierung des Fremden und Früheren.

    Doch dies ist die Gefahr dabei, die Gefahr, dort wo die Waffe der Worte gebraucht werden, zu fehlen, sich stattdessen in den romantischen Gefilden der Vergangenheitsduseligkeit, der rührseeligen Verleugnung der gegenwärtigen Zeit wiederzufinden.

    Sind wir Deutschen derart verblendet, dass wir die Hand vor Augen nicht sehen wollen, nur weil leichter Nebel um uns liegt?

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • R_B
    • 06.01.2010 um 21:16 Uhr

    Ich wundere mich sehr, dass bei Ihnen scheinbar die romantische und die biedermeierische Geisteshaltung die gleichen Resultate hervorbringen. Diese völlig gleichzusetzen entspricht aber einem irregeleiteten Verständnis von Ersterem; romantische Ansichten verbinden sich nicht blind mit einer Apologetik des Vergangenen, sondern bewahren sich das Moment des eruptiven Hervorbringens neuerlicher Impulse.

    • R_B
    • 06.01.2010 um 21:16 Uhr

    Ich wundere mich sehr, dass bei Ihnen scheinbar die romantische und die biedermeierische Geisteshaltung die gleichen Resultate hervorbringen. Diese völlig gleichzusetzen entspricht aber einem irregeleiteten Verständnis von Ersterem; romantische Ansichten verbinden sich nicht blind mit einer Apologetik des Vergangenen, sondern bewahren sich das Moment des eruptiven Hervorbringens neuerlicher Impulse.

  3. Mir scheint, eine Schriftstellerin, die nichts zu sagen hat, sucht die ihre Einfallslosigkeit in den Umständen der Gesellschaft.

    Anscheinend sind der Frau Schoch die Schriftsteller des 19. Jh. abhanden gekommen, wovon nicht wenige, ich denke nur an den Roman Effi Briest, in einer recht freien mittleren Gesellschaftsschicht spielten, deren einzige Sorge die Heiratsversprechen der Eltern waren. Effi Briest ist nun aber ein großer Roman und widerlegt ihre These.

    Es sind nicht die historischen Umstände eines Romans, die den Roman groß machen, sondern allein der Schriftsteller: denn das, was er erkennt, was er ausdrückt, wie er es ausdrückt, ist das, was er vermittelt, was den Roman auszeichnet - und nur das.

    Ich erkenne häufig, dass die viele Schriftsteller hierin irgendwie stumpf sind. Ich denke nur an die peinlichen Formdebatten junger Autoren, die einem Literaturinstitut oder Dorfpreis gerade so entstiegen sind. Man denke an die unendlichen Formdebatten junger Theaterleute, die dann letztlich wenig vollbringen und sich noch wundern, dass sie niemand erhören möchte.

    Imre Kertesz wies in einer beißenden Rede, die ich leider nicht parat habe, auf diese Modeschriftsteller hin. Sie alle beklagen dasselbe und jammern, dass sie bald verhungern werden. Meiner Erfahrung nach ähneln sie Journalisten und anderen Angestellten, die von einer glorreichen Zukunft in einem zerstörten Land träumen. Es ist zynisch, widerlich und falsch.

    • R_B
    • 06.01.2010 um 21:16 Uhr

    Ich wundere mich sehr, dass bei Ihnen scheinbar die romantische und die biedermeierische Geisteshaltung die gleichen Resultate hervorbringen. Diese völlig gleichzusetzen entspricht aber einem irregeleiteten Verständnis von Ersterem; romantische Ansichten verbinden sich nicht blind mit einer Apologetik des Vergangenen, sondern bewahren sich das Moment des eruptiven Hervorbringens neuerlicher Impulse.

    Antwort auf "Deutscher Zeitgeist"
  4. Der Autorin nach müssten wir ja alle in einer heilen Welt leben. Frieden und Freiheit sind verwirklicht, das Ende der Geschichte erreicht...

    Aber was sie beschreibt ist lediglich das Lebensgefühl aus der Sicht der neuen Bürgerlichkeit. Es betrifft nicht nur nicht die Unterdrückten in exotischen Staaten, es betrifft ebenfalls nicht die Unterdrückten hierzulande und das sind die Überflüssigen, Ausrangierten, wirtschaftlich nicht weiter ausbeutbaren, nicht zwangsläufig unterqualifizierten aber trotzdem abseits der Gesellschaft stehenden Menschen.

    Die fallen bloß nicht sonderlich auf, weil die Überflüssigen kulturell höchst diversifiziert sind und sich nicht zu einer gemeinsamen Alternativ- oder Gegenbewegung zusammenraffen können. Das macht ihr Leiden letztlich zur Privatsache. Sie sind nicht nur arm, sondern auch noch vereinzelt und ihnen fehlt jegliche Kraft mit einem Befreiungsschlag eine Zeitgeistwende herbei zu führen.

    Aber der Tag wird kommen, wo man der fiesen Fratze der Bürgerlichkeit mal wieder den Spiegel vorhält. Denn Geschichte endet niemals und angestaute Spannungen müssen gelöst werden, irgendwann...

    • CH75
    • 09.01.2010 um 17:47 Uhr

    Der Autorin kann ich nur zustimmen. Ein sehr guter Artikel. Was Effi Briest angeht, so stützt dieser Roman Julia Schochs Argumentation nur. Denn die Gesellschaft im 19. Jahrhundert war eben beileibe nicht so frei wie Kommentar Nr. 3 behauptet. Das wurde ja gerade zum Konflikt des Romans.

  5. Es ist eine politisch opportune Schimäre mit narkotisierender Wirkung, zu behaupten, der westliche Spätkapitalismus habe einen repressionslosen Spielraum für jedermann verwirklicht, der persönlichen Mut, wahres Heldentum samt entsprechender Literatur obsolet mache. Das Gegenteil ist der Fall. Ob es um Gewalt in Familien geht, um Markendiktat, Erpressung, Mobbing an Schulen, um die Totalüberwachung von Mitarbeitern, um sexuelle Ausbeutung und Folter im Netz, um Hetzjagden, Brandanschläge auf Ausländer oder Obdachlose. Der Terror wächst zwischen den Zeilen des Grundgesetzes, und keiner wird ihm Herr. Immer öfter stoßen Einzelne, ich könnte auch sagen, stößt das
    Individuum, auf die Übermacht einer Gruppe und wird: vernichtet. Nur wenige haben die Courage, einem Schutzlosen zu helfen. Doch wer es tut, ist eine Heldin. Das ist heute nicht anders als im Römischen oder im Dritten Reich. Das ist in Moskau nicht anders als in Köln oder Berlin Mitte. “Wo aber das Verbotene in die Krise geraten ist... müssen auch der klassische Konflikt und seine Intrige verloren gehen“, schreibt die Autorin. Ich widerspreche und stelle fest: die Intrige, die Verschwörung, die sektenhafte Verbunkerung, der militante Chorgeist sind zum heimlichen Wesensmerkmal, zum totalitären Kern unserer postdemokratischen Gesellschaft geworden. So war es immer schon, so wird es immer sein - im entscheidenden Augenblick sind wir allein; ganz gleich, wieviele Leute noch in der Lounge sind.

    Barbara M. Kloos, 1.1.2010

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service