Sachbuch Ich, die Kugel
Weiteressen! Weitertrinken! Vom Glück der Völlerei
© Wagenbach Verlag
Einer dieser wunderbaren Schauspieler, die Wien bevölkern und im Burgtheater wohnen, erklärte jüngst, er sei von der physischen Statur her »eine Kugel«. Das bejahe er im Großen und Ganzen. Auf dem Weihnachtsmarkt jedoch, wenn er eine Traube mit Schokoladenüberguss zu sich nehme (und weil aus einer immer zehn werden würden), frage er sich doch, ob er nicht anders könne.
Es sei ja nicht nur eine Frage des Genusses, den er nicht missen möchte, sondern auch eine der Gesundheit, die er nicht zuletzt für den Genuss benötige. Das spielt auf eine Dialektik an, die ich von mir gut befreundeten Trinkern kenne: Nicht selten fuhren diese zur Entziehungskur, um zum Weitersaufen gesund genug zu werden.
Ich bin auch eine Kugel, viel mehr noch als der zitierte Künstler auf den Brettern, die die Welt bedeuten. Ich lehne zwar Schokolade ab, und mit Schokolade überzogene Trauben sind für mich die Ästhetik des Schreckens schlechthin. Aber es gibt auch sonst genug, was mich gut und gerne dick macht. Und schon ein halbes Jahr lang habe ich – nach langen Kämpfen – nichts mehr dagegen unternommen, mit Ausnahme der Lektüre von Francine Prose, Völlerei.
Zu früh, zu erlesen, zu viel, zu gierig, zu teuer – das ist nach Prose die altehrwürdige Liste, mit der Getränke und Nahrung den Gierschlünden angekreidet werden. Die Autorin verhält sich ironisch gegenüber der eingebürgerten Verachtung der Völlerei: Wenn der Mensch schon essen muss, dann soll es ihm wenigstens nicht schmecken. Der dünne Mann, der im Nobelrestaurant kleinste Portionen zu sich nimmt, hätte es zum Ideal geschafft.
Die Verdammung der Fresssucht scheint im Laufe der Jahrhunderte geschwankt zu haben zwischen dem theologischen Vorwurf der Todsünde und dem ästhetischen der Widerwärtigkeit. Der Dicke – ach, das habe ich mir selbst schon sagen müssen – trägt sein Stigma heillos sichtbar herum. Die anderen Neurotiker, die einen umgeben, sind fein raus: Bis man draufkommt, was sie entstellt, ist es oft zu spät.

Im theologischen Raum, also dort, wo die Knechte des Herrn sich zum Verdammen und Heiligsprechen geeignet empfinden, hat die Gaumenlust eine unschlagbare Konkurrenz: Auch wenn über Franz von Assisi berichtet wird, er habe »Heilige Asche« wie ein Gewürz auf seine Speisen gestreut, damit sie nach nichts schmecken, reizt die Wollust die heiligen Männer doch mehr. Der Sex ist die eigentliche Verführung, ich glaube, weil der Orgasmus ein Glücksversprechen enthält, das die Menschen auf die Idee bringen könnte, zum Glück auf das Jenseits nicht angewiesen zu sein. Maßlos zu fressen hingegen ist für einen selber beschwerlich, und im Flugzeug zum Beispiel fällt man auch anderen zur Last.
- Datum 31.12.2009 - 15:34 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 30.12.2009 Nr. 01
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...macht Lust auf Lesen!
Im RSS-Feed steht als Autor dieser Rezension "Franz Schuh", hier im Artikel dann jedoch "Hans Schuh". Den Franz Schuh kenn ich gut (und er ist ein bekannter Essayist, lebt in Wien und ist dick, das würde zum Inhalt passen und auch stilistisch entsprechen). Hans Schuh wäre jemand anderer.
Bitte um Überprüfung und gegebenenfalls Korrektur.
[Vielen Dank für den Hinweis, Franz Schuh ist hier der Autor. Wir haben den Fehler beseitigt. Die Redaktion /ft]
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