Sachbuch Seelenschrott und Medienmüll

Werden wir von den Medien verdummt? Vier Bücher versuchen sich an einer klugen Antwort.

Der Comedian Mario Barth sei auch Schuld daran, dass wir verdummen, schreibt Michael Jürgs in seinen "Seichtgebieten"

Der Comedian Mario Barth sei auch Schuld daran, dass wir verdummen, schreibt Michael Jürgs in seinen "Seichtgebieten"

Im deutschen Aufreger-Alphabet beginnen die Topfavoriten mit F. Fernsehen, Fernbahn und Fernmeldewesen erhöhen den Blutdruck der Nation; der Neuzugang Facebook ist auf dem besten Weg dorthin. So gut wie jedermann hat sich zu diesem Quartett seine Meinung gebildet oder ge- Bild -et, es gibt kluge Beiträge und jede Menge Geschwafel. Erscheinen vier Bücher zum Reizthema Medienmüll, taugen zwei fürs Regal und zwei für die blaue Tonne.

Die Entsorgungsfälle der aktuellen Produktion, soweit sie das Fernsehen betreffen, stammen von Michael Jürgs und Klaus Radke. Das ist insofern apart, als der eine Konsument, der andere Macher ist, der eine also von außen, der andere von innen den Blick auf die Fernsehfabrik richtet. Jürgs ist ein profilierter Publizist, Kollege Radke leitet die Stabsstelle Strategie Fernsehen beim WDR und stellt dort Programmweichen für übermorgen. Ihre unterschiedlichen Startpositionen hindern die Herren indes nicht am argumentativen Paarlauf. Wo Jürgs auf den Spuren der »Blöden«-Karawane die TV- Seichtgebiete quert, propagiert Radke nebulöse Medien für Eliten – bis beide im Morast ihrer Feind- respektive Wunschbilder versunken sind.

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Was der Ex -Tempo- Chefredakteur Jürgs über 250 Seiten ausbreitet, hätte sich ohne jeglichen Verlust auf Billersche »hundert Zeilen Hass« eindampfen lassen: Die Doof-Ikonen Barth, Bohlen, Klum & Co machen Kasse, beim Amoklauf von Winnenden haben nicht nur die Boulevardblätter gegafft, die Gala- Gesellschaft ruiniert den Ruf des Bürgertums, Proll- und Promi-Faktor, »ordinär« und »extraordinär« sind heimliche Zwillinge – wer dem Stammtisch lauscht oder artverwandte Internetforen besucht, kriegt die gleiche Klagemelange serviert, wenn auch in weniger erlesenem Wortkristall.

Als Lösung will Jürgs einen »braintrain« durch die Seichtgebiete schicken, dessen Tickets die Regierung, sprich: der gemeine Steuerzahler finanzieren soll. Der wird sich bedanken, könnte er doch den Hebel viel direkter ansetzen, indem er seine GEZ-Gebühren künftig auf einem Sperrkonto deponiert, bis die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten wahr machen, was Klaus Radke verspricht: bildungsbeflissene Medien für Eliten zu sein.

Dem Rundumschlag des Kritikers setzt der WDR-Abteilungsleiter ein aufgedunsenes Leitbild entgegen. Das Problem ist, dass Radke erstens nicht weiß, wer die »Eliten« sind (außer im Titel tauchen sie nirgends auf), und zweitens untergründig der nostalgischen Devise »Gestern war alles besser« anhängt.

Klar, als Georg Stefan Troller in den siebziger Jahren ausschwärmte, um Unter deutschen Dächern die Lebenswirklichkeit der Republik zu entdecken, als später ARD-Anchorman Hajo Friedrichs für wohltemperiertes Nachrichtenklima sorgte und Rainer Werner Fassbinder Berlin Alexanderplatz in experimentelle Dunkelkontraste kippte – da war nicht nur die Fernsehwelt noch halbwegs in Ordnung.

Dreißig Jahre später gewährt RTL-Frontmann Peter Kloeppel Katastrophenjunkies »emotionale Unterstützung«, ZDF-Moderator Claus Kleber bedauert renditesüchtige US-Networks, obwohl das Schielen der Öffentlich-Rechtlichen auf die Quote auch nicht weniger Schaden anrichtet.

Leser-Kommentare
  1. Endlich mal eine wirkliche Gesellschaftskritik, denn das ist es. Das geht über eine Medienkritik hinaus, es gibt nunmal die Jenigen, die die Konsumprodukte herstellen/bereitstellen und diejenigen die sie dann konsumieren.

    Gerade Mario Barth sollte stärker kritisiert werden. Sein laster ist nicht nur das Dummschwafeln sondern auch erschreckend gesellschaftsfähiger Sexismus.

    • T.M.
    • 03.01.2010 um 18:25 Uhr
    2.

    Nicht zu vergessen die Fernseh-Fs Ferres und Ferch.

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    • 2eco
    • 04.01.2010 um 13:13 Uhr

    Ein ärgerliches Wort mit F fehlt noch..."Frauentausch"

    • 2eco
    • 04.01.2010 um 13:13 Uhr

    Ein ärgerliches Wort mit F fehlt noch..."Frauentausch"

  2. 3.

    Mario Barth als Comedian zu bezeichnen ist eine Beleidung aller Comedians in diesem Land. Dieses billige Herausgerotze von zigfach durchgenudelten Klischees ist alles, nur keine Comedy. Schade ist, dass er damit Erfolg hat. Aber das ist mit Massenware immer so. Massenware hat Erfolg, ist aber noch lange kein Garant für Qualität. Dieter Bohlen hat kommerziellen Erfolg, keine Frage, aber das heißt noch lange nicht, dass er gute Musik macht. Gute Musik, guter Humor, guter Journalismus ist alles, nur nicht massentauglich. Denn die breite Masse will sich mit guter Musik, gutem Humor oder gutem Journalismus gar nicht wirklich auseinandersetzen.

    Es klingt vielleicht für die breite Masse arogant, aber jeder, der Mario Barth nicht gut sondern als Beleidung für alle Sinne empfindet, versteht mehr von Humor als Marion Barth es jemals tut und ist demzufolge mehr Comedian als eben dieser Proll.

  3. Doof-Comedy, Dauerbrutalität und Serienmorden, alle paar Minuten woanders. Man kann ihn nicht mehr genießen, diesen 95%igen Vollschrott, inklusive der fliegenden Action-Fetzen. Viel zu viel, wirklich kein Wunder, dass unsere Kinder ausflippen, bei so starker Zumüllung... http://viereggtext.blogsp...

    • dcrabs
    • 03.01.2010 um 19:36 Uhr
    5.

    Das Interessante an Mario Barth ist jedoch, dass er scheinbar Witze über Teile seiner Klientel macht, die es scheinbar nichtmal merkt.
    Wie auch immer, ich habe zwar seit gut 4 Monaten kein deutsches Fernsehen mehr geguckt, bis dahin hatte ich jedoch beim durchgucken den Eindruck, dass des einen "Moderators" Gast der nächste Gastgeber ist und so weiter. Immer die selben Gesichter in immer mehr und niveauloseren Sendungen. Merkt das eigentlich niemand mehr?

  4. "Man soll nie vergessen, dass die Gesellschaft lieber unterhalten als unterrichtet sein will."
    Adolph von Knigge (1752-1796), deutscher Schriftsteller

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    • human.
    • 04.01.2010 um 10:49 Uhr

    "Man soll nie vergessen, dass die Gesellschaft lieber unterhalten als unterrichtet sein will."
    Adolph von Knigge (1752-1796), deutscher Schriftsteller

    Bin erst gestern noch Zeuge dieser traurigen, aber wohl wahren These geworden.

    Einige haben vielleicht auch von dem Elefanten in Indien gehört:

    Die ARD berichtete noch von einem aufgeschrekten Elefanten...

    RTL hingegen von einem Elefanten der Amok gelaufen ist...

    Geht's noch?

    • human.
    • 04.01.2010 um 10:49 Uhr

    "Man soll nie vergessen, dass die Gesellschaft lieber unterhalten als unterrichtet sein will."
    Adolph von Knigge (1752-1796), deutscher Schriftsteller

    Bin erst gestern noch Zeuge dieser traurigen, aber wohl wahren These geworden.

    Einige haben vielleicht auch von dem Elefanten in Indien gehört:

    Die ARD berichtete noch von einem aufgeschrekten Elefanten...

    RTL hingegen von einem Elefanten der Amok gelaufen ist...

    Geht's noch?

  5. 7. ALLES

    Das ganze Elend fing mit "Den Doofen" an: "Nimm mich jetzt, auch wenn ich stinke..."

    Die deutsche Unterhaltungskultur besteht fast nur noch aus Selbstgebasteltem auf geringem Niveau, kopierten Formaten - nur schlechter als das Original und aus "Promi-Nachrichten" über "Promis", die man sich zu diesem Zwecke selbst herangezüchtet hat. Zur Not lässt man die grenzenlose Dummheit dann auch noch im eigenen Sender zweit- und drittverwerten und von den gleichen "Promis" kommentieren. Was uns die Macher bieten, ist an Erbärmlichkeit kaum noch zu toppen. Zumindest das ist eine Leistung - wenn auch keine Gute. Das Problem daran: Diese Unkultur greift wie eine Seuche um sich und bestimmt durch die Präsenz das Gesamtniveau, verhindert Innovation, lädt zur Klonerei des Stumpfsinns ein, um möglichst billig Sendezeit zu füllen. Übrig bleibt ein großes Nichts.

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    Ich glaub nicht, dass die Doofen so schlecht sind. Ich würde das Lied "nimm mich jetzt auch wenn ich stinke, denn sonst sag ich winke winke" eher als selbstbewusste Kritik an dem überbordenden Reinlichkeitswahn der gegenwärtigen Gesellschaft verstehen.

    Ich glaub nicht, dass die Doofen so schlecht sind. Ich würde das Lied "nimm mich jetzt auch wenn ich stinke, denn sonst sag ich winke winke" eher als selbstbewusste Kritik an dem überbordenden Reinlichkeitswahn der gegenwärtigen Gesellschaft verstehen.

  6. Es hab kal sogenannte Humoristen und Kabarettisten, die das Volk unterhalten haben. Jemand wie Loriot wird von der heutigen Jugend doch garnichtmehr verstanden.

    Mario Barth kann nur eins: Schreien, und sich über Frauen lustig machen. Ach ja und einen Hänger haben, soweit ich das mitbekommen haben wiederholt er ständig alles mindestens 5 mal, bevor er weiterredet.

    Seine Programme scheinen die eines Misogyns zu sein, alles was er sagt richtet sich erst mal gegen die Frauen. Dummerweise sind die, die im Publikum sitzen schon so paralysiert, dass ihnen garnicht auffällt, das sie 2 Stunden lang am laufenden Band nur beleidigt werden!

    Im Fernsehen kommt sowieso nur noch Müll, das fängt bei Mario Barth-Showprogrammen an, und geht weiter über die Talk Shows, bis es endlich mal nach langer langer Zeit bei den Quizshows endet.

    Das einzige was noch Bildet ist das Programm in der Nacht, und ich meine nicht die nackten Damen die es einem angeblich für NUR xx cent pro Minute besorgen, sondern ich spreche von Dokumentationen, und philosophischen Sendungen.

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    Ich stimme ihnen vollkommen zu, was ihre Charakterisierung Mario Barths betrifft. Einen wichtigen Aspekt vergessen sie allerdings: Herr Barth ist nicht nur frauenfeindlich sondern - in meinen Augen zumindest - zutiefst männerfeindlich. Männer als triebgesteuerte Primaten darzustellen finde ich nicht geschmackvoller als Frauen naive Doofheit zu unterstellen. Eine Schande ist, dass es sich vor allem in der Werbung, aber auch allgemein im Fernsehn, immer noch so gut mit primitven Stereotypen arbeiten lässt.

    Mario Barth als Sexist? Misogyn? Schreihals?
    Es ist ein Bedürfnis nach anspruchsloser Unterhaltung vorhanden (wie anscheinend schon Herr von Knigge wusste), selbverständlich findet sich da jemand, der dieses Bedürfnis gegen Bares befriedigt. Wir leben in einer Zeit, in der Wissen, lernen, Anspruch von großen Teilen der jüngeren Menschen argwöhnisch als "elitär" angesehen wird. Lieber gemeinsam dumm und ungebildet, als alleine einen Blick über den Tellerrand zu wagen, Bildung wird nicht als Möglichkeit zur Verbesserung der eigenen Lebensbedingungen gesehen, sondern als Privileg einer arroganten "Elite".
    Da hilft es auch nichts, wenn hier gemeinsam auf das dumme Fernseh-Vieh geschimpft wird...

    Ich kenn das Programm von M.B. zwar nicht so gut, aber ich würde Mario Barth nicht so ernst nehmen. Ich denke auch nicht, dass er die Sachen, die er sagt bösartig meint, sondern sich ironisch auf sich und z.B. auf seine Beziehung zu seiner Freundin bezieht.

    In gewissen Kreisen, stimmt das was M.B. sagt ja auch irgendwie. Und diese Leute gucken sich den halt gerne an, weil er eben die Werte und Art der Leute und die Blüten, die diese treiben, ironisch verarbeitet. Weil er einfach lockerer ist als sein Publikum und dadurch den Zuschauern hilft ihre selbst gemachten Probleme nicht so ernst zu nehmen.

    Auf jemanden, der z.B. eher gleichberechtigte Beziehungen lebt und an die weitgehende Gleichheit der Geschlechter glaubt, kann er natürlich sexistisch wirken.

    Als Ursache der wieder stärker gewordenen Geschlechtsunterschiede und des geschlechtsdualistischen Denkens würde ich Comedians aber nicht sehen. Mehr als Spiegel dessen. Ich vermute eher, dass die Werbung und die Medien im Allg. diese Stereotypen wieder stärker transportieren.
    Ohne damit den konstanten Einfluss von Erziehung innerhalb der Familie und die Sozialisation in Abrede stellen zu wollen.

    Ich stimme ihnen vollkommen zu, was ihre Charakterisierung Mario Barths betrifft. Einen wichtigen Aspekt vergessen sie allerdings: Herr Barth ist nicht nur frauenfeindlich sondern - in meinen Augen zumindest - zutiefst männerfeindlich. Männer als triebgesteuerte Primaten darzustellen finde ich nicht geschmackvoller als Frauen naive Doofheit zu unterstellen. Eine Schande ist, dass es sich vor allem in der Werbung, aber auch allgemein im Fernsehn, immer noch so gut mit primitven Stereotypen arbeiten lässt.

    Mario Barth als Sexist? Misogyn? Schreihals?
    Es ist ein Bedürfnis nach anspruchsloser Unterhaltung vorhanden (wie anscheinend schon Herr von Knigge wusste), selbverständlich findet sich da jemand, der dieses Bedürfnis gegen Bares befriedigt. Wir leben in einer Zeit, in der Wissen, lernen, Anspruch von großen Teilen der jüngeren Menschen argwöhnisch als "elitär" angesehen wird. Lieber gemeinsam dumm und ungebildet, als alleine einen Blick über den Tellerrand zu wagen, Bildung wird nicht als Möglichkeit zur Verbesserung der eigenen Lebensbedingungen gesehen, sondern als Privileg einer arroganten "Elite".
    Da hilft es auch nichts, wenn hier gemeinsam auf das dumme Fernseh-Vieh geschimpft wird...

    Ich kenn das Programm von M.B. zwar nicht so gut, aber ich würde Mario Barth nicht so ernst nehmen. Ich denke auch nicht, dass er die Sachen, die er sagt bösartig meint, sondern sich ironisch auf sich und z.B. auf seine Beziehung zu seiner Freundin bezieht.

    In gewissen Kreisen, stimmt das was M.B. sagt ja auch irgendwie. Und diese Leute gucken sich den halt gerne an, weil er eben die Werte und Art der Leute und die Blüten, die diese treiben, ironisch verarbeitet. Weil er einfach lockerer ist als sein Publikum und dadurch den Zuschauern hilft ihre selbst gemachten Probleme nicht so ernst zu nehmen.

    Auf jemanden, der z.B. eher gleichberechtigte Beziehungen lebt und an die weitgehende Gleichheit der Geschlechter glaubt, kann er natürlich sexistisch wirken.

    Als Ursache der wieder stärker gewordenen Geschlechtsunterschiede und des geschlechtsdualistischen Denkens würde ich Comedians aber nicht sehen. Mehr als Spiegel dessen. Ich vermute eher, dass die Werbung und die Medien im Allg. diese Stereotypen wieder stärker transportieren.
    Ohne damit den konstanten Einfluss von Erziehung innerhalb der Familie und die Sozialisation in Abrede stellen zu wollen.

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