Im deutschen Aufreger-Alphabet beginnen die Topfavoriten mit F. Fernsehen, Fernbahn und Fernmeldewesen erhöhen den Blutdruck der Nation; der Neuzugang Facebook ist auf dem besten Weg dorthin. So gut wie jedermann hat sich zu diesem Quartett seine Meinung gebildet oder ge- Bild -et, es gibt kluge Beiträge und jede Menge Geschwafel. Erscheinen vier Bücher zum Reizthema Medienmüll, taugen zwei fürs Regal und zwei für die blaue Tonne.

Die Entsorgungsfälle der aktuellen Produktion, soweit sie das Fernsehen betreffen, stammen von Michael Jürgs und Klaus Radke. Das ist insofern apart, als der eine Konsument, der andere Macher ist, der eine also von außen, der andere von innen den Blick auf die Fernsehfabrik richtet. Jürgs ist ein profilierter Publizist, Kollege Radke leitet die Stabsstelle Strategie Fernsehen beim WDR und stellt dort Programmweichen für übermorgen. Ihre unterschiedlichen Startpositionen hindern die Herren indes nicht am argumentativen Paarlauf. Wo Jürgs auf den Spuren der "Blöden"-Karawane die TV- Seichtgebiete quert, propagiert Radke nebulöse Medien für Eliten – bis beide im Morast ihrer Feind- respektive Wunschbilder versunken sind.

Was der Ex -Tempo- Chefredakteur Jürgs über 250 Seiten ausbreitet, hätte sich ohne jeglichen Verlust auf Billersche "hundert Zeilen Hass" eindampfen lassen: Die Doof-Ikonen Barth, Bohlen, Klum & Co machen Kasse, beim Amoklauf von Winnenden haben nicht nur die Boulevardblätter gegafft, die Gala- Gesellschaft ruiniert den Ruf des Bürgertums, Proll- und Promi-Faktor, "ordinär" und "extraordinär" sind heimliche Zwillinge – wer dem Stammtisch lauscht oder artverwandte Internetforen besucht, kriegt die gleiche Klagemelange serviert, wenn auch in weniger erlesenem Wortkristall.

Als Lösung will Jürgs einen "braintrain" durch die Seichtgebiete schicken, dessen Tickets die Regierung, sprich: der gemeine Steuerzahler finanzieren soll. Der wird sich bedanken, könnte er doch den Hebel viel direkter ansetzen, indem er seine GEZ-Gebühren künftig auf einem Sperrkonto deponiert, bis die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten wahr machen, was Klaus Radke verspricht: bildungsbeflissene Medien für Eliten zu sein.

Dem Rundumschlag des Kritikers setzt der WDR-Abteilungsleiter ein aufgedunsenes Leitbild entgegen. Das Problem ist, dass Radke erstens nicht weiß, wer die "Eliten" sind (außer im Titel tauchen sie nirgends auf), und zweitens untergründig der nostalgischen Devise "Gestern war alles besser" anhängt.

Klar, als Georg Stefan Troller in den siebziger Jahren ausschwärmte, um Unter deutschen Dächern die Lebenswirklichkeit der Republik zu entdecken, als später ARD-Anchorman Hajo Friedrichs für wohltemperiertes Nachrichtenklima sorgte und Rainer Werner Fassbinder Berlin Alexanderplatz in experimentelle Dunkelkontraste kippte – da war nicht nur die Fernsehwelt noch halbwegs in Ordnung.

Dreißig Jahre später gewährt RTL-Frontmann Peter Kloeppel Katastrophenjunkies "emotionale Unterstützung", ZDF-Moderator Claus Kleber bedauert renditesüchtige US-Networks, obwohl das Schielen der Öffentlich-Rechtlichen auf die Quote auch nicht weniger Schaden anrichtet.