Es gibt eine Figur, ohne die sich das abgelaufene Jahrzehnt nicht erzählen lässt. Es ist: der fliehende Banker. Am Anfang des Jahrzehnts, September 2001, sehen wir den Banker, wie er aus seinem Büroturm flieht (der Turm stürzt wenig später ein). Am Ende des Jahrzehnts, September 2008, sehen wir den Banker wieder auf der Flucht ins Freie, aber diesmal fegen ihn Kräfte hinaus, die er selbst entfesselt hat.

Der Mann des Geldes, eine Spottfigur. Die Weltwirtschaft bricht zusammen, und einen Augenblick später werden die Banker entlassen, erst in New York, dann mit geringer Verzögerung auch in London, als habe eine Druckwelle sie alle aus ihren Gebäuden gefegt. Nun stehen sie im Wind zwischen den Hochhäusern, grinsend oder glühend vor Scham, manche haben Tränen in den Augen, und alle schlingen ihre Arme um einen Pappkarton. Darin befindet sich, so denkt der Betrachter, das Wichtige, das sie in der Eile bergen konnten, Akten und Disketten und ein paar Andenken.

Das ist ein Irrtum. In den Pappkartons, zumindest in jenen, welche die gefeuerten Angestellten von Lehman Brothers in London aus ihren Büros trugen, befanden sich: Milky-Way-Schokoriegel und Sandwiches. Die Angestellten waren in einem Anfall von apokalyptischer Plünderungswut in die Kantine geeilt und hatten an sich gerafft, was sie tragen konnten. Die Kantine war der letzte Ort, wo sie noch Kredit hatten.

Solche Geschichten erfährt man, wenn man derzeit in London ins Theater geht. David Hare, der populärste linke Dramatiker Englands, hat sie im Finanzdistrikt recherchiert; er verrät sie in seinem Stück The Power of Yes .

Kürzlich gingen eine Menge Londoner Banker ins National Theatre am Südufer der Themse; sie sahen The Power of Yes, um sich selbst zu applaudieren. Das Stück handelt vom Wahnsinn des Kreditsystems. Ein Kernsatz darin lautet: "Ich habe keinen einzigen Banker getroffen, der das Gefühl hatte, sich entschuldigen zu müssen." Die Banker im Saal, so berichtet der Guardian, hätten sich sehr amüsiert. Und als ein Spieler auf der Bühne sagte: "Mir geht es nicht schlechter als vor der Krise. Ich habe noch meine Gesundheit, meine Villa und meine Frau", hätten manche im Saal aufgelacht und "Hey, that’s me" gerufen. (Den zitierten Satz sagte im realen Leben der sinistre, von jeder Krise und jedem Skandal unfehlbar profitierende Londoner Finanzexperte, Berater und Expolitiker David Freud, ein Urenkel Sigmund Freuds.)

Banker sehen sich gern auf der Bühne, und es ist offenbar gar nicht wichtig, ob sie dort oben sympathisch wirken. Wer es auf die Bühne des National Theatre geschafft hat, die ansonsten den Königen Shakespeares gehört, der hat sein Maß an Unsterblichkeit bekommen.

Hares The Power of Yes ist in London ein großer Erfolg. Das Stück gibt gar nicht erst vor, ein Drama sein zu wollen, es ist bloß der Versuch des Autors, die Krise zu verstehen. Hares Informanten sind seine Theaterfiguren: Banker, Chairmen, Hedgefonds-Manager, Abgeordnete, Finanzjournalisten, Analysten. Wenn sie an die Rampe marschieren und das Publikum in Branchengeheimnisse einweihen, so hat das den Atem des guten alten Ensemblekabaretts deutscher Prägung. Komparsen geben Antworten auf FAQ (frequently asked questions). Emissäre treten auf eine Zigarettenlänge zu uns heraus in die Wirklichkeit, ehe sie wieder in ihrer Welt verschwinden.