Business-Deutsch Unter Cowboys

»Am Ende des Tages« ist eine Phrase – und doch mehr. Sie soll ein Verständnis elementarer Wahrheiten signalisieren, vor allem aber Erfahrung. Anfänger, Weicheier und Frauen müssen draußen bleiben

Nur die Cowboys unter den Managern benutzen die Phrase "am Ende des Tages", den Marlboro-Code der Weltwirtschaft

Nur die Cowboys unter den Managern benutzen die Phrase "am Ende des Tages", den Marlboro-Code der Weltwirtschaft

Wie hoffnungslos der Fall ist, zeigt die aktuelle Ausgabe des Magazins Monocle. In einem flammenden Appell zum Jahresende fleht das englischsprachige Magazin der internationalen Global Class zwar seine Leser an, künftig alle modischen Phrasen zu vermeiden – tut dies aber leider mit der Formulierung »at the end of the day the only way is stop using all clichés«. Da ist man dann als Sprachkritiker, auch bei Anbruch des Tages, zumindest schon mal mit seinem Latein am Ende.

Der Ausdruck » at the end of the day « beziehungsweise »Am Ende des Tages« hat sich in einer Weise in der Sprache von Wirtschaftslenkern wie Martin Winterkorn, Josef Ackermann, René Obermann und vielen anderen festgesetzt, dass jeder Widerstand zwecklos erscheint. Die Süddeutsche Zeitung hat das gerade vor Weihnachten wieder versucht: »Wer also sagt den Managern, dass sie die Formel ›am Ende des Tages‹ aus ihrem Sprachschatz verbannen sollen?« Das aber ist nicht die Frage. Denn es herrscht ja über nichts so große Einmütigkeit wie darüber, dass es sich um eine alberne Formulierung handelt. Auch lehrt jede Managementtheorie, dass es ein grober Fehler ist, freiwillig einzugestehen, dass es Argumente gibt, welche bei Tageslicht besehen sehr vernünftig erscheinen, bei Einsetzen der Dämmerung aber wundersamerweise ihre Wirkung verlieren. In Wahrheit wäre demnach at the end of the day nur eine Frage der Tageszeit. War es vielleicht das, was Habermas mit seinen »Legitimationsproblemen im Spätkapitalismus« meinte?

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Wenn ein offenkundig sinnloser Ausdruck, der durch Formulierungen wie »letztendlich« oder »unterm Strich« problemlos ersetzt werden könnte, solch eine nachhaltige Konjunktur erlebt, muss sich dahinter ein komplexeres Kommunikationsgeheimnis verbergen. Es handelt sich bei »am Ende des Tages« also offenbar um einen Code.

Mitschwingen muss der Unterton eines schlesischen Industriebarons

Zu vergangenen, klassischen Zeiten versicherten sich die hochrangigen Vertreter der Deutschland AG ihre Verbundenheit durch Beschwörung der gemeinsamen Vergangenheit in der Studentenverbindung, den Abschluss in Harvard oder die Teilnahme an den Baden-Badener Unternehmergesprächen. Inzwischen ist die Situation etwas unübersichtlicher geworden. Aber die Sehnsucht nach Abgrenzung ist geblieben – gerade bei den Herren der Old Economy. Denn wer »am Ende des Tages« sagt, will zeigen, dass er ein echter Cowboy ist – und weiß, worum es abends am Lagerfeuer wirklich geht. Dabei wird völlig vergessen, dass natürlich niemand besser als ein Cowboy weiß, dass man weder mittags noch nachmittags sagen kann, wo man abends seine Pferdchen ins Trockene bringen wird. Sondern erst am Ende des Tages.

Frauen ist der Zugriff auf diesen Marlboro-Code der Weltwirtschaft untersagt. Weicheiern ebenfalls. Die jungen Berater von der Boston Consulting Group oder von McKinsey, mit ihrem Abschluss an LSE, EBS, INSEAD, können dann bei ihren Präsentationen noch so oft vom Tagesende reden: Die alten Herren in den Unternehmen erkennen ganz genau, wer diese Phrase nur benutzt, um Erfahrung zu simulieren. Also: die allermeisten. Die wenigen anderen jedoch, denen es gelingt, bei der Benutzung des Codes jenen stahlgeschwängerten Unterton eines schlesischen Industriebarons mitschwingen zu lassen, haben Chancen, bald vom Vorstandschef nach Hause zu Tisch gebeten zu werden, samt Gattin. Am Ende des Tages steht also auch hier ein Abendessen. Und das Lagerfeuer wird durch die Zigarre ersetzt. »Am Ende des Tages« ist die Zigarre unter den Phrasen. Wer diese Phrase richtig zu nutzen versteht, hat gute Chancen auf einen späteren Vorstandsposten im MDax; wer sich dann bewährt, darf aufsteigen in den Dax, wer patzt, muss in den TecDax.

Bei der Nutzung des Cowboy-Codes handelt es sich vor allem um die Demonstration eines tieferen Verständnisses der Ökonomie. Nämlich: dass es auch in der Wirtschaft am Ende der Argumentationsketten und Businesspläne nur um das Elementare geht. Am Ende des Tages müssen die Menschen essen, sagt dann der Nahrungsmittel-Manager. Am Ende des Tages müssen die Menschen das Produkt wollen, sagt der CEO der Werbeagentur. Das ist alles nicht falsch. Doch eines wird bei diesem Pathos der Schlichtheit und Bodenständigkeit immer vergessen. Trotz aller Managementliteratur, trotz aller Theorie und trotz aller Codes – am Ende des Tages ist in der gesamten Wirtschaftswelt vor allem eines: Feierabend.

 
Leser-Kommentare
    • singe
    • 03.01.2010 um 16:59 Uhr

    Herr Illies,

    Sie haben den Nagel so was von auf den Kopf getroffen! "Am Ende des Tages" ist einfach das Schwergewicht unter den Manager-Phrasen. Denn "Am Ende des Tages" darf einfach nur sagen, wer schon viele, viele Tage hat (blutrot) zu Ende gehen sehen. "Am Ende des Tages" darf einfach nur sagen, wer auch den Subtext verkörpert: Am Ende des Tages bin doch meistens i-c-h übrig geblieben.

    Mein ehemaliger Agentur-Chef war ein 150%iger Marlboro-Cowboy und ließ es sich nicht nehmen, den Text der Unternehmens-Website selbst zu schreiben. Überschrift: "Am Ende des Tages wird abgerechnet". Ist das zu toppen?

    P.S.
    Schreiben Sie doch noch etwas zu "Wenn man mal ehrlich ist" - eine beliebte Phrase der 2. Garde (Abteilungs-/Bereichsleiter, etc.). Funktioniert natürlich ganz anders, ist aber semantisch ebenfalls sehr vielschichtig.

  1. Ich verkehre wohl in den falschen Kreisen. Ich habe noch nie jemanden "Am Ende des Tages...." sagen hören. Die englische Redewendung ist allerdings tatsächlich geläufig. Hat sich da der Autor bei irgendeiner amerikanischen Lifestyle-Seite bedient?

    Ein Schelm, wer böses dabei denkt...

  2. Natürlich handelt sich nur um die neu-denglische Version des ebenso uralten wie banalen "At the end of the day." Doch vergessen wir nicht das noch viel unentbehrlichere Paar "In the short run" sowie "In the long run". Die ganz besonderes Cleveren können dann à la Keynes noch beide kombinieren: In the short run we have no problem, und auf lange Sicht sind wir sowieso alle tot.

    • th
    • 03.01.2010 um 18:07 Uhr

    wie alt sind Sie denn, dass Sie noch wissen, wie "schlesische Industriebarone" sprechen?

    • X12
    • 03.01.2010 um 18:48 Uhr

    Also ich leb in England und "at the end of the day" heisst schnöde "letzlich", "schließlich" oder "am Ende". Es dient nicht irgendeiner Ausgrenzung und ist nicht nur bei Bonzen geläufig. Vermutlich benutzen auch Cowboys die Phrase, weil jeder sie gebraucht. Ich kapier den Artikel nicht. Bin ich nicht gebildet genug???

  3. Noch peinlicher als Modewörter oder -worte finde ich Journalisten, die nicht außergewöhnlich schreiben, sich über andere aber beklagen.

    Dieser Artikel, eine schnelle Auswahl:

    "wie hoffnungslos der Fall ist"
    "flammenden Appell"
    "schon mal mit seinem Latein am Ende"
    "herrscht ... Einmütigkeit"
    "bei Tageslicht besehen"
    "nachhaltige Konjunktur erlebt"
    "völlig vergessen"
    "abends seine Pferdchen ins Trockene bringen"
    "mitschwingen zu lassen"
    "handelt es sich ... um"

    Mir ist noch kein Journalist begegnet, der nicht floskelhaft schreiben würde. Ich würde mich als Angestellter der Öffentlichkeit (Journalist) daher nie auf eine sprachkritische Debatte einlassen, wenn ich Sie wäre, Herr Illies; es gilt im übrigen auch für Ihre Bücher (was, liebe Kommentarredaktion, lediglich wertend und nicht bösartig gemeint ist).

    Aber ich ahne, dass Floskeln und Phrasen einen Text erleichtern, was man mit seiner Lebendigkeit oder Verwertbarkeit nicht verwechseln sollte. (Gute Nacht)

  4. "At the end of the day" ist eine im britischen wie im amerikanischen Englisch allgemein gebräuchliche Redewendung. Sie besagt so viel wie "letzten Endes", "schließlich" oder auch "unterm Strich". In der Version "Before the end of the day" drückt sie aus, was wir im Deutschen mit "vor Feierabend" bezeichnen. Unter http://idioms.thefreedict... the end of the day kann man Näheres mit Quellenangaben nachlesen.

    In einer Verhandlung oder in einer Diskussion wird diese Redewendung von englischen Muttersprachlern gerne benutzt, um die Aufmerksamkeit auf einen wichtigen Punkt zu lenken, ähnlich wie wir es mit "genau genommen" tun.

    Wer Englisch als Zweitsprache spricht, legt idiomatischen Begriffen leicht eine Bedeutung zu, die ihnen nicht zukommt und wirkt dann leicht lächerlich.

    Deutschsprachigen Fach- und Führungskräften mit konservativen Neigungen sei deshalb die altphilogische Version aus Hegels Vorrede zu den Grundlinien der Philosophie des Rechts von 1821 empfohlen. Sie faßt gleich zwei Bilder in eins:

    "Wenn die Philosophie ihr Grau in Grau malt, dann ist eine Gestalt des Lebens alt geworden, und mit Grau in Grau lässt sie sich nicht verjüngen, sondern nur erkennen; die Eule der Minerva beginnt erst mit der einbrechenden Dämmerung ihren Flug."

  5. der Artikel hat mich angenehm überrascht, weil mir genau diese Sache schon früher aufgefallen ist. Bei mir im Betrieb soll "Am Ende des Tages" nicht nur allgemein reichhaltige Erfahrung suggerieren, sondern auch zeigen, dass man viel mit original britischen Kollegen zu tun hat, d.h. man kommt herum und ist irgendwie wichtig. Bei den Anwendern dieser Phrase fällt noch auf, dass sie sich relativ schnell um das drei- bis vierfache aufgeblasen haben. Sie rollen fast durch die Gänge.

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