Der Waffenhändler an der Basler Theaterstraße hat Konkurrenz bekommen. Gleich gegenüber, im Theater. Aber ob es wirklich Konkurrenz ist? Welcher Schweizer würde schon MPs bei dem Luden mit offenem weißem Hemd kaufen, der hier auf der Bühne des Großen Hauses steht und im Schaufenster schweres Terminatorengerät dekorativ auf einem Tarnfleckensofa anrichtet, mit weihnachtlichem Werbevers: "Es gibt sinnvollere Geschenke als alkoholische Getränke"? Der Baller-Mann als Milieuparodie ist durchaus im Sinne von Jacques Offenbach, der 1867 mit einer Militärgroteske zur Pariser Weltausstellung einen seiner nachhaltigsten Erfolge komponierte. Die Operette Die Großherzogin von Gerolstein entwickelt in federleichtem Wahnsinn eine Substanz, die auch gegenwärtiges Theater herausfordern kann.

Allerdings hat der Regisseur Christoph Marthaler von dieser Musik nur noch Trümmer übrig gelassen, von Musikern in Kampfanzügen werden sie gespielt. Keinen ihrer abblätternden Wartesäle hat Anna Viebrock diesmal gebaut, sondern das großzügige Foyer eines Theaters oder Hotels. Durch die imaginär verglaste Fassade blicken wir auf Treppen, Täfelungen, Sofas der sechziger Jahre, rückwärtig düstert ein Nachkriegshinterhof. Und ganz unten im Erdgeschoss ist sozusagen Vorkrieg: Neben einer Kleiderboutique prangt im Waffenladen das Schild "Neueröffnung". Viel Zeit vergeht, ehe der erste Ton erklingt, bis dahin verteilt sich, unter zahlreichen Lacherfolgen, Marthalers Personal auf der Bühne – Leute mit mehr oder minder kleinen Ticks.

Da gibt es den General (Christoph Homberger), der abwechselnd einschnarcht und hochschreckend "Der Feind, der Feind" so oft ruft, als hoffe er auf den Messias. Es gibt den verklemmten Haushofmeister, der immer wieder der Kellnerin das Schürzenband löst, aber unbewegt bleibt, wenn die Konsulin (eine von vielen neuen Figuren) ihre schönen Beine um seinen Kopf wickelt. Es gibt einen Pressesprecher, der sich im Text verheddert, einen Privatsekretär mit Sprachausfällen, eine Botschafterin, die am liebsten auf Treppengeländern rutscht, einen Pianisten (Bendix Dethleffsen), den es vehement zu Richard Wagner zieht und in die Ferne: Immer wieder versucht er zu fliehen. Überhaupt wird viel gelaufen und hingefallen, anfallsartig, nahezu jede Aktion, kaum begonnen, endet jäh, mündet in ihre Wiederholung oder führt ruckartig zur nächsten.

Nur der Waffenhändler unten in seinem Laden hat die Ruhe weg. Raphael Clamer, cool, jung, geschniegelt, muss ja nur warten, dass der Krieg beginnt. Er ist ein Profiteur ohne Mienenspiel. Marthaler nimmt ihn ziemlich ernst. So wird aus dem Klischeetypen fast ein Gegenentwurf zum Grinsen der Offenbachschen Militärgroteske. Doch braucht sie den? Eigentlich spielt die Grande-Duchesse in einem deutschen Herzogtum, das zur Unterhaltung seiner Großherzogin ein Krieglein vom Zaun bricht: Soldat Fritz besiegt den Feind, indem er ihn betrunken macht. Aber so harmlos, wie das Libretto von Meilhac und Halévy tut, ist die Partitur nicht. Ein funkelndes Märschlein nach dem andern reiht sie auf, flinke Ohrwürmer, Parodien auf Militärbegeisterung und Patriotismus, unter deren Eleganz die Nervosität der Zeit vibriert. Drei Jahre später, 1870, war tatsächlich Krieg zwischen Frankreich und Deutschland.

Es ist deswegen nicht ohne Hintergrund, wenn das Soldatenorchester (unter Hervé Niquet) aus Versehen mit dem Meistersinger- Vorspiel beginnt und später der General traumverloren zur Gralsmusik aus Wagners Parsifal tanzt. Aber so horizonterweiternd ist das auch wieder nicht, dass man dafür auf mehr als den halben Offenbach verzichten möchte. Seine stringente Doppelbödigkeit hat keine Chance an diesem Abend, der aus leichthändigem Collagieren immer mehr in beliebiges Dekonstruieren kippt. "Ist ein Regisseur im Publikum?", hat Marthaler anfangs in den Saal fragen lassen. Ein Schaffenskrisenmeisterwerk wird die Inszenierung trotzdem nicht. Die Kalauer nutzen sich ab, weil keine Person so viel Eigenleben gewinnen darf, dass sie einen berührt.

Die Großherzogin, mit Anne Sofie von Otter eigentlich grandios besetzt, muss vorführen, wie peinlich die gesprochene deutsche Übersetzung einer ihrer Glanznummern klingt. "Ach, wie lieb ich Armeesoldaten!", spricht sie ein ums andere Mal, bis sie den Text endlich auch singen darf. Und der Chor muss ein "Hahaha" immer langsamer und leiser wiederholen. Hier können Regieneulinge lernen, wie man etwas "bricht". Stattdessen hätte man den Choristen gewünscht, nicht nur als Staffage mit ein paar Standbild- und Zeitlupentricks eingesetzt zu werden. Befremdlich, wie mechanisch und vorhersehbar vieles wirkt.

Andererseits ist das Zerfallen des Tempos, das Durchhängen auch gewollt. Es folgt dem Abmarsch des Orchesters in den Krieg, in eine Realität, die hier durch militantes Lkw-Grollen aus dem Off signalisiert wird. Die Herrschaften bleiben bei ihren Sektgläsern. Es sind Typen, die sich vorbeilügen an dem, was sie andernorts anrichten lassen, und nun weder vor noch zurück können. Es gibt Momente, etwa wenn die Großherzogin Händels Piangerò la sorte mia singt, da ist es, als seien sie alle in einer Zwischenwelt gefangen. Doch die Personen selbst haben sich an diesem Abend nicht entwickelt. Und wirklich eisig wird Marthaler nicht, er macht es sich und uns gemütlich in der Depression und im Vertrauten. Der Anfang von Brahms’ Requiem wird in Endlosschleife geklimpert, klar, kann man machen, Trost ohne Erlösung, aber warum steht jetzt auch der Waffenhändler verstört im Foyer und trinkt Wein? Es ist einem egal. Sind doch alles nur Figuren.