Gehirnforschung Leerlauf im Kopf

Was tut unser Gehirn, wenn wir nichts Bestimmtes tun? Neurologen erforschen einen geheimnisvollen Zustand, der lebensnotwendig ist.

Unser Gehirn bleibt nicht träge, wenn wir auf der faulen Haut liegen. Wenn wir uns völlig entspannen, ordnen sich die neuralen Netzwerke neu

Unser Gehirn bleibt nicht träge, wenn wir auf der faulen Haut liegen. Wenn wir uns völlig entspannen, ordnen sich die neuralen Netzwerke neu

Als Forschungsgebiet ist das Nichtstun ein Albtraum. Der Proband liegt verkabelt in einer Röhre, sein Gehirn steht unter scharfer Beobachtung durch modernste Bildgebungstechnik – und dann kommt der Befehl, der das Rätsel startet: »Jetzt entspannen Sie sich mal.«

Kai Vogeley sieht in diesem Moment etwas, das niemand richtig versteht. Der Kölner Psychiater und Neurowissenschaftler ist dem Müßiggang auf der Spur. Er will herausfinden, was unser Gehirn tut, wenn es nichts Besonderes tut. Bei seinen Probanden springt dann regelmäßig ein typisches Muster der Mußeaktivität in bestimmten Nervennetzen an.

Anzeige

Genau da liegt sein Problem. »Normalerweise misst man die Gehirnaktivität im Zusammenhang mit einer definierten Aufgabe«, erklärt Vogeley. »Man bittet die Versuchsperson zum Beispiel, sich eine Folge von Bildern anzusehen. Am Sauerstoff- und Energieverbrauch kann man erkennen, in welchen Regionen des Gehirns dabei die Aktivität steigt.« Daraus leitet der Forscher dann ab, welche Funktion die einzelnen Bereiche erfüllen – dass zum Beispiel Bilder von der Sehrinde im hinteren Teil des Hirns verarbeitet werden. Liegt die Versuchsperson allerdings müßig herum, versagt dieses Prinzip. »Wir wissen nicht, was ein Proband erlebt, den wir zum Nichtstun auffordern«, sagt Vogeley. »Er kann Schafe zählen oder an sein letztes Rendezvous zurückdenken – für den Forscher gibt es keine Möglichkeit, das zu überprüfen.«

Dabei hat der Befehl zum Tagträumen in der Hirnforschung Tradition. Er dient in Experimenten als Kontrollzustand. Erst im Vergleich mit dem Nichtstun, dem »Gehirn im Leerlauf«, können Wissenschaftler jene Hirnregionen ausmachen, deren Aktivität beim Lösen einer Testaufgabe ansteigt.

Ein solcher Datenabgleich war es, der den US-amerikanischen Hirnforscher Marcus Raichle vor einigen Jahren stutzen ließ. Als er seine Probanden bat, vom Nichtstun zu einer zielgerichteten Aktivität überzugehen, stellte er fest, dass sich in bestimmten Hirnregionen genau das umgekehrte Muster zeigte: Dort nahm die neuronale Aktivität nicht zu, wie zu erwarten, sondern ab. Noch kurioser war der Effekt, wenn die Probanden aufhörten, sich zu konzentrieren: Dann stieg die Betriebsamkeit dieser Hirnregionen sprunghaft an – ein Verhalten, das auch Vogeley bei seinen Untersuchungen immer wieder beobachtet.

Den Verbund der rebellischen Hirnregionen taufte Marcus Raichle »Default Network«, ein Begriff, der sich als »Leerlauf-Netzwerk« übersetzen lässt. Nach Ansicht von Raichle erfüllt dieses Netzwerk eine Basisfunktion im Hirn, die anspringt, wenn es nicht bewusst nachdenkt, sondern die Gedanken schweifen lässt.

Dass dieses Default Network existiert, ist in der Fachwelt weitgehend anerkannt. Ob es allerdings wirklich einer Art Leerlaufmodus entspricht, wie Raichle im Jahr 2001 skizzierte, ist dagegen hoch umstritten. Die Interpretation der Daten lässt eine Menge Spielraum für Theorien, die ebenso schwer zu widerlegen wie zu beweisen sind.

Leser-Kommentare
  1. bei einem typischen Zeitgenossen westlicher Konditionierung zu finden, könnte den Forscher nah an den Rand der Verzweiflung führen.

    Echtes Nichtstun dürfte in einer Gesellschaft, in der nahezu alles der Prämisse von immer-Schneller-Weiter-Höher untergeordnet ist, ein rares Gut sein. Schließlich ist in der westlichen Kultur selbst eine simple Entspannung an ein konkretes Ziel gekoppelt und dessen zügige Erreichung daher zuweilen mit richtig Stress verbunden ;))

    In den Augen westlich verprägter Zeitgenossen jedenfalls, wäre ein pures Nichtstun, allein um des Nichtstun willen, als Schlendrian verschrien und als unnützer Müßiggang verpönt, da damit weder eine erkennbar materiell quantifizierbare Leistung verbunden ist, noch Geld zu scheffeln wäre!

    In "unserer" Welt läuft das Hamsterrad stets und ständig, selbst wenn es sich im Leerlauf dreht, es muss bewegt werden, dann hat "man" erst das Gefühl wirklich dazu zu gehören..., bis das ein plötzlicher Infarkt dem Ganzen ein abruptes, oft frühzeitiges Ende setzt. Oder der überbordende Kapitalismus heutiger, neoliberaler Ausgestaltung, das eigene kleine Hamsterrad unversehens stoppt und über kurz oder lang nur den direkten Weg, über Harz, mit Endstation Armut bietet.
    Ooops, auch eine Art von Nichtstun, wenn auch weniger selbst erwünscht denn vom System erzwungen und dabei leider nicht so sehr zuträglich, wie das aus freien Stücken herbei geführte Nichtstun, wie es der fernöstliche Kulturkreis kennt und seit Jahrtausenden pflegt :))

  2. Gerade dann, wenn etwas getan wird, herrscht in den meisten Köpfen Leerlauf. Deshalb sind die Gedanken von Nichttätigen oftmals die interessantesten.

  3. Der amerikanische Psychotherapeut Steve de Shazer antwortete mir auf die Frage nach seiner wirkungsvollsten Intervention mit "the pauses" - was sich wohl mit der am Schluss des interessanten Artikels präsentierten Theorie erklären lässt ...

  4. Wer kennt das nicht? Man sucht einen Namen, findet ihn nicht, man Überlegt intensiv an der Lösung eines Problems und kommt nicht darauf... und wo war noch mal der Schlüssel? Kaum ist man ein wenig abgelenkt und entspannt, schon kommt die Lösung wie aus heiterem Himmel.

  5. Manche Menschen kultivieren das Nichtstun mit Hilfe von Transzendentaler Meditation.

    Die Yoga-Philosophie, die hinter dieser Praxis steht, weiß, dass die sogenannte Leere die Fülle der Möglichkeiten ist, oder, wie Ernst Bloch es nannte "das Meer der Möglichikeiten".

  6. Das schöne am Büroleben ist, dass man immer etwas tun muss. Ich musste mir neulich ein paar Überschriften einfallen lassen, wofür ich eigentlich nur ein Stück Papier und einen Stift gebraucht hätte. Da ich vor dem Computer saß, hätte jeder, der vorbeikam gedacht, ich würde schlafen oder faulenzen, statt zu arbeiten. Muße ist verboten.

    • roots
    • 07.12.2010 um 16:44 Uhr

    Garbage Collection nennt man in der IT Welt den Vorgang nicht mehr benoetigten Speicherplatz wieder frei zu geben.
    Das macht der Computer dann auch in den Phasen, in denen er mal nichts zu tun hat also kein Input von aussen zu bearbeiten ist.
    Es koennte so etwas aehnliches sein, was sich da im Hirn abspielt. Wichtiges von unwichtigem trennen/befreien.

    Mir kommen jedenfalls die besten Ideen beim Spazierengehen/auf der Toilette/irgendwann zur Schlafenszeit - was heisst, dass mein Hirn viel mehr tut als nur Garbage Collection wenn es in den Leerlauf Zustand faellt! Es findet Loesungen zu Problemen, die mich (manchmal schon lange) beschaeftigten!

    @ 6. Muße ist definitiv wichtig und noetig - egal was andere davon halten moegen!

  7. ... scheint mir diese wissenschaftliche Erforschung der an sich schon über Jahrtausende bekannten Beobachtungen am Menschen zu diesem Thema.

    Das finde ich lobenswert und ein wissenschaftlicher Beweis des "Default-Modus" wäre geradezu triumphal. Ein Hoch auf die Muße!

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service