Gehirnforschung Leerlauf im Kopf
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Das Gehirn nutzt die Chance, um seine Netzwerke aus Nervenzellen neu zu organisieren

Vom Leerlaufmodus mag Jan Born dagegen nicht sprechen. Der Neuroendokrinologe beschäftigt sich an der Universität Lübeck mit den Prozessen, die während des Schlafs im menschlichen Gehirn ablaufen. »Es ist ziemlich naiv, zu glauben, dass Menschen, die schlafen oder tagträumen, nichts tun«, sagt er. Für den abgeschotteten Zustand des Gehirns, den Marcus Raichle mit »Default-Modus« beschrieben hat, verwendet der Schlafforscher lieber das Wort »Offline-Modus« – vergleichbar mit einem Computer, der keinen Zugang zum Internet hat und nur auf die Informationen auf seiner Festplatte zugreifen kann.

Doch auch Born hat sich Gedanken zu Raichles Theorie gemacht. »Der Input, den Hör- und Sehsinn uns normalerweise liefern, fehlt im Schlaf vollkommen«, sagt er. »Das bedeutet aber nicht, dass wir deshalb in einen Leerlauf fallen, wenn wir schlafen. Tatsächlich erledigt unser Gehirn in diesen Phasen eine lebensnotwendige Aufgabe: Es käut das wieder, was wir vor dem Einschlafen erlebt haben.« Das tägliche Bombardement an Informationen, erklärt Born, würde das Hirn eigentlich in ein gefährliches Ungleichgewicht stürzen – wenn es nicht Ruhepausen gäbe, in denen es sich selbst überlassen sei. Diese Chance nutze es, um seine Netzwerke aus Nervenzellen neu zu organisieren, das Gelernte zu ordnen und zu verarbeiten.

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Dass ein ähnlicher Prozess während des Tagträumens abläuft, hält der Forscher durchaus für möglich. »Eigentlich ist es völlig banal«, sagt er. »Wenn Sie gerade ein spannendes Experiment mit Bildern gemacht haben und eine Pause bekommen, langweilen Sie sich. Und was passiert als Erstes, wenn Sie sich langweilen? Richtig – die Bilder gehen Ihnen noch einmal durch den Kopf.«

Auch wenn bislang nicht geklärt ist, was es genau mit dem Default-Modus des Gehirn auf sich hat – die Beschäftigung mit dem rätselhaften Zustand liefert den Forschern immerhin eine wissenschaftliche Entschuldigung für manchen Brauch des Büro-Alltags. Kai Vogeley zum Beispiel hält es für erwägenswert, »ob man nicht während der Arbeitszeit öfters einen forcierten Zustand des Müßiggangs herbeiführen sollte«.

 
Leser-Kommentare
  1. bei einem typischen Zeitgenossen westlicher Konditionierung zu finden, könnte den Forscher nah an den Rand der Verzweiflung führen.

    Echtes Nichtstun dürfte in einer Gesellschaft, in der nahezu alles der Prämisse von immer-Schneller-Weiter-Höher untergeordnet ist, ein rares Gut sein. Schließlich ist in der westlichen Kultur selbst eine simple Entspannung an ein konkretes Ziel gekoppelt und dessen zügige Erreichung daher zuweilen mit richtig Stress verbunden ;))

    In den Augen westlich verprägter Zeitgenossen jedenfalls, wäre ein pures Nichtstun, allein um des Nichtstun willen, als Schlendrian verschrien und als unnützer Müßiggang verpönt, da damit weder eine erkennbar materiell quantifizierbare Leistung verbunden ist, noch Geld zu scheffeln wäre!

    In "unserer" Welt läuft das Hamsterrad stets und ständig, selbst wenn es sich im Leerlauf dreht, es muss bewegt werden, dann hat "man" erst das Gefühl wirklich dazu zu gehören..., bis das ein plötzlicher Infarkt dem Ganzen ein abruptes, oft frühzeitiges Ende setzt. Oder der überbordende Kapitalismus heutiger, neoliberaler Ausgestaltung, das eigene kleine Hamsterrad unversehens stoppt und über kurz oder lang nur den direkten Weg, über Harz, mit Endstation Armut bietet.
    Ooops, auch eine Art von Nichtstun, wenn auch weniger selbst erwünscht denn vom System erzwungen und dabei leider nicht so sehr zuträglich, wie das aus freien Stücken herbei geführte Nichtstun, wie es der fernöstliche Kulturkreis kennt und seit Jahrtausenden pflegt :))

  2. Gerade dann, wenn etwas getan wird, herrscht in den meisten Köpfen Leerlauf. Deshalb sind die Gedanken von Nichttätigen oftmals die interessantesten.

  3. Der amerikanische Psychotherapeut Steve de Shazer antwortete mir auf die Frage nach seiner wirkungsvollsten Intervention mit "the pauses" - was sich wohl mit der am Schluss des interessanten Artikels präsentierten Theorie erklären lässt ...

  4. Wer kennt das nicht? Man sucht einen Namen, findet ihn nicht, man Überlegt intensiv an der Lösung eines Problems und kommt nicht darauf... und wo war noch mal der Schlüssel? Kaum ist man ein wenig abgelenkt und entspannt, schon kommt die Lösung wie aus heiterem Himmel.

  5. Manche Menschen kultivieren das Nichtstun mit Hilfe von Transzendentaler Meditation.

    Die Yoga-Philosophie, die hinter dieser Praxis steht, weiß, dass die sogenannte Leere die Fülle der Möglichkeiten ist, oder, wie Ernst Bloch es nannte "das Meer der Möglichikeiten".

  6. Das schöne am Büroleben ist, dass man immer etwas tun muss. Ich musste mir neulich ein paar Überschriften einfallen lassen, wofür ich eigentlich nur ein Stück Papier und einen Stift gebraucht hätte. Da ich vor dem Computer saß, hätte jeder, der vorbeikam gedacht, ich würde schlafen oder faulenzen, statt zu arbeiten. Muße ist verboten.

    • roots
    • 07.12.2010 um 16:44 Uhr

    Garbage Collection nennt man in der IT Welt den Vorgang nicht mehr benoetigten Speicherplatz wieder frei zu geben.
    Das macht der Computer dann auch in den Phasen, in denen er mal nichts zu tun hat also kein Input von aussen zu bearbeiten ist.
    Es koennte so etwas aehnliches sein, was sich da im Hirn abspielt. Wichtiges von unwichtigem trennen/befreien.

    Mir kommen jedenfalls die besten Ideen beim Spazierengehen/auf der Toilette/irgendwann zur Schlafenszeit - was heisst, dass mein Hirn viel mehr tut als nur Garbage Collection wenn es in den Leerlauf Zustand faellt! Es findet Loesungen zu Problemen, die mich (manchmal schon lange) beschaeftigten!

    @ 6. Muße ist definitiv wichtig und noetig - egal was andere davon halten moegen!

  7. ... scheint mir diese wissenschaftliche Erforschung der an sich schon über Jahrtausende bekannten Beobachtungen am Menschen zu diesem Thema.

    Das finde ich lobenswert und ein wissenschaftlicher Beweis des "Default-Modus" wäre geradezu triumphal. Ein Hoch auf die Muße!

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