Generationen Opas Windeln

Eltern pflegen ist etwas anderes als Kinder erziehen

Ältere Menschen treibt vor allem eine Sorge um: Sie wollen ihren Kindern nicht zur Last fallen

Ältere Menschen treibt vor allem eine Sorge um: Sie wollen ihren Kindern nicht zur Last fallen

Ursula März beklagt in ihrem Beitrag »Ausgesorgt« (ZEIT Nr. 52/09) die mangelnde »Sorge« in unserer Gesellschaft gegenüber Kindern und pflegebedürftigen Alten. Der von ihr angebotene Ausweg: Würde die Hausfrau wieder gesellschaftliches Ansehen bekommen, müssten wir diese Sorgen nicht mehr haben. Ich meine, hier muss doch sehr unterschieden werden: Man kann die Pflege der Kinder kaum mit der Betreuung pflegebedürftiger Eltern vergleichen. Vor allem darf die Pflege der Eltern nicht der »Hausfrau« allein überlassen werden. Schon gar nicht darf man davon ausgehen, dass junge Paare, die sich hingebungsvoll um ihren Nachwuchs gekümmert haben, damit auch Vorbild wären für die Behandlung älterer Menschen.

Während die Betreuung von kleinen Kindern eine überwiegend positive und erfüllende Tätigkeit ist, bedeutet die Pflege der Eltern häufig eine mühselige Pflicht. Auch für die Eltern selbst ist dies nicht selten belastend und mit entwürdigenden Situationen verbunden. Die Autorin hat recht, wenn sie schreibt, dass man »Spaß haben kann mit quietschenden Plastikentchen in der Badewanne«. Gemeint ist hier aber wohl eher die Ente der vierjährigen Tochter als das Spielzeug der demenzkranken Mutter. Auch hat man selten von pflegenden Angehörigen gehört, dass sie begeistert vom Windelnwechseln bei Opa schwärmen.

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Die Gründung einer neuen Familie ist eine bewusste Entscheidung für die damit verbundene Fürsorgepflicht. Das Elternpaar stellt freiwillig seine Lebensplanung darauf ab. Wann und ob dagegen ein Pflegeaufwand für die eigenen Eltern notwendig wird, ist für die Kinder nicht absehbar und damit auch nicht planbar. Und der damit verbundene Aufwand ist von den Kindern überhaupt nicht beeinflussbar. Das bedeutet lebenslange Unsicherheit.

Meine Erfahrung ist, dass ältere Menschen vor allem von einer Sorge geplagt werden: Wenn sie zum Pflegefall werden, wollen sie nicht den Kindern zur Last fallen.

Erwin Merker, 64, IT-Spezialist aus Steinfurt

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Leser-Kommentare
  1. 1.

    Erwähnenswert wäre auch noch die Tatasache, dass die meisten Eltern erst zu Pflegefällen werden, wenn Ihre "Kinder" die eigenen Kinder schon ins Leben entlassen haben und selber fast oder tatsächlich schon das Rentenalter erreicht haben.
    Das bedeutet dann, dass man, nachdem man die Kinder endlich groß hat, wieder mit Windeln beginnt -nur unter verschärften Bedingungen. Denn, abgesehen von der psychischen Belastung, die einem unter Umständen demente und schwierige alte Menschen abfordern, ist es im Alter von Ende 50 bis Mitte 60 auch nicht mehr so einfach, Menschen zu heben, zu waschen zu wickeln usw.

    • hannam
    • 03.01.2010 um 18:40 Uhr

    Ja,ältere Menschen möchten nicht zum Pflegefall werden-das beobachte ich auch.
    Es gibt allerdings auch schon Beispiele, wo die pflegende familienangehörige froh ist, daß sie dadurch eine Arbeit hat, für die sie belohnt wird.
    Es sind also nicht nur die alten Menschen, die nicht loslassen können sondern auch jüngere, die in Zeiten hoher Arbeitslosigkeit darum ringen, ihren Job zu behalten ....
    Ethische Diskussionen haben angesichts dieser Entwicklungen keinen Halt.

  2. Für Sarrazin wie seine Parteigänger aus allen Parteien sind Leistungsträger nicht Krankenpfleger und Kindergärtnerinnen, sondern Leute mit einem Jahresgehalt von hundert- bis fünfhunderttausend Euro netto, in sozial wertvollen Berufen wie dem des Investmentbankers und seines Insolvenzverwalters. Der bürgerliche Zwangscharakter nämlich verachtet noch als Greis, wundgelegen in seiner Scheiße, den Pfleger, der es zu nichts Besserem gebracht hat als zu seinem Wohltäter.“ (aus Gremlizas Kolumne in KONKRET 11/2009)

  3. "Würde die Hausfrau wieder gesellschaftliches Ansehen bekommen, müssten wir diese Sorgen nicht mehr haben."

    Dieses Problem ist keines gesellschaftlichen Ansehens. Es ist ein rein finanzielles. Denn wie soll man das als Normalverdiener denn hinbekommen? Man bekommt zwar finanzielle Unterstützung, aber diese ist so gering, dass viele mit der Angehörigenpflege auch das Risiko der Armut eingehen. Denn Pflegestufen und die damit verbundenen Finanzhilfen werden allermeistens zu gering vergeben.
    Zudem ist es, wie Sie bereits schrieben, keine einfache Aufgabe. Ich bewundere jeden, der das tut- diese Menschen haben meinen vollsten Respekt. Aber nicht jeder kann das- teilweise weil die Kinder selbst krank bzw körperlich nicht in der Lage dazu sind, aber meistens doch aus psychischen Gründen. Es ist eine extreme Last, die Pflege der Eltern ganz alleine übernehmen zu wollen. Zum einen hat man normalerweise gar keine Kenntnisse in der Altenpflege, zum anderen ist man damit größtenteils auf sich gestellt, auch wenn Politiker das gern vertuschen.
    Man kann zwar sagen "Wenn meinen Eltern das passierte, würde ich das selbstverständlich machen!" aber wenn man erstmal sieht, wie Mama sich in die Windeln macht, dann ist das ein harter Schlag in das empfindlichste Weichteil: das Herz.
    Ich persönlich liebe meine Mutter über alles, aber in einem solchen Fall würde ich sie lieber in professionelle Obhut geben.
    P.S.:Sie missachten, dass viele Frauen das gar nicht wollen- Hausfrau zu sein, meine ich.

  4. Es werden Qualitäten und Zeithorizonte benötigt, die viele nicht aufbringen. Je oberflächlicher die Einstellung, je egoistischer und hedonistischer, desto weniger klappt es zu Hause. Allein die irrwitzigen Pflegeheimkosten zwingen immer mehr Leute, zu Hause die Pflegestation mit Pflegeversicherungsleistung aufzubauen, wie es vor Generationen eben normal war. Nur eben ohne Pflegezuschuss. Vielleicht normalisiert sich der Umgang mit den Senioren sogar durch diesen Zwang. http://viereggtext.blogsp...

  5. ...scheint ewiges Windelnwechseln auf die Stirn tätowiert zu sein. Offensichtlich ruft das Seniorenwindelnwechseln weniger Aufschrei bei der Männerwelt hervor als bei Kindern.

  6. Herr Merker fuer den guten Widerspruch!

    Wenn die Aufwertung der Erziehungsleistung von Frauen mit einem Pflegezwang fuer die Eltern erkauft werden muss, braucht sich niemand mehr wundern, warum junge Frauen keine Lust mehr haben, ihre oekonomische Unabhaengigkeit und ihr Selbstbestimmungsrecht im Namen der Familie zu opfern.

    • Joso
    • 03.01.2010 um 20:59 Uhr

    Wenn ich Anzeichen an mir feststelle, dass ich zum
    Pflegefall werde, Bezahle ich meine Beerdigung im
    voraus, nehme eine Stofftragetasche, zwei oder drei
    Flaschen Wein, zwei Schachteln Insulin und einen
    starken Strick und gehe in ein Waldstück wo selten
    Leute hinkommen. Den Wein weil ich ihn gerne trinke,
    die Tragetasche für über den Kopf (ein gehenkter streckt
    manchmal die Zunge raus) und das Insulin, weil ich
    verhindern will, dass mein Körper ausgeschlachtet
    wird [Rest entfernt, bitte bleiben Sie sachlich/ Redaktion; svb]

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • TDU
    • 04.01.2010 um 19:58 Uhr

    Wenn Sie etwas merken, könnte es zu spät sein, und ich wünsche Ihnen, dass Ihre Angehörigen nicht bereit sind, Ihnen das Täschchen zu füllen.

    • TDU
    • 04.01.2010 um 20:00 Uhr

    ... und natürlich bereit und in der Lage sind, Sie liebevoll zu versorgen.

    • TDU
    • 04.01.2010 um 19:58 Uhr

    Wenn Sie etwas merken, könnte es zu spät sein, und ich wünsche Ihnen, dass Ihre Angehörigen nicht bereit sind, Ihnen das Täschchen zu füllen.

    • TDU
    • 04.01.2010 um 20:00 Uhr

    ... und natürlich bereit und in der Lage sind, Sie liebevoll zu versorgen.

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  • Quelle DIE ZEIT, 30.12.2009 Nr. 01
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  • Schlagworte Kinder | Generation | Familie und Partnerschaft | Pflege | Eltern
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