Brauchtum Silvesterschwüre

Wollen Sie 2010 aufhören zu rauchen? Oder viel weniger essen? Josef Joffe offeriert ein Gegenmittel gegen gute Vorsätze zu Neujahr

An diesem Silvester werden 22,8 Millionen Deutsche 37,4 Millionen gute Vorsätze fassen (eigene Schätzung). Die allermeisten werden ums Rauchen (nie wieder) oder ums Essen und Trinken (viel, viel weniger) kreisen. Kinder werden geloben, ihr Zimmer mindestens einmal in der Woche aufzuräumen, Eltern werden versprechen, den Kids gelegentlich zuzuhören. Bosse werden sich Geduld mit Untergebenen verschreiben; diese sich das Erlernen von Excel noch in diesem Jahr. Politiker werden sich vornehmen, nur jeden fünften Satz von der Festplatte abzurufen, und Journalisten, aus Hörensagen keine Schlagzeile zu basteln – egal, wie nahe der Redaktionsschluss ist.

Insgesamt werden all diese Vorsätze zwischen physischer Selbstdisziplinierung und moralischer Verbesserung pendeln. Und sich rasch wieder auspendeln, damit die natürliche Ordnung nicht dauerhaft gestört wird.

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Josef Joffe
Josef Joffe

ist Herausgeber der ZEIT. Von 2001 bis 2004 war er auch ihr Chefredakteur, gemeinsam mit Michael Naumann. Davor leitete er das außenpolitische Ressort der Süddeutschen Zeitung. Weitere Texte von ihm finden Sie hier

Keiner hat systematischer an der Selbstkorrektur gearbeitet als Benjamin Franklin (1709 bis 1790), dieser Renaissance-Mensch, der als Wissenschaftler und Erfinder, als »Gründervater« der USA und Staatsmann in die Geschichte eingegangen ist. Den Blitzableiter hat er erfunden, Verleger und Kolumnist war er auch.

Im Alter von 20 beschloss er, der »moralischen Vervollkommnung« zu frönen. Dreizehn Vorsätze waren es insgesamt. Als da wären: Mäßigung (knappe Nahrungs- und Alkoholzufuhr), Ordnung (»alles an seinen Platz«), Fleiß (»keine Zeit vergeuden«), Ehrlichkeit, Gerechtigkeit, Sauberkeit, Keuschheit, Bescheidenheit (»Jesus und Sokrates nachahmen«). Franklin war aber auch Realist, und deshalb wollte er sich nicht zu viel auf einmal vornehmen. Also: eine Tugend pro Woche, eine nach der anderen.

Leider musste Franklin feststellen, dass der Prozess nicht kumulativ war. Kriegte er ein Laster in den Griff, entglitt ihm schon die Tugend, der er sich in der Vorwoche unterworfen hatte. Kurzum: Silvester fand für ihn alle dreizehn Wochen statt. Dann wurde die Liste aufs Neue abgearbeitet – bis an sein Lebensende, berichtet die erbauliche Legende. Irgendwie ist er dabei sehr reich geworden.

Weshalb er auch lehrte: »Eine Katze in Handschuhen fängt keine Mäuse.« Und: »Es gibt Momente, in denen man nicht nur sehen, sondern auch ein Auge zudrücken muss.« Er war ein beinharter Realpolitiker, der in der Revolution das kriegsentscheidende Bündnis mit Frankreich gegen England auskungelte. Deshalb wollen wir an diesem Silvester ein Gläschen (ein kleines) auf diesen weisen Selbstverbesserer leeren. Er kannte sich und den Menschen, und der ist bekanntlich aus »krummem Holz« geschnitzt, wie Immanuel Kant schrieb.

Krummes Holz lässt sich nicht in einer Silvesternacht gerade biegen. Überdies wäre die Herrschaft der Tugend ein Albtraum. Kinder, die freiwillig ihr Zimmer aufräumen? Holen wir sofort den Therapeuten! Demokratische Politiker, die genau das sagen, was sie meinen? Die Frührente wäre ihr Lohn. Nicht umsonst nennen wir es »Vorsatz« – wie in »vorher«. Hinterher gilt Franklins Gesetz von der konstanten Menge aller Laster. Oder: Auch die Tugend muss »bescheiden« und »sparsam« geprobt werden.

 
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