Warum gibt es nach wie vor diese überraschende Staatsfeindlichkeit, obwohl der Staat doch gerade erst die Banken und damit unser aller Vermögen gerettet hat? Warum also nicken erstaunlich viele Menschen bei der These, der Staat beraube sie, obwohl doch die Steuerquote historisch betrachtet eher niedrig ist? Warum wettert der Philosoph Peter Sloterdijk gegen den "steuerstaatlich zugreifenden Semisozialismus", beschwört den "fiskalischen Bürgerkrieg" und fordert, den Staat nicht länger durch Steuern, sondern durch freiwillige Abgaben der Leistungsträger zu finanzieren? Dabei weiß Sloterdijk genau, dass der Staat seine von den Bürgern gewünschten Aufgaben nicht mehr erfüllen könnte, wenn seine Forderung Realität würde. Und warum bekennt der französische Schriftsteller Michel Houellebecq in dem unter dem Titel Volksfeinde von Dumont herausgegebenen, sehr lesenswerten Briefwechsel mit seinem Gegenspieler Bernard-Henri Lévy, dass er wegen der Steuerbelastung in Frankreich und der damit empfundenen Einschränkung der bürgerlichen Freiheitsrechte ins Ausland gegangen ist (ja, natürlich nach Irland) und dass sein Schuldgefühl deswegen "gleich null ist, absolut gleich null"?

Ist das nun der unsolidarische Geist der Zeit, der uns da entgegenschlägt, sind das die Bekenntnisse unverbesserlicher Neoliberaler? Tatsächlich begeben sich Philosophen und Schriftsteller wie Sloterdijk oder Houellebecq in eine überraschende Nähe zu den dominierenden Marktgläubigen, die einfach weniger Steuern mit mehr Freiheit gleichsetzen, egal, ob dadurch gefährliche Spekulationsblasen entstehen oder gesellschaftliche Werte von einer überbordenden Marktlogik erdrückt werden.

Also schlicht mehr Freiheit durch weniger Staat? Nein, so einfach kann man die Einwände der "Staatsfeinde" und "Volksfeinde" nicht abtun, die sehr wohl registrieren, dass ihre Bürgerfreiheit immer stärker durch eine unregulierte Marktfreiheit eingeschränkt wird – in Form von Marktbürokratie (Tarife, Rabatte, Karten, Bonuspunkte, Extrameilen und so weiter) und durch die Marktmacht globaler Konzerne und Banken ("too big to fail").

Weit über die Parteigrenzen hinweg stimmen viele Menschen dem Satz zu, Leistung müsse sich wieder lohnen. Leistung und Gegenleistung stimmen für viele nicht mehr, ganz gleich, ob sie sich oben, unten oder in der Mitte der Gesellschaft einordnen. Wenn quer durch die politischen Lager und gesellschaftlichen Schichten sehr viele Menschen so empfinden, liegt der Verdacht nahe, dass es dafür einen realen Hintergrund geben muss.

Und tatsächlich: Selbst wenn kein einziger Steuer- und Abgaben-Euro verschwendet würde, selbst wenn der Staat mit dem eingenommenen Geld nur kluge Projekte verfolgte, für Sicherheit, Stabilität, produktive Freiheit und mehr Aufstiegsmöglichkeiten sorgte, bekämen die Menschen heutzutage weniger materielle Leistungen, als sie mit Steuern und Abgaben bezahlten. Das hängt mit den Schulden der Vergangenheit zusammen und der zunehmenden Zinslast, die wir alle heute tragen müssen.

Als ich 1965 geboren wurde, betrugen die Zinsausgaben 1,8 Prozent des Bundeshaushaltes. Im letzten Jahr waren es über 14 Prozent – Tendenz steigend. Mit rund 40 Milliarden Euro sind sie mittlerweile der zweitgrößte Ausgabenposten, nur die Sozialversicherungen bekommen mehr Zuschüsse aus dem Bundeshaushalt. Das Geld geht an die Banken zur Finanzierung der etwa 1000 Milliarden Euro Schulden, die alleine der Bund in den vergangenen 40 Jahren gemacht hat. Es fehlt also Geld für Leistungen an die Bürger. Eine kleine Rechnung kann die inzwischen eingetretene Dramatik der Situation illustrieren: Im vergangenen Jahr hat der Bund etwa 270 Milliarden Euro Einnahmen erzielt und etwas mehr als 280 Milliarden Euro ausgegeben. Die Mehrausgaben wurden über Neuverschuldung finanziert. Gleichzeitig gingen 40 Milliarden Euro als Zinszahlungen an die Banken – kein einziger Euro diente der Tilgung. Zieht man die 40 Milliarden Euro von den Gesamtausgaben des Bundes ab, haben alle Steuerpflichtigen zusammen für ihre 270 Milliarden Euro lediglich materielle Leistungen in Höhe von 240 Milliarden Euro erhalten. Ohne die Neuverschuldung wären es sogar nur 230 Milliarden Euro gewesen.