Ein klassisches Interview verläuft anders. Fünf Stunden sind schon vergangen, und eigentlich hat das Gespräch mit Barbara Klemm über das Sehen und seine Voraussetzungen, über die Jahrzehnte, in denen ihre Fotografie das Gedächtnis der Bundesrepublik geprägt hat, gerade erst begonnen. Aber Barbara Klemm scheint das Interviewtwerden nicht zu liegen: Zum Termin in ihrem ehemaligen Büro bei der FAZ bringt sie Croissants mit, später, bei ihr zu Hause, gibt es Brot und Schinken und Tee und Mandarinen, und als die Zeit vor lauter Sprechen und Schauen knapp wird, bietet sie sich als Chauffeur an, springt ins Auto, die Umhängetasche mit der Leica dabei, und zirkelt so wendig durch alle Staus ("Zu Nächstenliebe haben wir jetzt keine Zeit"), dass wir es tatsächlich noch rechtzeitig zum Flughafen schaffen.

Die Vorstellung, sie selbst könne Objekt eines Artikels sein, erscheint Barbara Klemm abwegig. Vielleicht, weil sonst sie es ist, die sich anderen zuwendet: Menschen oder Situationen, Landschaften oder Gebäuden. Und dieser behutsamen Tugend, sich einer Sache zu widmen, aufmerksam dem anderen gegenüber zu sein, dieser Tugend bleibt sie treu – auch wenn es um sie selbst geht. Barbara Klemm denkt nach im Erzählen, sie fragt sich nach der Balance zwischen Dokumentation und Komposition, wie die Wirklichkeit optisch in eine Ordnung zu bringen wäre. "Der erste Blick ist immer der zweite", sagt sie und schaut auf ein Foto von Moskau in den neunziger Jahren. "Das weiß nur der Fotograf: dass vor dem Bild die eigentliche Szene lag. Wir sind immer zu spät." Zweifelnd betrachtet Barbara Klemm immer noch ihre Bilder und deutet die Geschichten, die sich darin entdecken lassen.

In ihrem Büro bei der FAZ lagern Tausende von Negativen in Pergaminpapier, die wiederum in weißen Kartonumschlägen stecken, alle durchnummeriert, Film für Film, Monat für Monat, von 1968 bis 2004. So lange hat sie im Auftrag der Zeitung fotografiert. Darüber befinden sich Meter um Meter die Ordner mit den Kontaktbögen, allein 21 für "Deutsche Politik". Das Lebenswerk der Barbara Klemm ist in diesem Archiv versammelt, ein zeithistorischer Schatz, von dem zu wünschen ist, dass die Zeitung ihn zu schützen weiß.

Es sind die berühmten Aufnahmen dabei, die sich ins öffentliche Gedächtnis geprägt haben: die Demonstranten von Mutlangen 1983 im Morgengrauen, hinten scheinbar unbeweglich und anonym die Massen, und vorne liegt dieser sonderbare Lichtschein, der eine pastorale Szene hervorhebt: Heinrich Böll auf einem Hocker, zu seinen Füßen Petra Kelly, Gert Bastian und Oskar Lafontaine; oder der Kuss von Erich Honecker und Leonid Breschnew, nicht nah, auf die Lippen fokussiert, sondern aus der Distanz, aus der erst die hinter den beiden stehenden Granden Tschernenko und Gromyko sichtbar werden, die desinteressiert tuscheln; und vor allem das düstere Bild vom Brandenburger Tor kurz nach dem Fall der Mauer 1989, im nebligen Nass, mit diesem leicht zittrigen Transparent Deutschland einig Vaterland, das nur von hinten, also seitenverkehrt, zu lesen ist und so dem Pathos des Moments etwas Ironisch-Gebrochenes gibt.

Klemm fotografiert Menschen in der ganzen Welt, wie hier in Tunesien. Eine Fotostrecke © Barbara Klemm

Auf der anderen Seite des Raums stehen in einem offenen Regal Hunderte Kartons, chronologisch gereiht, mit blauen Klebestreifen auf der Rückseite, auf denen die Reporterin Jahr und Land verzeichnet hat. Hier sammeln sich die Aufnahmen unbekannter, einfacher Menschen, Fotos, die nicht historische Momente verewigen, sondern die Flüchtigkeit selbst anschaulich machen. Es sind melancholische Bilder, die nur dem gelingen, der sich im Wendekreis des Elends zu bewegen weiß, angstfrei, mit einer Aufmerksamkeit für Augenblicke des Glücks, der Leichtigkeit. Es sieht sie nur, wer sich von Armut und Brutalität nicht überwältigen lässt.

So entstehen Fotos von unwirklicher Schönheit und Würde, wie das des Pfaus in einem New Yorker Park, der zwei Obdachlosen ein prachtvolles Rad schlägt, ganz so, als wollte der aufrechte Vogel die Verlorenen trösten. Und dabei schaut der eine der Männer auf, halb verschlafen, halb ungläubig, ob es wirklich ihnen gelten soll, das Pfauenrad, ihnen, die sonst niemand mehr beachtet. Es liegt etwas Traumwandlerisches in den Bildern, sie erzählen Geschichten, so unwahrscheinlich und widersprüchlich, dass immer, wenn man denkt, sie begriffen zu haben, sich eine neue Geschichte, eine neue Deutung ergibt. Es sind offene Bilder, sie laden ein, darin zu wandern.

"Wenn ich auf Reisen bin, dann gehe ich spazieren", sagt sie, "dann probiere ich am ersten Tag immer aus, was möglich ist, wie die Menschen reagieren auf die Kamera." Dieses Stromern, das Testen der Empfindsamkeit der Menschen in einer neuen Region, hat auch einen biografischen Ursprung: Barbara Klemm ist nicht sprachgewandt, sie hat kein Abitur, wie sie freimütig erzählt. Ohne Sprache aber, ohne die Möglichkeit, sich zu verständigen, ist sie abhängig von leisen Gesten, sie muss empfindsamer sein für Signale, ihre eigenen und die anderer.