Coffee to go

Entspannung in Hektik oder: Was vom öffentlichen Leben übrig bleibt

Der Mensch braucht eben etwas, woran er sich festhalten, besser noch festsaugen kann. Früher waren es meist Zigaretten, jetzt sind es bevorzugt Wasserflaschen mit Nippel und Papierkaffeebecher mit Löchlein im Plastikdeckel. Niemand darf, niemand will schlaff und matt erscheinen. Deshalb rennt die halbe westliche Menschheit durch die Straßen, als drohte immerzu Dürre, und sämtliche Cafés hätten geschlossen. Wer trinkt, ist fit – das ist das Signal. Wer Kaffee trinkt, der ist bei aller Fitness sogar gemütlich.

Wohl kein anderes Alltagsding symbolisiert die Paradoxien der letzten zehn Jahre besser als der Coffee-to-go-Becher. Er steht für das Verlangen nach Muße, befriedigt im Vorüberhasten. Für eine Entspannung in Hektik. Für den Genuss, den wir suchen – und im Pappbecher finden.

Das Coffee-to-go-Prinzip bedeutet: Alles ist mit allem vereinbar, alles kann überall geschehen. Das Sinfonieorchester im Ohr (MP3-Player), das Internet in der Hemdtasche (Smartphone), sitzen wir inmitten von Hochhäusern am Sandstrand (City-Beach) oder im tiefsten Winter unter freiem Himmel (Heizpilz) und erledigen in schönster Urlaubsstimmung (Cargo-Pants und Kapuzenpulli) unsere geschäftliche Korrespondenz (Laptop).

In diesem ersten Jahrzehnt des Jahrhunderts haben wir endlich gelernt, mit der Beschleunigung der Moderne umzugehen. Wir machen es wie der Igel im Wettkampf mit dem Hasen: Wir sind immer schon da. Denn dieses »da« kann nun auch »hier« oder auch »dort« sein, jeder Platz ist so gut wie der andere. Die Stadt ist unser Wohnzimmer, und unser Wohnzimmer ist unser Büro, und unser Büro ist das Café, und das Café ist die Stadt – dank Coffee to go. So überholt man die Beschleunigung.

Je enger es wird mit unserer Zeit, desto weiter öffnen wir die Räume, so weit, dass es multiple Räume werden, in die alles hineinpasst, das Private wie das Öffentliche. Was sollen noch die alten Trennlinien? Grenzen sind dazu da, überwunden zu werden – geografische Grenzen (Billigflieger), persönliche Grenzen (Facebook), die Grenzen zwischen Freizeit und Arbeit (E-Mail).

Weil uns der spezifische Ort nichts mehr bedeutet, wird auch jede Art von Distanz bedeutungslos. Ganz selbstverständlich wird auch der schwerste Ehekrach per Handy im vollbesetzten Bus ausgetragen. Die Schamlosigkeit, die Enthemmung, nicht zuletzt die Gier, alles Zeichen der Entgrenzung. Man könnte auch sagen: alles Coffee-to-go-Symptome.

Doch gibt es auch die Gegenbewegung. Viele Menschen gehen auf Abstand, hinter grünen Metallgitterzäunen oder insektenhaften Sonnenbrillen. Manche begeistern sich für Slow Food, Slow Music oder Slow Art. Und wer sich mit dem ständigen Kaffeegenippe den Magen versäuert hat, der steigt um auf Smoothies – natürlich to go. Hanno Rauterberg