Manufactum

Ein Katalog, der zur Bibel der Neuen Bürgerlichkeit wurde

Dieses Jahrzehnt, man muss es ihm lassen, hat alle überspannten Erwartungen korrigiert. Es war das realistische Jahrzehnt. Damals, in den Schlusstagen des alten Jahrtausends, kannte die Welt nur eine letzte Sorge: ob die Computer den Datumssprung, den millennium bug, überstehen würden oder nicht. Wäre diese Klippe nur erst genommen, könnte es, egal, in welche Richtung, nur noch in die Zukunft gehen. Im neuen Jahrtausend, davon ging man aus, wäre die Vergangenheit endgültig eine Sache von vorgestern.

Aber es kam anders. Den manischen neunziger Jahren folgten die depressiven nuller. Nach dem Überschwang kam die Verzagtheit. Auf die New Economy folgte der 11. September. Statt digital-immaterieller Utopien erlebte der Immobilienmarkt einen Aufschwung. Krieg und Terror lehrten die Welt, dass die Spaßgesellschaft kein Globalisierungsmodell ist. Die ironischen Attitüden hatten ausgedient, Ernsthaftigkeit wurde wieder zur Tugend. Die nuller Jahre waren wie die Große Koalition, die sie hervorgebracht hatten: aus Not vernünftig.

Deshalb ist der Manufactum-Katalog ein Emblem dieses Jahrzehnts. In ihm schoss zusammen, was man in Zeitgeistdebatten unter dem Stichwort Neue Bürgerlichkeit diskutierte. Der Manufactum-Katalog buchstabierte das Wort »Wertigkeit« gleichsam in handgesetzten Bleilettern: eine Apotheose der Beständigkeit vor der Folie einer Welt in rasendem Verfall. Jedes Produkt sollte aussehen, als sei es ein Objekt gewordener Generationenvertrag: Dauer im Wechsel oder, wie es im Katalog heißt, Produkte, die »mit der Zeit an Mehrwert gewinnen«. Bei Manufactum bekamen Gebrauchsgegenstände einen Stammbaum. Hier konnte der mobile Zeitgenosse sein Notebook in »altsämisch gegerbtes Hirschleder« verstauen.

Allerdings war der Manufactum-Katalog auch ein Kampfbegriff: Mit ihm argumentierten jene, die in der Neuen Bürgerlichkeit vor allem die neokonservative Tendenzwende sehen wollten. Ihnen musste alles daran gelegen sein, Bürgerlichkeit als Spießertum zu entlarven. Während die Freunde der Neuen Bürgerlichkeit diese im Sinne von mehr Eigenverantwortung, mehr Zivilgesellschaft und mehr Formbewusstsein definierten: als ästhetische Erziehung gegen Luschigkeit und für Zivilität.

Im Rückblick aber muss man zugeben: Die Neue Bürgerlichkeit kam just in dem Moment auf, als die Gesellschaft entdeckte, dass sie einen unteren Rand hat. Wie über ein exotisches Tier im Zoo beugten wir uns über die Unterschicht und ihre fremdartigen Fernsehgewohnheiten. Gegen diese Abgrundperspektive machte die Neue Bürgerlichkeit – und insofern hatte sie wirklich etwas Defensives – mobil: Klavierunterricht und Tanzstunde sollten Supernanny und Schuldnerberatung ersetzen. Ijoma Mangold