RückblickDie Requisiten des Jahrzehnts
Seite 5/5:

Manufactum

Ein Kunde betrachtet im Verkaufsraum von "Manufactum" in Waltrop Badewannen

Ein Kunde betrachtet im Verkaufsraum von "Manufactum" in Waltrop Badewannen  |  © dpa

Manufactum

Ein Katalog, der zur Bibel der Neuen Bürgerlichkeit wurde

Dieses Jahrzehnt, man muss es ihm lassen, hat alle überspannten Erwartungen korrigiert. Es war das realistische Jahrzehnt. Damals, in den Schlusstagen des alten Jahrtausends, kannte die Welt nur eine letzte Sorge: ob die Computer den Datumssprung, den millennium bug, überstehen würden oder nicht. Wäre diese Klippe nur erst genommen, könnte es, egal, in welche Richtung, nur noch in die Zukunft gehen. Im neuen Jahrtausend, davon ging man aus, wäre die Vergangenheit endgültig eine Sache von vorgestern.

Aber es kam anders. Den manischen neunziger Jahren folgten die depressiven nuller. Nach dem Überschwang kam die Verzagtheit. Auf die New Economy folgte der 11. September. Statt digital-immaterieller Utopien erlebte der Immobilienmarkt einen Aufschwung. Krieg und Terror lehrten die Welt, dass die Spaßgesellschaft kein Globalisierungsmodell ist. Die ironischen Attitüden hatten ausgedient, Ernsthaftigkeit wurde wieder zur Tugend. Die nuller Jahre waren wie die Große Koalition, die sie hervorgebracht hatten: aus Not vernünftig.

Anzeige

Deshalb ist der Manufactum-Katalog ein Emblem dieses Jahrzehnts. In ihm schoss zusammen, was man in Zeitgeistdebatten unter dem Stichwort Neue Bürgerlichkeit diskutierte. Der Manufactum-Katalog buchstabierte das Wort »Wertigkeit« gleichsam in handgesetzten Bleilettern: eine Apotheose der Beständigkeit vor der Folie einer Welt in rasendem Verfall. Jedes Produkt sollte aussehen, als sei es ein Objekt gewordener Generationenvertrag: Dauer im Wechsel oder, wie es im Katalog heißt, Produkte, die »mit der Zeit an Mehrwert gewinnen«. Bei Manufactum bekamen Gebrauchsgegenstände einen Stammbaum. Hier konnte der mobile Zeitgenosse sein Notebook in »altsämisch gegerbtes Hirschleder« verstauen.

Allerdings war der Manufactum-Katalog auch ein Kampfbegriff: Mit ihm argumentierten jene, die in der Neuen Bürgerlichkeit vor allem die neokonservative Tendenzwende sehen wollten. Ihnen musste alles daran gelegen sein, Bürgerlichkeit als Spießertum zu entlarven. Während die Freunde der Neuen Bürgerlichkeit diese im Sinne von mehr Eigenverantwortung, mehr Zivilgesellschaft und mehr Formbewusstsein definierten: als ästhetische Erziehung gegen Luschigkeit und für Zivilität.

Im Rückblick aber muss man zugeben: Die Neue Bürgerlichkeit kam just in dem Moment auf, als die Gesellschaft entdeckte, dass sie einen unteren Rand hat. Wie über ein exotisches Tier im Zoo beugten wir uns über die Unterschicht und ihre fremdartigen Fernsehgewohnheiten. Gegen diese Abgrundperspektive machte die Neue Bürgerlichkeit – und insofern hatte sie wirklich etwas Defensives – mobil: Klavierunterricht und Tanzstunde sollten Supernanny und Schuldnerberatung ersetzen. Ijoma Mangold

Zur Startseite
 
Leserkommentare
    • Slink
    • 03. Januar 2010 19:40 Uhr

    To-Go-Kaffeebecher, omnipräsente Wasserflasche, iPhone, Viagra/Ritalin, SUVs,Lifestyle-Kram,..
    dienen vor allem den Großkonzernen, die mit industriellen Massenprodukten, die Masse zum Geldausgeben bringen.

    Der Kunde selbst will schliesslich nicht irgendein Produkt vom einheimischen Mittelstand, nein ein statusträchtiger globaler Brand muss her. Am Beispiel der SUVs wird es deutlich: Protz-Image geht auch stets vor Tauglichkeit und Nutzen.
    Nur, wo ist das Problem, privater Konsum ist doch gut für die Volkswirtschaft?
    Ja, das war einmal so. Inzwischen wandern die großen Gewinne aber ins Ausland ab.
    Hat der Normalverbraucher nicht genügend Einkommen für den Lifestyle Konsum: Kein Problem, wichtig ist, dass der Kunde kauft, eine geschönte Finanzierung schwemmt noch höhere Margen ans Großkapital heran.
    Unsere Eitelkeit muss ständig getriggert werden, die Vernunft wird im großen Stil sediert. Der Anteil der Marketingkosten dieser Produkte ist im Verhältnis zu den reinen Produktionskosten deswegen auch meist gigantisch. Es würden sich noch hunderte andere Beispiele finden, eines ist allen gemeinsam: die Schwächen des Menschen werden effizienter denn je ausgenützt.

    Warum ist das so, wer ist schuld? Die Bösen Großindustriellen?
    Niemand, es handelt sich hier nur um eine Ausprägung der Tatsache, dass unsere biologische Grundausstattung anscheinend nicht wirklich für ein neuzeitliches Leben 3.0 geeignet ist. Es ist eine von vielen fast unheilbaren Krankheiten der Menschheit.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Vorab: ich fahre kein SUV und werde es wohl nie tun.
    Die SUV-Mode kam (wie so viele Moden) aus den USA. Das liegt an den Hollywood-Filmen, die auch hier von den Teenagern gesehen werden. Diese kopieren, was sie dort sehen und Erwachsene, die als jugendlich gelten wollen, kopieren die Teenager.
    Schauen wir uns also an, wie die SUV-Mode in den USA entstand. Das war lange vor 9/11 und der Auslöser waren paradoxerweise zwei verfehlte Umweltschutzmassnahmen.
    Es fing damit an, dass in den USA ein absurd niedriges Tempolimit auf Highways eingeführt wurde. Wenn man im Sportwagen nur noch hinter den Lkws hinterhertrotteln konnte, warum dann ein kleines leichtes schnelles Auto fahren?
    In der Folgezeit stiegen immer mehr Amerikaner auf Autos um, die viel größer und schwerer waren als ihre ohnehin schon ziemlich dicken Limousinen. Vans, SUVs und PickUps setzten sich im Alltag durch. Der niedrige Spritpreis war dabei sicher förderlich.
    Der amerikanische Benzinverbrauch stieg also wegen des Tempolimits ungebremst weiter (und nicht trotz des Tempolimits, wie manche glaubten), also musste man noch etwas tun. Man machte einen weiteren Fehler: man führte die Flottenverbrauchsregelung für Pkw ein.
    Da die Höchstgeschwindigkeit durch das Tempolimit eh belanglos war, achteten Amerikaner beim Autokauf besonders auf die Beschleunigungswerte im unteren Geschwindigkeitsbereich. (weiter in Teil2)

    Bei den flottenverbrauchskonformen Pkw der ersten Serien waren die miserabel. Die Käufer wechselten verstärkt von Pkw zu Lkw-ähnlichen Fahrzeugen, für die der Flottenverbrauch nicht galt. Seitdem dominieren dort SUVs, Vans und PickUps das Strassenbild - und eben auch die verfilmte Traumwelt aus Hollywood.

    Für mich sind die SUVs eine reine Modeerscheinung, etwa vergleichbar mit der Mode, in der City in Wanderschuhen herumzustiefeln, obwohl es dort weder Schmutz noch Geröll auf den Bürgersteigen gibt. Wir mögen es für unsinnig halten, wir werden es nicht ändern können. Vielleicht gelingt aber etwas Anderes: verhindern, dass unsere Umweltschützer die gleichen Fehler machen wie ihre Kollegen in den USA. Falls es dafür nicht auch schon zu spät ist.

  1. Vorab: ich fahre kein SUV und werde es wohl nie tun.
    Die SUV-Mode kam (wie so viele Moden) aus den USA. Das liegt an den Hollywood-Filmen, die auch hier von den Teenagern gesehen werden. Diese kopieren, was sie dort sehen und Erwachsene, die als jugendlich gelten wollen, kopieren die Teenager.
    Schauen wir uns also an, wie die SUV-Mode in den USA entstand. Das war lange vor 9/11 und der Auslöser waren paradoxerweise zwei verfehlte Umweltschutzmassnahmen.
    Es fing damit an, dass in den USA ein absurd niedriges Tempolimit auf Highways eingeführt wurde. Wenn man im Sportwagen nur noch hinter den Lkws hinterhertrotteln konnte, warum dann ein kleines leichtes schnelles Auto fahren?
    In der Folgezeit stiegen immer mehr Amerikaner auf Autos um, die viel größer und schwerer waren als ihre ohnehin schon ziemlich dicken Limousinen. Vans, SUVs und PickUps setzten sich im Alltag durch. Der niedrige Spritpreis war dabei sicher förderlich.
    Der amerikanische Benzinverbrauch stieg also wegen des Tempolimits ungebremst weiter (und nicht trotz des Tempolimits, wie manche glaubten), also musste man noch etwas tun. Man machte einen weiteren Fehler: man führte die Flottenverbrauchsregelung für Pkw ein.
    Da die Höchstgeschwindigkeit durch das Tempolimit eh belanglos war, achteten Amerikaner beim Autokauf besonders auf die Beschleunigungswerte im unteren Geschwindigkeitsbereich. (weiter in Teil2)

  2. Bei den flottenverbrauchskonformen Pkw der ersten Serien waren die miserabel. Die Käufer wechselten verstärkt von Pkw zu Lkw-ähnlichen Fahrzeugen, für die der Flottenverbrauch nicht galt. Seitdem dominieren dort SUVs, Vans und PickUps das Strassenbild - und eben auch die verfilmte Traumwelt aus Hollywood.

    Für mich sind die SUVs eine reine Modeerscheinung, etwa vergleichbar mit der Mode, in der City in Wanderschuhen herumzustiefeln, obwohl es dort weder Schmutz noch Geröll auf den Bürgersteigen gibt. Wir mögen es für unsinnig halten, wir werden es nicht ändern können. Vielleicht gelingt aber etwas Anderes: verhindern, dass unsere Umweltschützer die gleichen Fehler machen wie ihre Kollegen in den USA. Falls es dafür nicht auch schon zu spät ist.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service