ZEITmagazin: Herr Althaus, das Jahr 2009 war nicht einfach für Sie. Zuerst der Skiunfall, dann das Scheitern bei der Wahl, der Verlust des Amtes. Was hat Ihnen geholfen, diese Ereignisse zu verarbeiten?

Dieter Althaus: Anfang des Jahres, als ich im Krankenhaus lag, hat mir die bevorstehende Landtagswahl Kraft gegeben. Ich habe mich ganz darauf konzentriert, wieder fit zu werden, wieder aktiv im Beruf sein zu können. Das war mein ganzes Ziel. Ich bin ein Pflichtmensch. Und die Pflicht war eine große Motivation für mich. In der Rehaklinik in Allensbach habe ich von morgens bis abends gearbeitet.

ZEITmagazin: Warum waren Sie so streng zu sich?

Althaus: Das ist sicher ein Stück weit die Erziehung durch meine Eltern – mich zu fordern, Verantwortung zu tragen, ehrgeizig zu sein, mir selbst Ziele zu setzen und dann alle Kräfte dafür zu mobilisieren, sie zu erreichen.

ZEITmagazin: Wie sind Sie mit der Belastung umgegangen, dass durch diesen Unfall ein Mensch zu Tode gekommen ist? Empfinden Sie Schuld?

Althaus: Die Belastung bleibt, aber das ist kein Gefühl, das mich täglich bestimmt. Zum einen, weil alles, was mit und um den Unfall geschehen ist, unwiederbringlich aus meinem Gedächtnis verschwunden ist. Zum anderen haben mir meine Familie und mein Glauben geholfen.

ZEITmagazin: Sie sind sehr katholisch. Haben Sie gebeichtet?

Althaus: Ich hatte bereits in Allensbach Besuch von Erzbischof Zollitsch und seitdem eine Reihe weiterer geistlicher Gespräche. Und natürlich gehört auch das Bußsakrament zum Leben eines Katholiken. Der Besuch der Messe, das Beten, das Bitten um Vergebung hilft mir, mich auf Neues einlassen zu können, ohne tagtäglich mit der Belastung durch eine mögliche Schuld konfrontiert zu sein.

ZEITmagazin: Denken Sie heute, dass Sie sich mehr Zeit hätten nehmen sollen für Ihre innere Gesundung?

Althaus: Das ist sicher so. Aber damals war das für mich nicht entscheidend, weil der politische Zeitplan lief. Meine Eltern haben mir deutlich gemacht, dass ich jetzt zuerst darauf achten müsse, nicht nur körperlich, sondern auch innerlich zu genesen. Und auch meine Frau hatte diese Meinung – obwohl sie das nie geäußert hat, weil sie spürte, wie wichtig es mir war, als Spitzenkandidat anzutreten. Heute würde ich ihrer Meinung mehr Raum geben.

ZEITmagazin: Was hat Sie zu dieser Erkenntnis gebracht?

Althaus: Der Verlust des Amtes war einerseits ernüchternd, andererseits aber auch befreiend. Für mich begann damit eine neue Lebensphase, in der ich erkannte, dass man die Ziele, die man verfolgt, niemals absolut über die Dinge stellen sollte, die daneben auch noch wichtig sind.

ZEITmagazin: Sie meinen die Familie?

Althaus: Die Familie hat mich in meiner politischen Karriere immer unterstützt. Aber jetzt ist sie in einem ganz anderen Sinn wichtig für mich geworden, weil sie mich auch sehr stark in der Phase der Probleme und des Misserfolges begleitet, mich trägt, mir neue Orientierungen gibt. In diesem Umfeld kann ich vollständig daheim sein und auch vollständig ich sein.

 

ZEITmagazin: Was bedeutet das für Sie: ich sein zu können?

Althaus: Selbstwert, Selbstbewusstsein, aber auch Grenzen zu kennen, also auch mal schwach sein zu dürfen.

ZEITmagazin: Sind Sie manchmal traurig?

Althaus: Ja, natürlich. Und ich bin dankbar, dass meine Frau das mit mir trägt und auch meine erwachsenen Kinder. Die Familie hilft mir, einen größeren Abstand zu gewinnen zum Alltag der politischen Wirklichkeit. Auch meinen Rücktritt habe ich nur zusammen mit meiner Familie und engsten Freunden entschieden. Und danach bin ich sofort nach Hause gegangen, und wir haben unendlich lange geredet. Im Privaten konnte ich zeigen, was ich empfinde.

ZEITmagazin: Wie ist das für Sie, wenn Ihre Frau nun plötzlich stärker ist als Sie?

Althaus: Das ist eine sehr schöne Erfahrung, dass die Ehe ein Rückzugsraum ist, in dem ich nicht immer stark sein muss. Dass die Familie ein Miteinander ermöglicht, das die Stärken und Schwächen aller gut vereint.

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ZEITmagazin: Dann war die Familie also Ihre Rettung? 

Althaus: Die Familie und die wichtige Erkenntnis, dass es im Leben nicht immer nur darum geht, die nächsthöhere Position zu erklimmen, dass es kein stetes Aufwärts gibt, sondern dass Schwächen oder Tiefs auch andere, neue Entwicklungsperspektiven ermöglichen. Und darin, dies anzunehmen, möchte ich ein Vorbild sein, mir selbst und meiner Familie. Dass ich die Wechsel in meinem Leben bewältigen kann. Dass ich nicht hadernd, sondern dankbar zurückschaue auf das, was ich erleben und gestalten durfte. Und dass es auch dann weiter- und aufwärtsgeht, wenn ich nun mit innerer Überzeugung einen ganz neuen Weg beschreite. Ich fühle mich dabei trotzdem glücklich.

Das Gespräch führte Herlinde Koelbl