Personenrätsel Lebensgeschichte

Ihr Leben sei »von Kindheit an nichts als Aufopferung für andere« gewesen. »Nicht geliebt von meinen Eltern, meinen Geschwistern immer in allen Stücken nachgesetzt, nannte man mich nur den Ausschuss der Natur«, schrieb sie in ihrer fragmentarischen Autobiografie. Sie habe sich das Leben nehmen wollen, dann, »ganz in sich gekehrt«, gelernt, es stoisch zu ertragen. »Ich ließ mich mit Geduld schimpfen und schlagen und tat doch so viel wie möglich nach meinem Sinn.« Schon mit drei Jahren erhielt sie täglich neun Stunden Unterricht. Eine Vorbereitung auf ihr späteres Leben war das nicht, eher eine Übung in Disziplin und Pflichtbewusstsein. Die Sechsjährige entschuldigte sich in gestochener Schönschrift beim »lieben Papa« für mangelhafte Leistungen. Dass sie zehn Jahre später verheiratet wurde, empfand sie als Erlösung. Mit siebzehn wurde sie Mutter, zwei Jahre später kam der zweite Sohn zur Welt. Da war sie bereits Witwe und nicht nur für die Söhne, sondern für ein ganzes Land verantwortlich. Erstaunlich selbstbewusst behauptete sie sich in der neuen Position. Als Landesmutter regierte sie in nahezu alle Lebensbereiche ihrer Untertanen hinein, stets unter Sparzwang. Im Widerstreit dazu stand der Anspruch auf Repräsentation, der auch horrende Ausgaben für Garderobe rechtfertigte. Klein und leicht verwachsen, war sie zwar nicht schön, begeisterte sich aber für Mode, und ihr Schuhtick war legendär. »Allgemein wurde ihr kleiner Fuß bewundert, und da sie täglich ein Paar neue Schuhe anlegte, die sie dann anderen überließ, kamen solche häufig zum Verkauf, und jede Dame war stolz darauf, ihren Fuß in ihre Schuhe zu zwängen.«

Als Erbwalterin ihres Sohnes wurden von ihr keine entscheidenden Reformen erwartet. Sie sah ihre Lebensaufgabe darin, ihre Kinder zu verantwortungsbewussten, gebildeten Menschen zu machen; dabei beschränkte sich ihre Rolle weitgehend auf die Auswahl der Erzieher. Je älter der Thronfolger wurde, desto mehr geriet sie in einen Machtkampf mit ihm. Als er, vorzeitig für volljährig erklärt, sie ablöste, kam sie mit Mitte dreißig aufs Altenteil. Um diese »sorgenfreiste Abteilung ihres Lebens« sinnvoll zu füllen, wandte sie sich ganz den schönen Künsten zu. Sie studierte drei weitere Sprachen, schrieb, übersetzte, nahm Zeichenunterricht, spielte Theater, vor allem aber wurde bei ihr »geklimpert, gegeigt, geblasen und gepfiffen, dass die Engel im Himmel ihre Freude daran hatten«. Im Großmutteralter unternahm sie eine zweijährige Reise, auf der sie endlich einmal »sich selbst gehören« konnte. Zurückgekehrt versuchte sie, dieses Lebensgefühl zu bewahren, und verwandelte ihre Umgebung in ein Museum ihrer Erinnerungen. Die Weltgeschichte machte vor diesem ästhetischen Bollwerk nicht halt. Innerhalb kurzer Zeit fielen ein Sohn und ihr Bruder dem Krieg zum Opfer. Sie bewahrte Haltung. Als ihre ganze Lebenswelt sich auflöste, starb sie. Für ihr Begräbnis wurde noch einmal fürstlicher Pomp aufgeboten. Wer war's?

Anzeige

Lösung aus Nr. 53
Der Universalgelehrte Ibn Sina (980 bis 1037), bei uns als Avicenna bekannt, wuchs im Buchara (heute Usbekistan) auf. Im Lauf seiner umfassenden Studien setzte er sich vor allem mit Aristoteles und der antiken Heilkunst auseinander. Gerade 18 Jahre alt, trat er als Arzt in den Dienst des samanidischen Herrschers Nuh ibn Mansur, danach folgten Aufenthalte in Gurgentsch (Choresm), Gurgan am Kaspischen Meer, Rayy bei Teheran, Hamadan und ab 1023 in Isfahan. In Gurgan entstand der erste Teil seines berühmten »Kanons der Medizin«, der in Europa bis nach 1600 als maßgeblich galt. Sein monumentales Hauptwerk »Buch der Genesung« fasst antike und arabische Philosophie mit dem Weltwissen seiner Zeit zusammen

 
  • Serie Lebensgeschichte
  • Quelle DIE ZEIT, 30.12.2009 Nr. 01
  • Versenden E-Mail verschicken
  • Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
  • Artikel Drucken Druckversion | PDF
  • Schlagworte Philosophie | Usbekistan | Europa | Teheran
  • Artikel-Tools präsentiert von:

Service