Als Felix laufen lernte, fiel er einmal auf die Nase. Bei ihm war der Sturz nicht mit einer Schramme erledigt. »Sein Gesicht lief blau an und blieb tagelang völlig zugeschwollen«, erzählt seine Mutter Marion Ott. Felix leidet am angeborenen Wiskott-Aldrich-Syndrom. Der Gendefekt stört die Blutgerinnung, führt vor allem aber zu einer Schwächung des Immunsystems. Die Kinder bekommen immer wieder schwere Infektionen, die meisten sterben vor ihrem zehnten Geburtstag.

»Unser Glück war, dass wir gleich am Tag der schrecklichen Diagnose eine Lösung gefunden haben«, sagt Ott. Die Familie aus Koblenz erfuhr von einer Studie des Kinderarztes und Hämatologen Christoph Klein an der Medizinischen Hochschule Hannover. Er behandelte dort Wiskott-Aldrich-Patienten mit einer neuen Gentherapie – ein aussichtsreiches und zugleich riskantes Experiment. Felix’ Eltern entschieden sich dafür, und so wurde der Vierjährige Anfang 2009 gentherapiert.

Kein anderes neues Behandlungskonzept hat so euphorische Anfangserwartungen geweckt und dann einen derart jähen Absturz erlebt wie die Gentherapie. Anfang der neunziger Jahre erschien sie nahezu als ein Allheilmittel: Schwere Erbkrankheiten wie Mukoviszidose oder erbliche Immunschwächeleiden sollten durch therapeutische Gentransfers geheilt werden, reihenweise starteten Pharmaunternehmen gentherapeutische Versuche an Krebspatienten. Jahrelang konnten die Fachleute kaum Fortschritte verzeichnen. Die Studien endeten sämtlich im Debakel. In günstigsten Fall waren die Tests erfolglos, doch nach einer Serie von ernsten Zwischenfällen galt die Gentherapie vielen Fachleuten als vermintes Gelände.

Neuerdings aber häufen sich Erfolgsmeldungen. In der Vorweihnachtswoche schaffte es das Forschungsfeld sogar auf die Liste »Durchbruch des Jahres« im Fachblatt Science: Nach etlichen Rückschlägen, hieß es, erlebe die Therapie eine Renaissance. Gelobt wird etwa die Studie mit nahezu blinden Patienten, die an der Leberschen kongenitalen Amaurose litten und seit der Behandlung deutlich besser sehen können.

Geglückt sind auch Versuche, die sich nicht nur auf ein einzelnes Organ, sondern auf den gesamten Organismus auswirken und daher riskanter sind: Eine Gentherapie stärkte sowohl bei Kindern, die an der schweren Immunschwäche ADA-SCID leiden, als auch bei HIV-Patienten das Immunsystem. Bei Kindern, die von der nervenzerstörenden Adrenoleukodystrophie (ALD) betroffen sind, stoppte der Gentransfer den Verlauf der Krankheit. »Die Ergebnisse bedeuten für die Gentherapie einen Sprung nach vorn«, sagt der Gentherapeut Manuel Grez vom Forschungsinstitut Georg-Speyer-Haus in Frankfurt. »Es steht inzwischen fest, dass die Methode wirklich heilen kann – viele Patienten sind auch lange nach dem Eingriff gesund.« 

Gelsingers Immunsystem antwortete mit einer tödlichen Überreaktion

Bei der Gentherapie werden sogenannte therapeutische Gene in Körperzellen übertragen. Dort sollen sie Stoffwechselvorgänge in Gang setzen, die wegen einer Erbkrankheit fehlen oder defekt sind. Der Mediziner Klein entnahm Felix und weiteren neun Wiskott-Aldrich-Patienten Blutstammzellen aus dem Knochenmark und stimulierte diese im Labor. Dann schleuste er mithilfe von Retroviren als Transportmittel gesunde Gene in die defekten Zellen.

Bevor er die Zellen mit dem korrigierten Erbgut zurück in den Körper transferierte, sorgte eine leichte Chemotherapie für günstige Bedingungen. »Das ist notwendig, um im Knochenmark Nischen zu schaffen, damit die manipulierten Stammzellen sich ansiedeln können«, erklärt Klein.

Die jüngsten Ereignisse sind vor dem Hintergrund früherer Zwischenfälle erstaunlich. Vor etwa zehn Jahren starb der damals 18-jährige Amerikaner Jesse Gelsinger an den Folgen der Behandlung. Dabei litt er an einer Stoffwechselerkrankung, die gar nicht lebensbedrohlich war. Um ein Korrekturgen in Gelsingers Leberzellen zu bugsieren, verwendeten die Forscher als Genfähre eine extrem hohe Dosis Adenoviren.

Gelsingers Immunsystem antwortete mit einer tödlichen Überreaktion. Anderen Patienten half eine Gentherapie zwar, führte aber nach einigen Jahren zu heftigen Nebenwirkungen. So bekämpfte der französische Immunologe Alain Fischer bei neun von elf Kindern erfolgreich die Immunschwächekrankheit XSCID. Vier von ihnen erkrankten später an Leukämie, ein Kind starb.

In Frankfurt konnten Patienten, die an dem Immundefekt Septische Granulomatose litten, nach der Therapie zumindest für etwa zwei Jahre ein normales Leben führen. Dann ließ die Wirkung nach, einer der Patienten starb. »Das lag zum Teil an seiner Vorerkrankung und zum Teil an einer Blutveränderung, die durch die Gentherapie hervorgerufen wurde«, sagt Manuel Grez, der an der Studie beteiligt war.

Christof von Kalle vom Nationalen Centrum für Tumorerkrankungen in Heidelberg räumt ein, dass anfangs Fehler gemacht wurden. »Einige Kollegen haben zu viel von der Methode erwartet«, sagt er. »Sie dachten irrtümlicherweise, sie könnten innerhalb weniger Jahre standardmäßig anwendbare Therapien erzeugen.«

Insgesamt beurteilt die Fachwelt jedoch nur den Fall Gelsinger kritisch. »Da wurde eine viel höhere Dosis Adenoviren gegeben als vorgesehen«, sagt Christof von Kalle, der an den aktuellen Studien mit ALD- und HIV-Patienten und zuvor an dem Frankfurter Therapieversuch mitgewirkt hat. »Es war viel Ehrgeiz im Spiel.« Die anderen Todesfälle bedauern die Wissenschaftler zwar, rechtfertigen jedoch die Eingriffe. »In der Medizin geht es ständig um eine Abwägung zwischen Nutzen und Risiko«, sagt Manuel Grez über die Frankfurter Studie. »Ohne die Therapie wären auch die anderen Patienten mit hoher Wahrscheinlichkeit gestorben.« Für Kinder, die an der nervenzerstörenden Krankheit ALD litten, gelte diese Bewertung ebenso: Das Risiko, an ihrem Leiden zu sterben, sei sehr viel höher als die Gefahr, nach der Gentherapie an Leukämie zu erkranken. 

Nach diesen trüben Erfahrungen bewerten die meisten Wissenschaftler die aktuellen Erfolge verhalten. Es sei eine »Bestätigung, dass wir auf dem richtigen Weg sind«, sagt Hildegard Büning von der Uniklinik Köln. So wird sich die Gentherapie weiterhin vor allem für Patienten eignen, die keine andere Chance haben. Beim Wiskott-Aldrich-Syndrom und bei ALD etwa ist die Transplantation von Knochenmark die einzige Alternative. Häufig findet sich jedoch kein passender Spender, und selbst wenn, ist auch dieser Eingriff mit einem Risiko verbunden. Oft wird der Körper des Patienten von den Immunzellen im fremden Knochenmark angegriffen, was tödliche Folgen haben kann.

"Nebenwirkungen sind nicht ausgeschlossen"

Was hingegen die Gentherapie riskant macht, sind nach Ansicht der meisten Forscher die Transportmittel, mit denen die therapeutischen Gene in die Zellen geschleust werden. Offenbar verursachten solche Genfähren auch die Leukämie, an der die X-SCID-Patienten nach der Therapie erkrankten.

Deshalb haben die Forscher in den vergangenen Jahren vor allem an der Verbesserung dieser Vehikel gearbeitet. »Wir haben die Probleme teilweise gelöst und sind auf einem guten Weg«, sagt Grez. Bei den ALD-Kindern wurde eine neue Art von Viren eingesetzt, die als sicherer gilt: Die Wissenschaftler nutzten eine veränderte Form des sonst so zerstörerischen HIV als Transportmittel. 

Bei Felix scheint die Therapie zu wirken: Sein Immunsystem ist stärker geworden, die Blutgerinnung hat sich verbessert. Fünf weiteren Wiskott-Aldrich-Patienten, die der Mediziner Klein behandelt hat, geht es ähnlich wie Felix oder sogar noch besser. Bei einem Patienten hat die Therapie nicht angeschlagen, und bei den übrigen drei fand der Eingriff erst kürzlich statt. Nebenwirkungen sind bis jetzt bei keinem der Kinder aufgetreten, doch Klein mag nicht allzu siegessicher klingen. »Nebenwirkungen sind nicht ausgeschlossen, auch wenn wir derzeit zum Glück keine Veranlassung haben, welche zu befürchten«, sagt er.

Nein, sie habe keine Angst, versichert Felix’ Mutter. Sie und ihr Mann seien einfach überzeugt, dass alles gut verlaufen werde. Felix kann jetzt in den Kindergarten gehen, was vorher nicht möglich war. Wegen seines geschwächten Immunsystems wurde er dort früher ständig krank, sodass seine Eltern lieber zu Hause auf ihn aufpassten. »Und er kann alleine herumlaufen, ohne dass jemand hinter ihm herläuft und ständig sagt: Pass auf, oder: Stoß dich nicht«, erzählt Marion Ott. Denn ein Sturz hätte heute vielleicht eine kleine Beule zur Folge, wie bei jedem anderen Kind.