Donnerstalk Gen Süden
Alfred Dorfer hilft dem Kanzler, den Kompass richtig zu deuten.
Ein wenig geografische Nachhilfe im Namen der Windrose: Liesing, der Wiener Bezirk, aus dem der Bundeskanzler stammt, befindet sich im Südwesten der Hauptstadt. Wenn sich Werner Faymann morgens zu seinem Amtssitz begibt, der im Zentrum liegt, schlägt sein Dienstwagen also eine nordöstliche Richtung ein. Angesichts dieser täglichen Route dürfte es dem Regierungschef eigentlich nun doch gar nicht mehr so schwerfallen, den Weg in Richtung Süden zu finden, selbst wenn er nie bei den Pfadfindern gelernt hat, sich im unmarkierten Gelände zurechtzufinden. Das ist insofern nicht unerheblich, als die Republik beabsichtigt, im Süden des Landes ein neues Aufnahmezentrum für Asylsuchende zu errichten.
Von Faymanns kargem Schreibtisch aus gesehen liegt die Marktgemeinde Eberau, der ins Auge gefasste Standort, ziemlich genau im Süden. Der Kanzler hingegen behauptet, es wäre der Osten. Verwirrend? Vermutlich hat er aber während seiner Juso-Jugend gelernt, sich lediglich nach jener klassenlosen Himmelsrichtung zu orientieren, in welche die marxistische Kompassnadel, vom Magnetfeld revolutionärer Energie angezogen, weist. Dann ist natürlich Osten allüberall. Süden aber, das ist für alle anderen, die ihrem Herzen folgen, dort, wo die Sehnsucht wohnt – Italien, Arkadien, das Land in dem die Zitronen blühen. Heute fahren selbst alte Sozis im Urlaub gerne dorthin. Man kann darin den historischen Fortschritt sehen, von dem schon Marx sprach. Genau: Er führt gen Eberau.
- Datum 06.01.2010 - 16:38 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 07.01.2010 Nr. 02
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