Ein deutsch-französischer Minister? Pourquoi pas?! Kann gewiss nicht schaden. Im Übrigen gab es ihn schon einmal. Zwar nicht ganz so, wie Präsident Nicolas Sarkozy ihn sich vielleicht vorstellt – aber doch als einen Mann, der in und zwischen beiden Landen lebte und Politik machte.

Ausgerechnet in jenen Jahrzehnten, da die Revolutionskriege und die Herrschaft Napoleons die europäische Welt gründlich durchschüttelten, diente dieser deutsche Ausnahmediplomat der französischen Nation in Frankreich wie in Deutschland. Vielleicht aber waren die besonderen Umstände jener Zeit um 1800 auch gerade die beste Voraussetzung für seine bemerkenswerte Karriere.

Karl Friedrich Reinhard heißt er, geboren wird er am 2. Oktober 1761 in Schorndorf in Württemberg. Sein Vater ist Pfarrer, und Pfarrer soll auch er werden. Am Tübinger Stift studiert er Theologie, lernt mit Freude nicht nur das Übliche – Latein, Griechisch und Hebräisch –, sondern auch Arabisch und Englisch. Und Französisch sowieso. Zunächst geht alles seinen schwäbisch-protestantischen Gang: Er wird Vikar bei seinem Vater in Balingen, anschließend Hauslehrer im schweizerischen Vevey; 1787 bekommt er eine Stelle als Privatlehrer in Bordeaux . Es sind Lebensstationen, die wir so ähnlich aus den Viten anderer Stiftler kennen, wie denen der neun Jahre jüngeren Hegel und Hölderlin.

Theologische Schriften allein genügen Reinhard schon lange nicht mehr. Bereits in Balingen veröffentlicht der 22-Jährige eine Übersetzung der Gedichte Tibulls. Auch schreibt er selbst und verfasst, inspiriert von Klopstocks Poesie, Elegien, die im ersten Band des Schwäbischen Musenalmanachs erscheinen. Voltaire gehört jetzt zu seinen bevorzugten Autoren und Kant, dessen Schrift Zum ewigen Frieden er später übersetzt. Und über alles verehrt er Rousseau.

Reinhard ist in Bordeaux, als die Revolution beginnt. 1790 schließt er sich der Société des Amis de la Constitution an, dem Jakobinerklub der Stadt, zu dessen Präsidenten er 1791 gewählt wird. Damals schwört er, »als guter französischer Patriot leben und sterben zu wollen«. Pierre Victurnien Vergniaud wird sein Freund, der spätere Redner der gemäßigten Gironde-Fraktion, und der Kaufmannssohn Jean-François Ducos.

Ende September reist er nach Paris . Die neue Zeit, der ungeheure Aufbruch begeistert ihn. Er sehe, schreibt er an seinen Landsmann Friedrich Schiller, den er 1781 in Stuttgart kennengelernt hat, »in der französischen Revolution nicht die Angelegenheit einer Nation, mit der ich vielleicht niemals ganz sympathisieren werde, sondern einen Riesenschritt in den Fortgängen des menschlichen Geistes überhaupt und eine glückliche Aussicht auf die Veredlung des ganzen Schicksals der Menschheit«.

Kreidezeichnung des Diplomaten Karl Friedrich Reinhard (1761 - 1837)

In Paris schließt er sich den Girondisten an; der Abbé Emmanuel Sieyès, dessen berühmte Schrift Was ist der Dritte Stand? das Tempo der Revolution entscheidend forciert hat, fördert ihn. 1792 wird er zum Ersten Gesandtschaftssekretär in London ernannt. Dort trifft der junge Deutsche mit dem Mann zusammen, der sein Schicksal fortan bestimmen sollte, mit dem sieben Jahre älteren Charles Maurice de Talleyrand. Der französische Politiker, von seiner erzaristokratischen, indes verarmten Familie ebenfalls, wie Reinhard, zum Priester bestimmt, hatte es noch im Jahr vor der Revolution zum Bischof von Autun gebracht, sich dann aber rasch und nicht ohne sympathisierendes Engagement den neuen Verhältnissen angepasst (was ihm prompt die Exkommunikation eintrug). Als die Revolution in ihre terroristische Phase eintrat, flüchtete sich Talleyrand in diplomatischer Mission nach London. Ihm gefällt der Mann aus Deutschland, er behält ihn im Auge.

Seit 1792 herrscht Krieg zwischen Frankreich und den Monarchien jenseits des Rheins. Der Versuch der deutschen Fürsten, im Verbund mit den adeligen französischen Emigranten ein Invasionsheer nach Paris zu schicken und die Revolution auszutreten, scheitert im Herbst 1792 kläglich bei Valmy. Auch das Verhältnis zwischen Frankreich und England verschlechtert sich rapide. Als im Januar 1793 Louis Capet, der ehemalige Ludwig XVI., wegen Hochverrats hingerichtet wird, bricht die Regierung in London die diplomatischen Beziehungen ab.

Der Krieg ist unvermeidlich. Reinhard verlässt die Insel und erhält im Februar seine Ernennung zum Ersten Gesandtschaftssekretär in Neapel . Doch auch dort regieren die Bourbonen, außerdem ist König Ferdinands Gemahlin eine Schwester der französischen Königin Marie Antoinette. Neapel tritt der Koalition gegen das revolutionäre Frankreich bei. Schon nach wenigen Monaten unter dem Vesuv muss Reinhard seine Koffer packen. Im Ministerium des Auswärtigen findet er eine neue Stelle.