Senioren in Österreich Residenz zum letzten Glück

Sie könnten ihren Lebensabend in sorgenfreiem Luxus genießen. Doch gerade wohlhabende Ruheständler zögern die Entscheidung hinaus, in eine Seniorenresidenz zu ziehen. Über die Schwierigkeit, den richtigen Zeitpunkt zu finden.

Es sind 39 Stufen von der Straße bis zur Wohnungstür. Wilhelm Riedel weiß das genau. Noch sind sie im Leben des freundlichen Herrn mit dem dünnen weißen Haar nicht mehr als eine etwas beschwerliche Hürde. »Aber vielleicht sind diese 39 Stufen bald nicht mehr zu schaffen«, sagt der 82-jährige Pensionist. Seine Frau Gertrude will das nicht hören. Wenn die kleine, redselige Frau mit energischen Gesten ihre Worte unterstreicht, wirkt sie deutlich jünger als die 86 Jahre, die sie bereits erlebt hat. Sie zeigt hinaus in den Garten mit dem Swimmingpool. Daneben ragen drei mächtige Föhren in den Himmel. »Von hier sollen wir weggehen?«, fragt Frau Riedel und schüttelt den Kopf.

Schon lange ringt das Ehepaar um eine Entscheidung. Es ist vielleicht die schwierigste ihres Lebens: Wann ist der Zeitpunkt gekommen, das über Jahrzehnte Aufgebaute, die vertraute Umgebung hinter sich zu lassen, um in ein Seniorenheim zu übersiedeln? Sollte man schon jetzt, zwar hochbetagt, aber immer noch rüstig, den Beginn des letzten Lebensabschnittes planen? Oder so lang warten, bis Gebrechlichkeit und Krankheiten diesen Schritt erzwingen, der viel zu lange hinausgeschoben wurde?

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Ganz gleich, ob man allein ist oder ob die Kinder versichern, ihre Eltern pflegen zu wollen: Eine Antwort auf diese Grundsatzentscheidung fällt schwer. Immer mehr Senioren quälen sich damit ab.

Das Land vergreist. In zehn Jahren wird jeder fünfte Österreicher älter als 64 Jahre sein. Heute werden noch etwa 80 Prozent der Pflegebedürftigen von Familienangehörigen – meist Ehefrauen und Töchtern – betreut, berichtet der Dachverband der Pflegeheime. Zukünftig wird der Anteil der häuslichen Betreuung jedoch um bis zu einem Prozent jährlich abnehmen, vermutet das Wirtschaftsforschungsinstitut. Immer weniger der jüngeren Frauen sind bereit, ihren Beruf gegen Leibschüssel und Waschlappen zu tauschen. Vor allem höher Gebildete vertrauen auf professionelle Hilfe. Von diesem Trend sind vor allem jene Senioren betroffen, die von der Werbung gerne Golden Ager genannt werden: vermögend, aktiv, vital – eine Generation, die während der Wirtschaftswunderjahre im Staatsdienst oder als Selbstständige blendend verdient hat und es sich sowohl leisten konnten, viel Geld in die Ausbildung des Nachwuchses zu investieren, als auch einen dicken Sparpolster anzusammeln, und außerdem nun über üppige Pensionen verfügt. Die Entscheidung, das bisherige Leben hinter sich zu lassen, fällt einem wohlhabenden Ruheständler dennoch nicht leichter als einem Mindestrentner.

Wilhelm Riedel arbeitete einst als Techniker bei Siemens. 27 Patente und vier Enkelkinder, so lauten die Kennzahlen seines Lebens – und 39 Stufen. In der Wohnung am Wiener Stadtrand zeugen Bücherwände, ein Kamin und die Bilder der Hobbymalerin an seiner Seite von einem glücklichen Ruhestand. Schon vor Jahren haben sich die beiden für ein Seniorenheim angemeldet, nun sie stehen ganz oben auf der Warteliste. Den Weg in die Residenz zum letzten Glück an einer noble Adresse im 18. Wiener Gemeindebezirk hat das Paar bislang dennoch vermieden. »Wir verschieben es immer wieder, aber es wäre natürlich sinnvoll«, sagt Herr Riedel und blickt zu seiner Frau. Die macht eine ärgerliche Geste.

»In Österreich wollen die Menschen das Thema Altern nicht so richtig wahrhaben«, sagt Martina Steiner, Direktorin einer modernen Wiener Seniorenresidenz, die sich abseits des Straßenlärms beim Schönbrunner Schlosspark befindet. Sie beobachtet, dass Senioren immer länger zuwarten, bevor sie in ihr Haus, ein Tochterunternehmen des deutschen Dussmann-Konzerns, ziehen. Motivforscher machen unterschiedliche Gründe dafür verantwortlich. Die Österreicher würden einerseits Altsein automatisch mit Hilflosigkeit verbinden. Anderseits erschwere die bürgerliche Vorstellung von traditionellen Familienstrukturen, der betagte Wohlhabende häufig anhängen, den Abschied vom Eigenheim. Oft stecke hinter dem beharrlichen Hinauszögern der Entscheidung aber einfach nur der Wunsch, die goldenen Jahre des Lebensabends zu verlängern. Mit dem Umzug in ein Pflegeheim beginnt der letzte Akt. Unwiderruflich.

Leser-Kommentare
  1. Jeder will alt werden, aber keiner will alt sein. In dieser Wahn-Gesellschaft in denen Vierzigjährige schon als Alt gelten und keinen Job mehr bekommen ist alt zu sein heut zu Tage ein Makel. Aber jeder von uns wird alt, schneller als man denkt und darum sollte jeder mal nachdenklich in sein Inneres gehen, bevor er sich abschätzig über die Alten äußert. Die Politik legt sich immer wieder für ihr eigenes Versagen die Demografie als Alibi zur Rentenkürzungen und Anhebung der Pflegekassen zurecht. Gleichzeitig entsteht immer mehr eine Industrie in der man mit die Alten sehr viel Geld verdient. Gute Altenheime gibt es wenige, meistens werden die alten Menschen entmündigt und weggesperrt. Nur Wenige wollen in ein Altenheim und wollen lieber in ihrem gewohnten zu Hause alt sein bis zum sterben. Früher gab es die Großfamilien, in der bis zu drei Generationen zum gegenseitigem Wohle in einen Haushalt zusammen lebten.

  2. 2. Luxus

    Luxus dieser Art ist auch im Alter weit teurer. 2000 bis 4000 Euro reichen für dieses Lebensstil in der Residenz nicht aus. Bei Vollverpflegung auf 4-Sternniveau, inkl. Golfmitgliedschaft würde ich um diesen Preis auch jetzt schon in die "Residenz" gehen.

    Bei aller Verdrängung ist der wichtigste Punkt verloren gegangen: die Pflegeleistungen! In ihrer Preisaufstellung sind diese sicher nicht berücksichtigt. Nicht "marktfähige" Positionierungsargumente, die sich im Prospekt ganz gut machen zählen hier, sondern evidenz-basiertes Fachwissen gepaart mit Wärme.

    Gerade privatwirtschaftliche "Residenzen" arbeiten ausschließlich profitorientiert und lassen sich das Personal nicht allzu viel kosten. Jeder Handgriff (und Artikel zB. Handtücher) wird hier extra bezahlt.

    Tai-Chi Stunden sind sicher erstrebenswert, wenn es sich dabei aber um das einzige Mobilisationsangebot handelt, wird es hart für die Betagten. Was, wenn Golf nicht mehr geht?

    Im Übrigen finde ich es unsachlich zu behaupten, dass in den meisten Altenheimen, die Menschen nur abgeschoben werden. Sie sprechen ein wichtiges Thema an, bleiben in ihrer Argumentation aber auf halbem Wege stehen. Hinter den Kulissen sieht es oft ganz anders aus. Mein Eindruck von diesem Artikel lautet: "Reich und Alt? Auf nach Österreich!" und das ist, ach ja, WERBUNG.

    Super ist vor allem der letzte Satz: Früher gab es die Großfamilien, in der bis zu drei Generationen ZUM GEGENSEITIGEN WOHLE in einen Haushalt zusammen lebten.

    Wie naiv!

  3. sie sind nur ein bisschen teuer. Ein bisschen Pflege dabei und schon sind 1000 EUR mehr, dauerhafte Betreuung und schon sind's insgesamt bald 4000-5000 EUR, wenn hohe Standards. Hallo? Abteilungsleitereinkommen? Können das viele Menschen? Wollen sie ihr Geld so ausgeben? Statt den Kindern und Enkeln zu geben?[Link entfernt] (Bitte nutzen Sie das Forum nicht als Werbeplattform. Die Redaktion /ft)

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  • Quelle DIE ZEIT, 07.01.2010 Nr. 02
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  • Schlagworte Österreich | Glück | Siemens AG | Eigenheim | Wien
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