Hochschulsysteme im Vergleich Das Phantom der Autonomie

Eine neue Studie zeigt: Deutschland hat kein neoliberales Hochschulsystem, jedenfalls nicht im Vergleich zum Ausland.

Die Forderung nach freier Bildung war während der Studentenproteste auf zahlreichen Plakaten zu lesen

Die Forderung nach freier Bildung war während der Studentenproteste auf zahlreichen Plakaten zu lesen

Die Studenten in den besetzten Hörsälen hatten ihre Forderungen auf Plakate gemalt, ins Internet gestellt und auf Betttüchern aus den Fenstern gehängt. »Keine Ökonomisierung!« stand da oft ganz oben. Zwar sind die Bildungsstreiks vorläufig zu Ende. Aber weiter verlangt der akademische Nachwuchs: Hochschulen dürften keine Ausbildungsstätten der Wirtschaft werden, Professoren keine Handlanger von Managementinteressen und Studienabschlüsse nicht zu einer Ware, die man kaufen müsse. Die Forderungen wirken bei allem Nachdruck seltsam abstrakt.

Jetzt belegt jedoch eine Studie des europäischen Hochschulverbands European University Association (EUA), dass die angeprangerte Neoliberalisierung der Universitäten in Deutschland vergleichsweise gering ausgeprägt ist. Zwar werden mittlerweile auch hierzulande die Uni-Rektoren mancherorts Präsidenten genannt und mit einer Machtfülle ausgestattet, die der von Vorstandsvorsitzenden ähnelt. Doch schon bei der Verwendung des Hochschulbudgets stoßen sie an enge gesetzliche Grenzen, die zum Beispiel durch die von der Regierung vorgegebene Zahl der Fakultäten, Professorenstellen und Studienplätze gesetzt sind.

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In vielen europäischen Nachbarländern dagegen ähneln die Hochschulen tatsächlich Wirtschaftsunternehmen, haben die EUA-Forscher in ihrem Vergleich von 34 staatlichen Hochschulsystemen ermittelt – wobei sie allerdings bewusst nicht von einer »Ökonomisierung« der Hochschulen sprechen. Sie benutzen lieber den weniger belasteten Begriff der »Autonomie«: Am weitesten geht die demnach an Universitäten in Großbritannien und den Niederlanden, aber auch in einigen skandinavischen Ländern.

Das Beispiel Großbritannien zeigt, wie weit sich der Staat anderswo bereits aus der Hochschulverwaltung zurückgezogen hat. Britische Universitäten können nach Belieben Professoren einstellen und entlassen; sie können ihre Gebäude und Grundstücke verkaufen, neue hinzuerwerben und dafür sogar Anleihen ausgeben oder Kredite aufnehmen. Sie können sich laut EUA selbst völlig neu organisieren, indem sie ganze Fakultäten schließen, umwandeln oder neu eröffnen – alles, ohne die Regierung zuvor um Erlaubnis zu fragen. In diesen Fällen wird sie plötzlich real – die in Deutschland herrschende Befürchtung, die Universitäten könnten sich mit ihrer inhaltlichen Ausrichtung und ihrem Angebot an Studienplätzen künftig vor allem an der zahlungskräftigen Kundschaft ausrichten. Noch allerdings sind die Hochschulen der Bundesrepublik in allen genannten Fragen von der Entscheidung der zuständigen Wissenschaftsministerien und weiterer Behörden abhängig.

Leser-Kommentare
    • TimmyS
    • 08.01.2010 um 12:38 Uhr

    Diese Vergleiche mögen richtig sein, aber man sollte irgendwie schon im eigenen Dorf bleiben und da sieht man, dass die Studenten auch bessere Bedingungen fordern. Im Artikel hat man sich aber nur die passenden Forderungen herausgepickt. Außerdem ist schon eine gewisse Autonomie gewünscht, doch so dürfe nicht in die Richtung, dass die Universitäten nur noch auf Gewinnmaximierung zu steuern. Es müsse in der Autonomie einer Universität das Grundverständnis existieren, dass Bildung für jedermann zur Verfügung stehen muss. Es dürfe nicht passieren, dass Hochschul-Befähigte nicht studieren können, weil die Uni-Landschaft diese aus ökonomischen Gründen nicht nehmen kann.
    Der Artikel betrachtet dies etwas zu einseitig und ohne klaren Zusammenhang, denn schließlich werden auch die gesamte Hochschulsituation bemängelt.

  1. Mag sein, dass die "Ökonomisierung" in anderen Ländern bereits weiter fortgeschritten ist als in Deutschland. Dies sollte aber kein Grund sein, die Hände in den Schoß zu legen - dasselbe geschah ja auch beim Bologna-Prozess, und als man sich plötzlich wunderte (und aufregte), wie viel in diesem Zusammenhang schief gelaufen ist, war es bereits zu spät. Bereits vor über zehn Jahren und nicht erst 2009 hätte man eine breite Diskussion über Ziel und Zweck von "Bologna" führen müssen! Stattdessen wurde diese "Reform" (die in ein primitives Einstampfen der Bildungsvielfalt Europas ausgeartet ist) obrigkeitlich von oben nach unten durchgepeitscht.

    Gerade Bologna lehrt uns, dass wir Missstände im besten Fall präventiv verhindern. Haben sie sich erst einmal in die Hochschul-Struktur hineingefressen, sind sie umso schwerer zu beseitigen!

    Daher gilt schon jetzt: Bildung statt Ausbildung!

    • sps74
    • 08.01.2010 um 13:57 Uhr

    Eigentlich muessten diejenigen auf die Strassen gehen, die mitten in Deutschland keinen Zugang zur Bildung haben (Einfach im Doenerladen an der Ecke den jungen Mann fragen, ob er studieren will). Diese Proteste sind einfach grotesk.

    Die Studiengebuehr pro Semester sollte um die 1800EUR betragen, das ist das, was ich als deutscher Buerger im Ausland fuer Bildung zahlen muss. Bildung, die mir in Deutschland offenbar nicht zusteht. Die Studenten, die oben im Bild protestieren, sind besser gestellt als ich und ich finde das nur ungerecht.

    Zudem wuerde ich das Abitur streichen und eine abgeschlossene Berufsausbildung und zwei Jahre Berufserahrung als Zugangsvoraussetzung an Hochschulen festlegen. So koennte man sehr leicht die vorherrschende Studi-Dekadenz (s. dazu DSW Sozialerhebung) aufbrechen und die Hochschulen haetten als Ergebnis wieder motivierte Studenten. Auch wuerden sich die wenigsten aus falschen Gruenden fuer ein Studium entscheiden, etwa weil auch Mamma und Pappa studiert hatten.

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    Das Ausland ist aber kein Vorbild für Deutschland. Und das Problem ist ja, dass so viele von ihren Eltern gesagt kriegen, sie sollen erstmal eine Ausbildung machen, statt zu studieren, obwohl wir hochqualifizierte Arbeitskräfte brauchen. Niedrigqualifizierte Jobs sterben einfach aus. Die Studenten, die protestieren, studieren in den meisten Fällen nicht für sich, sondern für Leute die eben nicht studieren können: Wenn sich was ändert, werden diese Studenten oben im Bild schon längst fertig sein. Der richtige Weg ist doch, Universitäten für alle zugänglich zu machen. Und es gibt durchaus junge Leute im Dönerladen um die Ecke, die studieren wollen, und für die schon 500€ pro Semester Lebenshaltungskosten ohne Verdients zuviel sind.

    Wenn Sie vorschlagen, das Abitur zu streichen, dann machen Sie sich kein Bild davon, welcher Stoffumfang in den letzten zwei Jahren unseres Bildungssystems vermittelt wird.
    Das ist einerseits direkt benötigtes Wissen - für Naturwissenschaftler zum Beispiel Chemie und Physik - andererseits nicht direkt einsetzbares Wissen, das aber indirekt eine unverzichtbare Allgemeinbildung vermittelt - wie zum Beispiel die deutsche Geschichte für den Juristen und Ethik für den BWLer und Genetiker.

    Das Ausland ist aber kein Vorbild für Deutschland. Und das Problem ist ja, dass so viele von ihren Eltern gesagt kriegen, sie sollen erstmal eine Ausbildung machen, statt zu studieren, obwohl wir hochqualifizierte Arbeitskräfte brauchen. Niedrigqualifizierte Jobs sterben einfach aus. Die Studenten, die protestieren, studieren in den meisten Fällen nicht für sich, sondern für Leute die eben nicht studieren können: Wenn sich was ändert, werden diese Studenten oben im Bild schon längst fertig sein. Der richtige Weg ist doch, Universitäten für alle zugänglich zu machen. Und es gibt durchaus junge Leute im Dönerladen um die Ecke, die studieren wollen, und für die schon 500€ pro Semester Lebenshaltungskosten ohne Verdients zuviel sind.

    Wenn Sie vorschlagen, das Abitur zu streichen, dann machen Sie sich kein Bild davon, welcher Stoffumfang in den letzten zwei Jahren unseres Bildungssystems vermittelt wird.
    Das ist einerseits direkt benötigtes Wissen - für Naturwissenschaftler zum Beispiel Chemie und Physik - andererseits nicht direkt einsetzbares Wissen, das aber indirekt eine unverzichtbare Allgemeinbildung vermittelt - wie zum Beispiel die deutsche Geschichte für den Juristen und Ethik für den BWLer und Genetiker.

  2. Das Problem ist ja, dass die Lösungskonzepte für die Bildungsmisere leider genau in diese Richtung gehen: Universitäten sollen "wie Unternehmen" funktionieren. Kritisiert man dies, wird argumentiert, dass das ja in anderen Ländern doch genauso gemacht wird. Wir haben eben gerade in Deutschland die Chance, etwas zu erreichen, was in anderen Ländern nicht oder nur bei Eliteuniversitäten geschafft wurde.

  3. 5. Wow

    Das Ausland ist aber kein Vorbild für Deutschland. Und das Problem ist ja, dass so viele von ihren Eltern gesagt kriegen, sie sollen erstmal eine Ausbildung machen, statt zu studieren, obwohl wir hochqualifizierte Arbeitskräfte brauchen. Niedrigqualifizierte Jobs sterben einfach aus. Die Studenten, die protestieren, studieren in den meisten Fällen nicht für sich, sondern für Leute die eben nicht studieren können: Wenn sich was ändert, werden diese Studenten oben im Bild schon längst fertig sein. Der richtige Weg ist doch, Universitäten für alle zugänglich zu machen. Und es gibt durchaus junge Leute im Dönerladen um die Ecke, die studieren wollen, und für die schon 500€ pro Semester Lebenshaltungskosten ohne Verdients zuviel sind.

    Antwort auf "Zugang zur Bildung ???"
  4. Ja ja, nach mehr als 20 Jahren Information/Argumentation/Ausbildung/Indoktrination in die "richtige" Richtung fällt nicht mal das noch auf weil ja doch eben alles immer wieder mit den gleichen Massstäben verglichen wird und die Contras.. wo sind die überhaupt geblieben? Ich meine nicht die angenehm plüschigen sondern die unangenhem kratzbürstigen...

  5. Ich finde diesen Artikel in seiner Intention mehr als fragwürdig. Im Endeffekt wird hier doch ausgesagt: "Studenten stellt euch nicht so an in anderen Ländern ist es schlimmer". Was hier aber nicht erläutert wird ist warum wir denn auf diese Lokomotive aufsteigen müssen die die anderen Länder gegen die Wand fährt? Die Ökonomisierung des Bildungssystem schreitet doch auch hier immer schneller vorran wir sind nur eben noch nicht so "ökonomisiert" wie unsere Nachbarn das ändert aber nichts an dem Trend in die falsche Richtung.

    Würde ich in Form dieses Artikels argumentieren könnte ich ja auch den hungernden Menschen in Land x sagen: "Hey beschwert euch nicht in Land y hungern noch mehr Menschen!"

    "Die Studiengebuehr pro Semester sollte um die 1800EUR betragen, das ist das, was ich als deutscher Buerger im Ausland fuer Bildung zahlen muss. Bildung, die mir in Deutschland offenbar nicht zusteht. Die Studenten, die oben im Bild protestieren, sind besser gestellt als ich und ich finde das nur ungerecht."

    Ich bin auch Student und ich bin garantiert nicht besser gestellt als Sie. Meine Eltern gehören nicht zu den "Leistungsträgern" und ohne einen Kredit würde ich gar nicht studieren können. Dann würde ich halt eine Ausbildung beginnen und dadurch z.B. einem Realschüler den Ausbildungsplatz "wegnehmen". Ob das das bessere Modell ist bezweifel ich ganz stark. Man sollte meiner Meinung nach jegliche Bildung gebührenfrei gestalten dazu gehört übrigens auch ein Handwerksmeister.

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    • sps74
    • 08.01.2010 um 21:35 Uhr

    Sie haben einen Studienplatz, einen Kredit und Bafoeg, damit stehen Sie bereits besser da als ich. Leider sind nach Ihrer Beschreibung auch Ihre Chancen, statistisch gesehen, das Studium zu beenden sehr gering, dies aufgrund ihres elterlichen Hintergrunds. Siehe dazu Ergebnisse der DSW Sozialerhebung. Ich wuensche Ihnen natuerlich in jedem Fall, das Sie es schaffen.

    Gebuehren sind meines Erachtens kein Problem, wenn Loehne entsprechend angepasst werden oder wenn zumindest die zukuenftigen Arbeitgeber die Bildungskredite abzahlen, was das gleiche ist. Warum nicht dafuer protestieren(?)

    Das deutsche Hochschulsystem leidet am Mangel an Qualitaetssicherung. So kann eine Universitaet einem Studenten nicht garantieren, wie lange es im Durchschnitt dauert ihre Studieninhalte abzuarbeiten. Das hat nichts mit Interessen der Wirtschaft zu tun, sondern mit Studenteninteressen.

    Eine solche Garantie waere aber die Kernaufgabe einer Uni oder FH. Mit der Umreformierung auf BSc und BA Abschluesse sollte es eben urspruenglich in diese Richtung gehen - das ist ja der ganze Sinn des Akkreditierungssystems.

    Leider stellen sich vor allem die Unis wie kleine Kinder an, als haetten sie noch nie etwas von einer Zeitmessung gehoert und schieben den Stress auf Studenten, die mit Lerninhalten nur ueberfordert werden. Die deutschen Unis sind eben autonom(!) und niemand in Deutschland kann einer Universitaet vorschreiben Qualitaetsmanagement durchzusezten. Das ist der Systemfehler.

    • sps74
    • 08.01.2010 um 21:35 Uhr

    Sie haben einen Studienplatz, einen Kredit und Bafoeg, damit stehen Sie bereits besser da als ich. Leider sind nach Ihrer Beschreibung auch Ihre Chancen, statistisch gesehen, das Studium zu beenden sehr gering, dies aufgrund ihres elterlichen Hintergrunds. Siehe dazu Ergebnisse der DSW Sozialerhebung. Ich wuensche Ihnen natuerlich in jedem Fall, das Sie es schaffen.

    Gebuehren sind meines Erachtens kein Problem, wenn Loehne entsprechend angepasst werden oder wenn zumindest die zukuenftigen Arbeitgeber die Bildungskredite abzahlen, was das gleiche ist. Warum nicht dafuer protestieren(?)

    Das deutsche Hochschulsystem leidet am Mangel an Qualitaetssicherung. So kann eine Universitaet einem Studenten nicht garantieren, wie lange es im Durchschnitt dauert ihre Studieninhalte abzuarbeiten. Das hat nichts mit Interessen der Wirtschaft zu tun, sondern mit Studenteninteressen.

    Eine solche Garantie waere aber die Kernaufgabe einer Uni oder FH. Mit der Umreformierung auf BSc und BA Abschluesse sollte es eben urspruenglich in diese Richtung gehen - das ist ja der ganze Sinn des Akkreditierungssystems.

    Leider stellen sich vor allem die Unis wie kleine Kinder an, als haetten sie noch nie etwas von einer Zeitmessung gehoert und schieben den Stress auf Studenten, die mit Lerninhalten nur ueberfordert werden. Die deutschen Unis sind eben autonom(!) und niemand in Deutschland kann einer Universitaet vorschreiben Qualitaetsmanagement durchzusezten. Das ist der Systemfehler.

  6. 8. [...]

    [Entfernt. Bitte bemuehen Sie sich, Kritik sachlich und konstruktiv zu formulieren. Danke. /Die Redaktion pt.]

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