Schauspielstudium Hamlet in Palästina
In Ramallah hat die erste Schauspielakademie des Westjordanlandes mit dem Unterricht begonnen. Die meisten ihrer Schüler waren zuvor noch nie im Theater.
Im Raum ist es mucksmäuschenstill. Maradona – er heißt tatsächlich so – bewegt die Arme vom Körper weg in Schulterhöhe, dann dreht er die Handflächen nach oben und spreizt die Finger. Alles im Zeitlupentempo, damit die beiden Kommilitonen, die direkt hinter ihm stehen, fast synchron mitmachen können. Die anderen schauen konzentriert zu. Nur irgendwo aus der Ferne dringt der Ruf eines Muezzins durch die geschlossenen Fenster.
Maradona, vom Hemd bis zu den Socken in Schwarz gekleidet, macht seine Sache gut und wird dafür gelobt. Eine Übung, die »Verantwortung für den anderen« vermitteln soll, erklärt Jamil Khoury, der hier am Spätnachmittag in der Garderobe des Al-Kasabah-Theaters in Ramallah lehrt. »Man darf sich nicht schnell bewegen, sonst kommt keiner mit.«
Den Vätern wäre es lieber, ihre Söhne würden Fußballprofis
Es ist kein Sporttraining, das Maradona aus Bethlehem da absolviert, sondern professioneller Schauspielunterricht. Zum Missfallen seines Vaters, der sich damit immer noch nicht recht abfinden mag. Er hätte nichts dagegen gehabt, wenn sich sein 26-jähriger Sohn zum Fußballprofi hätte ausbilden lassen. Aber zum Schauspieler! »So etwas macht man bei uns doch höchstens als Hobby, aber nicht beruflich«, fasst Khoury die gängigen Vorbehalte im Westjordanland zusammen. Er selbst entstammt einer prominenten palästinensisch-israelischen Schauspielerfamilie aus Haifa und wurde in Tel Aviv ausgebildet.
Kämpfe mussten sie alle zu Hause austragen, die drei jungen Frauen und acht Männer, die nun seit Anfang Oktober in den Räumlichkeiten des Al-Kasabah-Theaters einen international anerkannten Bachelor of Arts anstreben. Sie sind zwischen 20 und 25 Jahre alt, kommen aus Jerusalem, Hebron, Kalkilya, Ramallah und Bethlehem. Sie lernen täglich von Sonntag bis Donnerstag von neun Uhr morgens bis fünf Uhr nachmittags. Auf dem Stundenplan stehen Darstellung, Stimmbildung und Sprecherziehung, Bewegungslehre, Theatergeschichte, Textanalyse, Akrobatik.
Nicht viel anders also als bei dem deutschen Kooperationspartner, der Folkwang Hochschule für Musik, Theater, Gestaltung und Wissenschaft im Ruhrgebiet. Gemeinsam mit der Folkwang Hochschule wurde der Lehrplan entwickelt; deren Professoren dienen auch als Berater und Jurymitglieder bei der Auswahl der Studenten. Die neue Schauspielschule gehört zur Initiative »Zukunft für Palästina«, die der palästinensische Premierminister Salam Fajad im Januar 2008 gemeinsam mit dem damaligen deutschen Außenminister Frank-Walter Steinmeier ins Leben rief. Zu den Sponsoren gehört die Mercator-Stiftung. Ein eigenes Gebäude ist in Planung, woraus später einmal eine richtige Akademie der Künste werden könnte, so hofft Ibrahim Mozain, Regisseur und Leiter der Schauspielschule. Für die ersten drei Jahre sei die Zukunft erst einmal gesichert, danach werde man sehen müssen. Eigentlich sollten die Studenten im Jahr 600 Dollar Studiengebühren entrichten, aber die meisten konnten sich nicht einmal eine Unterkunft leisten.
60 Kandidaten hatten sich beworben. Knapp die Hälfte war daraufhin eingeladen worden, sich einen Monat lang während eines Workshops auf die Aufnahmeprüfung vorzubereiten. Eine fünfköpfige Jury musste dann entscheiden, erzählt Mozain, »wer das Potenzial besitzt, in drei Jahren ein guter Schauspieler zu sein«. Zum Vergleich wartet er mit Zahlen auf: »Bei uns sind es 60 Bewerber, 6 Lehrer und 11 Schüler. In Deutschland gibt es 800 Bewerber, 22 Lehrer und 8 Studenten.«
- Datum 13.01.2010 - 09:55 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 07.01.2010 Nr. 02
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