Musikausbildung Linke Hand ganz locker

Die Young Academy in Rostock will Nachwuchsmusiker früh fördern, ohne sie zu überfordern

Dominiks Hände fliegen über die Tasten. Sein schmaler Rücken ist gebeugt, er wiegt sich zur Melodie von Robert Schumanns Faschingsschwank aus Wien. Bei den tiefen Tönen geht sein Oberkörper nach vorn, so als wolle er auch mit seinem Gewicht dem Ton Nachdruck verleihen. Vierzehn Jahre ist Dominik erst alt – und doch sitzt er hier auf einem kleinen hölzernen Hocker vor dem Flügel in der Hochschule für Musik und Theater in Rostock. Dominik Cernusko ist einer der vierzehn Jugendlichen, die seit diesem Herbst ein Frühstudium an der Hochschule im Rahmen des Zentrums für internationale Hochbegabte (Young Academy) in Rostock absolvieren. So kann er während seiner Schulzeit schon mit dem Klavierstudium beginnen.

Noch vor einer halben Stunde diskutierte er mit seinen Klassenkameraden der Don-Bosco-Schule im Politikunterricht über die Herabsetzung des Wahlalters auf 16 Jahre. Dominik war dagegen: »Jugendliche in dem Alter lassen sich zu leicht beeinflussen«, war sein Argument. Danach hat er sich auf sein Mountainbike geschwungen und ist zur Hochschule gefahren, während seine Schulkameraden sich auf den Nachhauseweg machen. Wenn er schnell radelt, braucht er zehn Minuten – viel Zeit hat er meistens nicht. Es nieselt in Rostock, ein feuchter Herbsttag. Nicht so stressig wie an anderen Tagen war es heute, weil er nur bis zwei Uhr Schule hatte und sich der Schulunterricht nicht bis spät in den Nachmittag zog.

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Außer mittwochs hat Dominik an jedem Werktag Klavierstunden. Dreimal die Woche an der Hochschule und einmal bei seiner Lehrerin an der Musikschule. Er habe großes Talent, sagen seine Lehrer: Mit zehn Jahren gewann er den regionalen Wettbewerb von Jugend musiziert, zwei Jahre später den dritten Platz des gesamtdeutschen Wettbewerbs. Klar gebe es auch Tage, an denen er nicht so motiviert sei und keine Lust habe zu üben. Dann aber spielt er Stücke, die er eh schon kann und die ihm leichter fallen: »Das macht dann mehr Spaß, und man hat danach meistens auch wieder Lust, sich an das neue, schwierigere Stück zu setzen.«

Wie soll musikalische Frühförderung in Deutschland aussehen? Wie kann man die Kinder behutsam fördern, sie aber gleichzeitig konkurrenzfähig gegenüber dem internationalen Nachwuchs machen? »Eine Gratwanderung«, sagt Professor Stephan Imorde, sei eben diese frühkindliche musikalische Förderung. Vor einem Jahr gründete er deshalb das Zentrum für internationale Hochbegabte in Rostock, hier soll in Kooperation mit der Hochschule für Musik und Theater die Gratwanderung gelingen. Imorde weiß wie jeder professionelle Musiker, dass die Jahre bis zum Schulabschluss oft die wichtigsten sind: Hier entscheidet sich, ob aus dem talentierten Klavierspieler ein begnadeter Pianist wird. Verstreichen diese Jahre ohne gezielte Förderung, kann es für eine internationale Karriere in den großen Konzertsälen zu spät sein.

Die Young Academy versteht sich als Talentschmiede für den Nachwuchs, ein Programm, welches Nachwuchsmusiker aus ganz Deutschland von der Kindheit an bis zu Wettbewerben auf internationalem Parkett begleiten und fördern möchte. Das Netzwerk der Young Academy nimmt die Kinder schon lange vor Beginn des Frühstudiums auf, berät ihre Musikschullehrer, lädt die Kinder zum Besuch der Hochschule ein. »Uns ist wichtig, dass die Hochbegabten so früh wie möglich einen Kontakt zur Hochschule bekommen«, sagt Imorde. Durch die ganze Republik tourt er, um den Nachwuchs zu sichten und auszuwählen. Er besucht Musikschulen, spricht mit den Lehrern, hört sich Konzerte an. So sollen die Talentiertesten schon in Grundschulzeiten einen ersten Kontakt zur Hochschule bekommen, auch wenn sie erst mit vierzehn, fünfzehn Jahren ein Frühstudium beginnen können. Die lokalen Musikschulen sind der Ort, an denen die jungen Musiker ihre ersten Töne spielen, ihre Begabung entdeckt werden könnte: »Es bringt nichts, nur die Talente abzufischen, wir müssen auch die Musikschullehrer qualifizieren.« Die Lehrer erhalten deshalb ebenfalls Fortbildungskurse und Seminare an der Hochschule.

Leser-Kommentare
  1. Bildung, Zukunft, Lehre, Forschung = Mädchen/Frauen

    Schweissgeruch, Kündigung, Arbeitslosigkeit = Jungs/Männer

    Ach du liebe Zeit, hört das denn nie auf?? Es nervt, und das ist wahrscheinlich das geringste Problem.

  2. "Wie kann man die Kinder behutsam fördern, sie aber gleichzeitig konkurrenzfähig gegenüber dem internationalen Nachwuchs machen?"

    Die Frage ist eher die, wozu man jugendliche gegen die internationale Konkurrenz fördern soll?
    Dann sind wir eben mal NICHT Nr1, und? Nur weil die Jugendlichen bei uns nicht so toll Klavier/Violine spielen können als in China oder sonst wo fällt Deutschland sicher nicht außeinander!

  3. Bravo!!! Ich schöpfe Hoffnung! (Dass die Menschheit noch nicht KOMPLETT verblödet ist). Danke!

  4. 4. ruhm

    in anbetracht dessen, dass der trend zum alles locker sehen, und bloß keinen druck zu machen, um die menschen bloß nicht kaputtzumachen heutzutage in allen bereichen nach vorne prescht, ist ein bisschen disziplin doch nicht schlecht.
    die kinder, die das wollen, sollen ruhig gepusht werden.
    wozu ist die leidenschaft sonst da, wenn nicht um das leben nach ihr zu richten.
    schließlich will jeder eigtl berühmt sein, aber von nichts kommt nichts.

  5. Liebe Vorredner,

    mit Ihren Kommentaren zur kritischen Beäugung der in dem Artikel beschriebenen Hochbegabtenförderung haben Sie sicher keine ungesunde Kritik hervorgebracht, sondern Ihre durchaus verhältnismäßige Einstellung zu der in allen Berufsfeldern forcierten und überzogenen Lern- Leistungs- und Erfolgspflicht bewiesen. Dennoch möchte ich einmal für das im Artikel beschriebene Förderungskonzept im speziellen, sowie für die Branchenweite Förderung von Begabungen im allgemeinen sprechen. Sehen Sie, die Förderung führt leicht zur Überforderung, aber andererseits bürgen gute Leistungen dafür, Anerkennung zu bekommen, von seiner Arbeit - hier der Musik - leben zu können und die Grenzen seines Gebietes zu erreichen und es dann sogar selbst weiterentwickeln. Diese Möglichkeiten wären ohne die entsprechende Ausbildung einfach ausgeschlossen. Das fände ich schade. Ich bin, im Sinne mit Herrn Imorde, für die Förderung.

  6. Bei allem Respekt, aber Sie haben den Kerngedanken des konkurenzfähig machens glaube ich nicht ganz erfasst. Deutschland ist ein sehr attraktives Land, was das künstlerische Studienangebot angeht, da es eine Ausbildung auf höchstem Niveau und vor allem auch in einem sehr kreativen Umfeld (große Städte mit vielen Möglichkeiten) bietet. Somit ist es für viele junge Musiker aus anderen (vielleicht nicht so reichen) Länder ein Traum in Deutschland zu studieren und wenn dann Paulchen aus Berlin sich bei der Hochschule zur Aufnahmeprüfung bewirbt, sitzt er automatisch mit Japanern, Columbianern oder Russen (das sollen keine Beispiele für ärmere Länder sein, ich versuche grad nur ein kurzes Beispiel zu geben, aber ich denke das ist klar) im Wartesaal und es gibt nur 2-3 Studienplätze und hunderte Bewerber...und DAMIT er sich dann nicht ärgert, dass er damals doch eher Pokémon geguckt hat statt zu üben, wird an sowas zumidest gedacht. Dass es sich dabei (wie auch im Artikel klar wird) immer um eine Gradwanderung handelt ist, denke ich, auch klar, denn als Kind möchte man natürlich in erster Linie Spaß an der Musik haben. Wenn man aber in einem Lehrerumfeld lernt, was schonmal ein wenig in die Zukunft schaut, ist das denke ich nicht verkehrt.

    Guten Tag

  7. Förderung, Förderung, Förderung! Die jungen Musikgenies reißen sich in solchen Förderprogrammen den *** auf, damit sie am Ende beim Berliner Symphonieorchester, das mit Abstand wichtigste seiner Art in Deutschland, 2200 Euro( Brutto!) verdienen oder besser gesagt bekommen.
    Tragisch! Deutschland, du bist zu einem Kulturbanausen geworden! Brachtest einst die größten Komponisten, Dichter und Schriftsteller der Welt hervor.

  8. Es ist schon ein seltsam Ding um diesen Klassikbetrieb. Generationen trainierter Interpreten spielen die immer und immer gleichen Kompositionen. Note für Note, mit gewissen Nuancen. Alles nur Denkbare ist myriadenfach eingespielt, gedeutet und neu gedeutet.
    Die jungen Talente, die nun auf diesen Parcours geschickt werden, können künstlerisch wenig Neues hinzufügen. Sie können es nur noch perfekter machen, und vor allem: noch früher.
    Klassik als Sportart, darauf läuft es hinaus.
    Ja, Virtuosentum hatte immer auch diese sportliche Komponente. Und man darf sie bestaunen, die jungen Musikakrobaten, man kann sich freuen an ihren unglaublichen Leistungen. Oder man bedauert, dass ihr tieferes kreatives Potential für immer brachliegen wird...

    Kiddies, wenn ihr Musiker sein wollt - dann sucht euch eure Musik selbst, erfindet, improvisiert, spielt nach, adaptiert, tut euch zusammen, schnappt euch die Musik und macht daraus, was ihr wollt, in welchem Stil und Genre ihr wollt. Übt, übt und trainiert, ja - aber für die Kunst, nicht für die Philharmoniade.

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