Die Finanzbranche hat den Draht zu einem Teil des Personals verloren
Geld hat Rudolf Elmer nie verlangt für seine Informationen. Aber dass ihn von Beginn weg eine Abscheu vor Steuerbetrug bewegte, wäre auch zu einfach. Den Mann trieb eine Wut, die ihn phasenweise Grenzen vergessen ließ: Er streute auch verfälschte Dokumente auf Wikileaks (etwa einen Brief der Bank Bär an Angela Merkel), und er versandte Drohmails an einen Bankangestellten in Zürich. Rudolf Elmer wohnt jetzt auf Mauritius, dort arbeitete er nach seinem Krach mit Bär für die Standard Bank of South Africa. Für sie verlagerte er rund 1200 ihrer Trusts und Firmen von den britischen Kanalinseln nach Mauritius – der Staat im Indischen Ozean will sich als weitere Offshore-Insel beliebt machen. Kurz: Elmer war wieder ein Rädchen im Schattensystem. Dass ihn also eher firmeninterner Druck zum Denunzianten machte, dass ihn Frust anfangs mehr befeuerte als eine Gesinnung, dies verhehlt er nicht. »Sie warfen mich raus und unterschlugen sogar meine Sozialabgaben oder die Deckung der Krankenversicherung«, sagt er. »Das löste etwas aus.« Julius Bär will sich zu keinen Details äußern, beharrt aber darauf, bei der Kündigung korrekt vorgegangen zu sein. »Wir stellen fest, dass Herr Elmer seit seiner Entlassung versucht, uns zu diskreditieren, dass er Mitarbeiter von uns bedroht hat, dass er Dokumente gestohlen und gefälscht hat«, sagt ein Sprecher. Im Übrigen halte sich die Bank an alle Gesetze und Richtlinien auf den Cayman Islands.
Von der persönlichen Verletzung zum Verrat, vom Verrat zur Überzeugungstat: Was als Loch im Banktresor endet, beginnt mit kleinen Rissen. Hervé Falciani schimpfte im bisher einzigen Zeitungsinterview darüber, dass HSBC kommentarlos das von ihm entwickelte Index- und Speichersystem rausgeworfen hatte: »Es funktionierte perfekt«, meinte er im Nice-Matin ; notabene hatte auch der Franzose offenbar zuerst versucht, die geklauten Daten in Honorar zu verwandeln. Hier liegt wohl ein Preis dafür, dass die Finanzwelt heute weniger Wert legt auf Identifikation des Personals mit der Firma. »Wer früher bei einer Bank anfing, blieb dort ein Leben lang«: So beschreibt es Hans Geiger, emeritierter Finanzprofessor und als Konzernleitungsmitglied einst zuständig für die Informatik der Credit Suisse. »Damals sprach man von Bankbeamten, heute erinnern die Zustände eher ans Söldnerwesen.« Er sei sicher, sagt Geiger, dass die Identifikation der Angestellten mit der Branche und ihrem Arbeitgeber gesunken sei.
Ich habe den Menschen den Offshore-Missbrauch näher gebracht
Rudolf Elmer
Heinrich Kieber bemühte sich in Vaduz um Beliebtheit und wurde doch meist belächelt, »ein Informatik-Typ eben« – so erzählte es ein Bankkollege später dem Stern. Nach 19 Monaten bei LGT verließ Kieber die Bank überraschend. Bradley Birkenfeld wiederum, der Schrecken der UBS, schied 2005 im Zorn aus, weil er sich um Boni betrogen wähnte. Dass er trotz seines durchschlagenden Materials wegen Mithilfe zum Steuerbetrug zu 40 Monaten verurteilt wurde, war ein Missgeschick, das er nun, vor Haftantritt, eilig mit neuen Informationsangeboten an die US-Steuerfahndung zu korrigieren versucht. Er habe »altruistisch« gehandelt, behauptete er am vergangenen Sonntag in seinem ersten Fernsehinterview. Und für die Zeit nach der Haft, so hat sein Anwalt Stephen Kohn angekündigt, will Birkenfeld eine Belohnung von historischem Ausmaß. Die Rede ist nicht von Millionen, die Rede ist von Milliarden. Denn ein US-Bundesgesetz sieht vor, dass ein whistleblower 30 Prozent der Summe erhält, die der Fiskus seinen Aussagen verdankt.
»Das sind Auswüchse«, sagt Rudolf Elmer dazu. Er sitzt in einem Café in einer deutschen Stadt, er hat Bekannte und Termine hier, womöglich wird seine Geschichte in einem deutschen Spielfilm erzählt, erste Gespräche mit einem Produzenten laufen; ein belgisch-französischer Dokumentarfilm ist bereits fertiggestellt. Sein Leben als Banker ist vorbei, das weiß er. Im Februar 2008 entließ ihn auch die Standard Bank abrupt. Man habe »von einem schweren Fehlverhalten« erfahren, »das unsere Bank gefährden könnte«, erklärte das Institut. Der Finanzmann importiert also jetzt indisches Bier nach Mauritius, er hat einige Beratungsaufträge, und bald wird er zurückkehren in die Schweiz, um ein weiteres neues Leben beginnen. Die Odyssee des whistleblowers neigt sich dem Ende zu.
»Ich denke, ich habe das Richtige getan«, sagt er. »Ich habe den Menschen den Offshore-Missbrauch näher gebracht.« Neben die Kaffeetasse hat er einen Stapel Papier gelegt: Antworten von Rudolf Elmer. Vor dem Treffen bat er um eine Mail mit den wichtigsten Fragen, damit er sich vorbereiten könne, jetzt hat er alle schriftlich beantwortet, seitenlang. »Wie ist der Stand in den juristischen Verfahren, in die Sie verwickelt sind?« – »Die Bank klagt gegen mich, und ich klage gegen die Bank, das Verfahren ist seit Sept. 2005 immer noch bei der Staatsanwaltschaft Zürich pendent. Ich habe meine Anzeigen ans Obergericht weitergezogen, aber es scheint offensichtlich, dass es in einem Schurkenstaat schwierig ist, Recht zu finden.«
Die Schweiz als Schurkenstaat: Längst sichtet Elmer nicht mehr bloß einige Steueroasen, die einigen Millionären einige Umgehungsgeschäfte erlauben. Nein, er sieht ein wucherndes, dunkles System vor sich, durch das bereits die Hälfte des Welthandels gelenkt und getarnt wird, auf Kosten der Steuerzahler, der Armen, der Länder in der Dritten Welt. Ausgaben werden stets dort verbucht, wo das Finanzamt Steuern fordert – Gewinne aber fallen dort an, wo keine oder tiefste Abgaben verlangt werden, in den secrecy jurisdictions. Den Prozess bezeichnet man in vielen Firmen nüchtern als Routing, und wie das abläuft, zeigte Elmer anhand von Beispielen bei der Bank Bär auf. Daneben legte er die Akten eines mexikanischen Polizeichefs oder einer griechischen Reederin oder eines brasilianischen Politikers vor, die mit Schweizer Hilfe einen Offshore-Trust aufgebaut hatten, wohl steuerfrei, um sich daraus zu bedienen, als ob es ihr Privatkonto wäre.
Ob sich viel ändern wird, bezweifelt Rudolf Elmer. »Was geschah mit Zumwinkel?«, fragt er. Frei auf Bewährung. »Gab es sonst noch Prozesse wegen Kiebers Daten?« Noch nicht. »Was brachte der Druck der OECD, der G20?« Man wird sehen. Und auch Rudolf Elmers Daten wirkten kaum. Obwohl er sie den Steuerbehörden diverser Länder andiente, wurde mit ihnen nie ein Verfahren eingeleitet.
- Datum 08.01.2010 - 19:24 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 07.01.2010 Nr. 02
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Nun, die Fühlung zum Personal war bestimmt noch besser, als die Abteilungen der Schweizer Grossbanken alle aus diensttauglichen Milizsoldaten bestanden, die von ihren Vorgesetzten, Milizoffizieren, geführt wurden. Noch besschrieben in der New-Yorker Reportage "place de la concorde" 1983. Gleichzeitig "Kritik der zynischen Vernunft"
Es begann 1971 mit "Ich habe abgetrieben"
Es folgten 1984 "Nachruf auf die Ehre", "Die friedfertige Frau"
Ab 1990er Jahre "Juhui ich wurde psychiatrisch ausgemustert"
2006 "Die Bibel in gerechter Sprache" (frauen-, juden- und homosexeuellengerecht)
2007 Major der Militärjustiz und Rechtsprofessor Daniel Jositsch, ist wegen einer ausserehelichen Affäre nicht mehr in der Lage die Dienstwaffe "in geordneten Verhältnissen" aufzubewahren, was ihm aber überhaupt keine militärischen, sozialen oder politischen Nachteil einträgt (Ey mann ischt doch voll egal!)
2009: Der eherne Verfassungsgrundsatz: "Die Waffe bleibt in der Hand des Wehrmanns" (1874) wird "freiwillig" erklärt.
2009: Da niemand mehr weiss, was ein "Gewissen" ist, wird auch die "Gewissensprüfung für Wehrdienstverweigerer" abgeschafft.
2010: Einführung von Nacktscanner und automatischem Datenaustausch.
2011: Abschaffung des Postgeheimnisses?
darf ich aus der Praxis sprechen:
Eigentlich alle Kontoeröffnungen in der Schweiz hatten als Grund Steuerhinterziehung. Quer durch alle Schichten.
Verwahrt eine Bank grundlos Geld, bereichert sich dessen Besitzer und bleibt dadurch außerstande, sich dessen vor sich selbst zu rechtfertigen. Mit solcher Verve als Kunde sich seine eigene Geistestätigkeit zu stören, muss allerdings jeglicher Bankangestellte öffentlich anzeigen. Ansonsten entzöge er sich unbefugt dem Hoheitsbereich seines Arbeitgebers und würde daher seinerseits als bestechlich gelten.
..keine Hassmütze aufhat, hat die Faust in der Tasche oder ein Konto in den secrecy jurisdictions.
noch vor ein paar tausend Jahren führte einseitige Vorteilsnahme zur Systeminstabilität und brachte alle in Gefahr. Heute ist die Gemeinschaft zu groß und unüberschaulich - das Gewissen des Einzelnen wird nicht mehr allzusehr von der eigenen Ungerechtigkeit belastet. Und trotzdem ist es nicht vollständig verschwunden, es plagt doch irgendwann den Einen oder Anderen. Möglicherweise gibt es eine Renaissance des schlechten Gewissens, weil man nicht weiß ob das eigene Unrecht, auch wenn es in der Herde geschah und dadurch nicht ganz so ungerecht scheint, an den Tag kommt. Und dann ist alles wieder in Gefahr wenn nicht zerstört. Die Frage die sich mir stellt ist, ob der Mensch ungeeignet für das System oder das System ungeeignet für den Menschen ist. Möglicherweise gibt es genetische Unterschiede zwischen den Unrechten und den Gewissenbehafteten. Worauf die Evolution letzendlich setzt wird sich zeigen, im Moment erkennt man aber deutlich eine soziogenetische Inkompaltibilität.
wird in der Bundesrepublik Deutschland doch gefördert anstatt bekämpft. Offizielle Steuerhinterziehungsmodelle wie Schifffonds werden doch (soweit ich weiß) auch gerne von Politikern genutzt.
Wenn man wollte, dann könnte man sehr leicht einen Anfangsverdacht ermitteln. Man müßte nur die Arm gerechnete Steuererklärung mit den Besitztümern vergleichen. Zumindest bei Arbeitnehmern wird ja so jedem Cent (einschliesslich Einsicht in die Konten) nachgegangen. Hier finden die Steuerbehörden doch tatsächlich da und dort ein paar hundert Euro.
Bei Millionären werden in Hessen die Steuerfander als Querulanten aus dem Dienst entfernt. Wer glaubt, dass dies nichts mit Korruption zu tun hat ist Heilig.
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