Al-Qaida "Der Jemen hat als Terrorbasis Tradition"

Der frühere Diplomat Jürgen Chrobog über Geiselnehmer, die nicht verhandeln, und darüber, wie man Stammesfürsten zur Mithilfe bewegt

War 2005 selbst in der Gewalt jemenitischer Geiselnehmer: Ex-Außenstaatssekretär Jürgen Chrobog (Foto nach der Freilassung)

War 2005 selbst in der Gewalt jemenitischer Geiselnehmer: Ex-Außenstaatssekretär Jürgen Chrobog (Foto nach der Freilassung)

DIE ZEIT: Herr Chrobog, durch Ihre Arbeit im Auswärtigen Amt kennen Sie den Jemen wie kaum ein anderer. Warum hat sich al-Qaida ausgerechnet ihn als neue Basis ausgesucht?

Jürgen Chrobog: Der Jemen wurde von der internationalen Politik übersehen, man hat sich auf andere Regionen konzentriert, auf Afghanistan, den Irak, Somalia. So hatten islamistische Terroristen im Jemen einen Ruheraum, in dem sie weder von den USA noch von der jemenitischen Regierung gestört wurden. Man unterschätzte ihre Gefährlichkeit: Es wurden sogar Verdächtige aus dem Gefängnis entlassen, weil man hoffte, dass sie in den Stämmen am besten reintegriert werden könnten. Viele Stammesführer erweckten überzeugend den Eindruck, ihr Gebiet unter Kontrolle zu haben.

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ZEIT: Sie waren nicht überrascht, dass der nigerianische Flugzeugattentäter Abdulmutallab im Jemen ausgebildet wurde?

Chrobog: Nein. Als jemand, der das Land seit Jahren bereist, habe ich eine dramatische Veränderung festgestellt. Als ich dort im Jahr 2005 entführt wurde, waren noch rund 400.000 Touristen im Land unterwegs. Heute sehen Sie kaum noch Fremde, der Tourismus ist tot. Die Islamisierung hat zugenommen. Ausländer leben gefährlich, selbst Entwicklungshelfer mussten sich zurückziehen. Terrorcamps bestehen weiter, Koranschulen sind oft die einzige Bildungsmöglichkeit. Und man muss sehen, dass der Jemen fast schon eine Tradition hat als Terrorbasis – bereits den RAF-Mitgliedern bot er Zuflucht.

ZEIT: Hat die Politik etwas versäumt?

Chrobog: Man hätte die Regierung des Jemens früher entwicklungspolitisch unterstützen müssen – bevor sie begann, die Kontrolle über einzelne Regionen zu verlieren. Die Stämme haben sich verselbstständigt, und das bietet Terroristen die Chance, Einfluss zu nehmen. Immer mehr Stämme sind von islamischem Fundamentalismus durchsetzt, von al-Qaida, aber auch von normaler Kriminalität. Diese Mischung ist brandgefährlich. Präsident Bush hat das Problem unterschätzt, Obama hat es jetzt erkannt.

Der Jemen

Der Jemen liegt an der Südspitze der arabischen Halbinsel. Er ist etwa so groß wie Frankreich und hat knapp 24 Millionen Einwohner. Da das Land eine der höchsten Bevölkerungswachstumsraten der Welt aufweist, wird sich die Bevölkerung in den kommenden 20 Jahren wahrscheinlich verdoppeln. Mit einem Bruttosozialprodukt von umgerechnet rund 55 Milliarden US-Dollar gehört der Jemen zu den ärmsten Ländern in der Region. Wiederholt haben Experten einen wirtschaftlichen Kollaps vorausgesagt, aber bislang konnte er immer abgewendet werden.

Nord-Süd Problematik

Dennoch zerfällt der Staat zunehmend. Im Norden herrscht seit fünf Jahren ein Bürgerkrieg, in dem schiitische Aufständische erbitterten Widerstand gegen das jemenitische Militär leisten. Im Süden zerrt eine gewalttätige Sezessionsbewegung am Land, die wieder zu den Grenzen von 1990 zurückwill, als der Jemen noch aus zwei Staaten bestand: der Arabischen Republik im Norden und der Demokratischen Volksrepublik im Süden, dem einzigen kommunistisch regierten Land in der arabischen Welt. Viele Südjemeniten fühlen sich vom Norden übergangen, sie werfen dem Regime in Sanaa vor, bei der Vergabe wichtiger Ämter und Posten nur an ihre eigenen Leute zu denken.

Staatsmacht und Öl

Die Macht von Präsident Ali Abdallah Salih schwindet, er kann das Land kaum noch zusammenhalten. Bislang hat er sich die Loyalität vieler Stämme durch Geld erkauft, doch die Staatseinnahmen gehen rapide zurück. Sie beruhen zu 80 Prozent auf Erdöl, dessen Vorräte im Jemen, anders als im Nachbarland Saudi-Arabien, in absehbarer Zeit zu Ende gehen. werden. Zehn Jahre noch, dann wird es kein Erdöl im Jemen mehr geben, so die Vorhersage von Experten.

Al-Qaida

Al-Qaida hat sich vor allen Dingen in den Provinzen Jawf, Marib, Shabwa und Abyan niedergelassen. In Shabwa und Marib lagern die größten Ölvorkommen des Landes. Die Ölanlagen werden vom Militär geschützt, trotzdem kommt es immer wieder zu Anschlägen auf Pipelines und Raffinerien.

ZEIT: In der nördlichen Provinz Saada wurden im vergangenen Juni zwei deutsche Krankenschwestern brutal ermordet und eine fünfköpfige Familie aus Sachsen wurde entführt. Sie helfen der Bundesregierung als Vermittler. Wann waren Sie zuletzt vor Ort?

Chrobog: Kurz vor Weihnachten war ich erneut in Sanaa und habe den Präsidenten und regionale Vertreter getroffen. Wir wollten verdeutlichen, dass dieser Entführungsfall für Deutschland höchste Priorität hat.

ZEIT: Was wollen die Entführer?

Chrobog: Dazu kann ich Ihnen leider nichts sagen. Ich muss Sie um Verständnis bitten, dass ich auf Einzelheiten dieses Falles nicht eingehen kann. Hier ist höchste öffentliche Zurückhaltung geboten.

Leser-Kommentare
  1. Hoffnungslosigkeit und Armut sind Nährboden des Terrors.
    Eltern geben Kinder in Koranschulen, weil sie sie nicht mehr ernähren können.
    Herr Obama hätte im Gegensatz zu Herrn Bush erkannt, dass die al-Qaida nicht allein durch Luftschläge "ausgelöscht" werden kann.
    Dies sagt Herr Chrobog, ein Kenner der Situation im Jemen.

    Nicht nur Herrn Chroberg zu Folge setzt Herr Obama sein Hauptaugenmerk weiter auf "Auslöschung" durch Luftschläge (möglichst von Drohnen, die keine eigenen Soldaten gefährden)

    Der Nährboden des Terrors wird so weiter mit "Mist" angereichert, damit die Pflänzlein auch ja weiter gedeihen!

    Er verhält sich wie ein dummer Bauer, der sein Unkraut gießt, nicht die Kartoffeln aber verdorren läßt.

    Das gefährliche an Herrn Obama ist, dass ihm der Habitus eines friedliebenden Menschen (seit neustem mit Zertifikat) anhaftet. Das macht ihn besonders wertvoll für die Kriegsindustrie, wertvoller etwa als es ein Mc Cain es je hätte gewesen sein können.

    Die USA geben jedes Jahr für den Krieg in Afghanistan mehr aus als das gesamte Bruttoinlandsprodukt dieses Landes ausmacht.

    Man denke sich nur, man hätte in all den Jahren nicht das Unkraut (bzw. Mpohn) gedüngt, sondern die Kartoffeln!

    Gruß Max Stockhaus

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