Manchmal ist es seltsam und berührend zugleich, wenn uns im Licht-und-Schatten-Spiel des Kinos die Toten wiederbegegnen. Und natürlich hat die Leinwand mit ihrer überhitzten Illusions- und Legendenmaschinerie einen ausgeprägten Hang zum Totenkult, indem sie Stars erst nach ihrem endgültigen Verschwinden unsterblich werden lässt. Doppelt seltsam ist es jedoch, wenn ein toter Schauspieler ausgerechnet in einem Film wiederaufzuerstehen scheint, in dem es genau um diesen ganzen Hokuspokus geht: um den aufgeschobenen Tod und ein tausend Jahre währendes Leben, um Selbstüberschätzung, teuflische Gier, Seelenfängerei und um die alte Kunst der Schaustellerei, dem Menschen einen Spiegel seiner Sehnsüchte vor die Nase zu halten.

In Terry Gilliams Film Das Kabinett des Doktor Parnassus ist es ein so tragischer wie magischer Augenblick, wenn die Kamera unter einer Londoner Brücke einen halb erhängten Heath Ledger ausmacht, den eine fahrende Theatertruppe wieder ins Leben zurückholen wird. Ledger, der – noch während der Dreharbeiten – in seinem New Yorker Apartment an einer Überdosis Medikamente starb, spielt Tony, einen undurchsichtigen Charakter, der seine Erinnerung verloren hat und sich den Schaustellern anschließt. Er hilft Dr. Parnassus (Christopher Plummer), dem Chef des Ensembles, der vor Jahren einen Pakt mit dem Leibhaftigen (genüsslich dargeboten von Tom Waits) eingegangen ist. Im Tausch für seine Unsterblichkeit schuldet der tausend Jahre alte Parnassus dem Teufel die Seele seine Tochter Valentina – oder ersatzweise fünf Menschenseelen, die es im Publikum aufzutreiben gilt. Wer sich traut, wird auf der Bühne durch einen Zauberspiegel in eine Parallelwelt geführt. Es ist ein psychedelisch bunter Kosmos aus heimlichen Wünschen und Fantasien, in dem sich der Kandidat zwischen den Kräften des Guten und des Bösen entscheiden muss.

»Nichts ist von Dauer, nicht einmal der Tod«, sagt Johnny Depp im Film. Da ist er vor der Kamera längst für seinen Kollegen Heath Ledger eingesprungen, im Wechsel mit Jude Law und Colin Farrell. Gemeinsam machen sie die finale Rolle des Heath Ledger zu einer letzten großen Verwirrung von Identität, Kopie und Spiel. Doch egal, ob Ledger selbst spielt, dessen Szenen im realen London nahezu abgedreht waren, oder ob Depp, Law und Farrell mit dem Teufel auf der Leinwand um Seelen ringen: Es bleibt Ledgers gespenstische An- und gleichzeitige Abwesenheit, die Terry Gilliams Fantasiewelt immer wieder mit der Wirklichkeit kollidieren lässt, ein Loch in die digitale Kulissenwelt reißt und das Fast-gestorben-Sein der Figur in unsere sterbliche Wirklichkeit projiziert.

Ansonsten entwirft Terry Gilliam nicht zum ersten Mal ein Universum, in dem eine morbid-materialistische Moderne auf eine faustisch-esoterische Vergangenheit trifft. Die Menschen der modernen Welt sehen allesamt aus wie Überlebende, dabei haben sie eigentlich nichts weiter zu überstehen als ihre eigene Einsamkeit. Sie fristen ein Leben in grauen Hochhäusern und grellen Shoppingmalls, fahren Auto, Rolltreppe oder Schnellzug, kaufen ein und werfen weg. Hier ist es ein denkbar schlechter Handel, mit dem Leibhaftigen um einen tageweise verschobenen Tod zu feilschen.

Gilliam, der bei den Monty Pythons für die Animation zuständig war, stürzt sich mit vollem Einsatz in die grafische Ausdeutung des nihilistischen Krisenmaterials. Vor depressiven Straßenschluchten und in den Ruinen einer postindustriellen Architektur lässt er seine neoromantisch kostümierte Gauklertruppe kampieren. Mit gewaltigem Dekor verklärt er seine Kleinkünstler zu Helden der reinsten Vorstellungskraft. Im Reich hinter ihrer Spiegelwand kämpfen sie um die Seelen, schreiten auf Stelzen-Leitern durch wollweiche Hügel, ducken sich unter Regenbögen aus Zuckerwerk oder paddeln durch glitzernde Wundergewässer. Und sosehr man diesen Erfindungsreichtum bestaunen mag, so unaufhaltsam fragt man sich irgendwann auch, was Gilliam da eigentlich so erfinderstolz zur Besichtigung freigibt. Ein kostbares Bündel Mythen, das in unserer schnelllebigen Gegenwart in Vergessenheit zu geraten droht? Die Fantasie, um die man gemeinsam mit diesem altertümlichen Wandertheater kämpfen muss, als gäbe es kein Morgen? Oder geht es hier einfach um den ungestümen Ausstoß eines Kino-Illustrators, der hingerissen ist von den eigenen digitalen Kreationen? Das eine wäre so kulturpessimistisch wie ermüdend, das andere zu autistisch, um wirklich zu berühren.