Finis' Pädagogiktipps Mehr als Cowboy-Gedichte für kleine Kerle
Wie man leseschwache und poesieferne Jungs an die Schriftkultur heranführt
Wie steht es eigentlich um das neue deutsche Cowboy-Gedicht? Alles nur noch Schweinkram in der Art: »Ich bin das Maul / Sei du meine Trense«? Oder umgekehrt: »Ich bin der Stiefel / Du mein Absatz«? Was ist aus der heroischen alten Kuhhirtendichtung geworden, in der es noch hieß: »Der Stier war ein Witz / Den mein Lasso riss«? Aber im Ernst: Die notorisch leseschwachen und poesiefernen Jungs unserer Tage wird man kaum wieder an die Schriftkultur heranführen, wenn es nichts überzeugend Hartes zu lesen gibt.
Als gänzlich untauglich kann der Vorschlag der britischen Jugendministerin gelten, die Jungs Buchstaben aus Schokopulver streuen zu lassen. Auch nicht zielführend wird die Idee sein, die maulfaulen Buben in die Kunst der Konversation einzuführen mithilfe von Rollenspielen, in denen sie Kellner im Restaurant imitieren sollen. Wer heutzutage, außer Mädchen und Schwulen, will schon Kellner werden? Denn der alarmierende Befund, auf den die britische Erziehungskampagne reagieren wollte, besagte doch gerade, dass die knallharten Knaben heute alles ablehnen, was ihnen weibisch vorkommt. Das aber, traurigerweise, sind nicht nur Berufe in der Gastronomie, sondern auch alles, was mit Sprache – also zänkischen Müttern – zu tun hat und von Lehrerinnen unterrichtet wird.
Wir schlagen daher vor, Englisch oder Deutsch zukünftig nur mehr von pensionierten Militärs (aber nicht Soldatinnen!) lehren zu lassen und die Buchstaben auch nicht mit Backzutaten schreiben, sondern mit Pistolen auf eine geeignete Tafel schießen zu lassen.
Es ist doch sonnenklar, dass man mit den Leselernbüchern der sechziger Jahre nicht mehr weiterkommt, in denen neckische Zwerge die Erstsätze formulieren: »Ich bin Zippel« und »Ich bin Zappel«. Vielmehr müssten heute die neckischen Zwerge sagen: »Ich habe eine Beretta« und »Ich habe eine Walther PP«.
Es wäre auch ganz falsch, die Zwerge als Cowboys verkleidet aufs Pferd zu setzen, vielmehr müssten sie wie die Kuhhirten von heute ihre Rinder vom Hubschrauber aus zusammentreiben. Den Schrei »Hilfe, der Sprit geht aus!« würde jeder Bub verstehen und also auch schreiben können. Wenn man dann noch in der Vorschule schon mit Fingermalfarben auf alte Kanister das Wort »Kerosin« schreiben ließe, müsste man sich um die Alphabetisierung Deutschlands keine Sorgen mehr machen.
- Datum 07.01.2010 - 11:39 Uhr
- Serie Finis
- Quelle DIE ZEIT, 07.01.2010 Nr. 02
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