Schienenverkehr Störsignale

Offiziell herrscht Wettbewerb auf Europas Schienen. Frankreich aber wehrt sich gegen Konkurrenz – während sich die Staatsbahn SNCF in Deutschland tummelt

Will keine deutsche Konkurrenz auf französischen Schienen: SNCF-Chef Guillaume Pepy (Mitte), hier mit dem Pariser Polizeichef Christian Lambert (links) und Regis Bulois, dem Verantwortlichen für die Instandhaltung des SNCF-Netzes im südwestlichen Teil von Paris

Will keine deutsche Konkurrenz auf französischen Schienen: SNCF-Chef Guillaume Pepy (Mitte), hier mit dem Pariser Polizeichef Christian Lambert (links) und Regis Bulois, dem Verantwortlichen für die Instandhaltung des SNCF-Netzes im südwestlichen Teil von Paris

Die Frage kam nur beiläufig daher. Am Ende einer Pressekonferenz im Dezember fragte ein Journalist den Chef des französischen Bahnkonzerns SNCF, wie denn das Verhältnis zu den deutschen Kollegen sei. Sofort ruderte der 51-jährige Guillaume Pepy mit den Armen und lief vor gespielter Begeisterung beinahe über. Spätestens da war klar, dass die Hütte brennt.

Deutschlands Bahner sind sauer, und sie sagen es den Franzosen auch. Frankreich versperrt ihnen gleich alle vier Bahnmärkte: den grenzüberschreitenden, den nationalen und den urbanen Personenverkehr – sowie die Fracht.

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Seit Mitte Dezember ist die Öffnung der europäischen Bahnmärkte für den internationalen Verkehr verbindlich. Paris jedoch beruft sich auf eine Klausel in den Bestimmungen der Europäischen Union, derzufolge nationale Strecken vor Beeinträchtigungen bewahrt werden dürfen. Frankreich besteht darauf, dass die Mehrheit der Passagiere in grenzüberschreitenden Zügen auch tatsächlich auf internationalen Tickets reist und nicht auf innerfranzösischen Teilstrecken, beispielsweise von Straßburg nach Paris. Unter solchen Bedingungen aber kann sich die Deutsche Bahn eigene Züge mit Ziel Frankreich nicht leisten. Also bleibt es für sie bei den gemeinsam mit Franzosen, Belgiern und Niederländern betriebenen Zügen auf den Strecken zwischen Paris, Amsterdam, Brüssel und Köln.

Versperrt ist auch Frankreichs Bahnmarkt für den nationalen Personenverkehr. Die zuständigen Gebietskörperschaften dürfen ausschließlich mit dem Staatskonzern SNCF Verträge abschließen. Es ist also kein Markt, sondern ein europawidriges Monopol – das selbst in Frankreich umstritten ist. Regionen, die lieber per Ausschreibung den besten Anbieter ausfindig machen wollen, rütteln an der Kette; auch französische Transportfirmen scharren mit den Hufen. Frankreichs Regierung indes leistet Widerstand; um ein wenig Druck aus dem Kessel zu nehmen, erwägte sie öffentlich, im Jahr 2011 in einigen Regionen mit Ausschreibungen »zu experimentieren« – vielleicht.

Eine Klage der Deutschen Bahn scheiterte in letzter Instanz

Im schienengebundenen Stadtverkehr hat die SNCF zwar kein Monopol. Deutsche Bahnmanager winken aber ab, wenn man sie nach diesem Markt fragt. Nach der Erfahrung in Bordeaux ist das Thema für sie abgehakt. Die fein herausgeputzte alte Handelsstadt glänzt mit einer der modernsten Straßenbahnstrecken der Welt. Für das Fahrvergnügen war bis vor einem Jahr die französische Firma Veolia zuständig. Als ihr Vertrag auslief, schrieb die Stadt den Auftrag neu aus, und den jährlich 750 Millionen Euro werten Zuschlag erhielt die SNCF-Tochter Keolis. Allerdings hatten die Beamten die Ausschreibung nicht europaweit, sondern nur in zwei kleinen französischen Journalen veröffentlicht. Die DB Stadtverkehr fühlte sich deshalb benachteiligt, klagte, scheiterte aber vor Frankreichs Justiz in letzter Instanz. »War’n Versuch«, kommentiert ein deutscher Bahnmanager den Fall trocken.

Abgedichtet haben die Franzosen auch ihren Güterverkehr. Die Deutschen würden gerne auf französischen Schienen Autoteile nach Spanien und von dort wiederum Obst und Gemüse gen Norden karren. Aber der Marktführer SNCF Fret, die hochgradig defizitäre und mit gut 300 Millionen Euro jährlich subventionierte Güterverkehrstochter, wirft nach Ansicht der Deutschen Bahn mit Dumpingpreisen jeden Konkurrenten aus dem Markt. Die Deutschen haben Beschwerde bei der französischen Wettbewerbsbehörde eingelegt. Ihnen scheint zudem die Streckenvergabe parteiisch zu sein. Zuständig ist das staatliche Unternehmen RFF, das die Schienen betreibt, doch es hat den Job delegiert. An wen? An die SNCF. »Das geht dann so«, berichtet ein Bahner, »Sie bestellen eine Trasse, und ein paar Stunden später ruft Ihr Wettbewerber beim Kunden an« – mit einem besseren Angebot, versteht sich.

Alles dicht. Umgekehrt aber tummelt sich die SNCF in Deutschland auf dem liberalisierten Markt. Ihre Tochter Keolis hat im Stadtverkehr bereits einige Ausschreibungen gewonnen, etwa in Nordrhein-Westfalen, und auch im Regionalverkehr macht sie der Deutschen Bahn Konkurrenz. Ende 2009 hat die SNCF dann sogar Strecken im innerdeutschen Fernverkehr beantragt, auf denen sie die ICEs attackieren kann, namentlich Frankfurt–Berlin und Frankfurt–Hamburg.

Leser-Kommentare
    • 2eco
    • 07.01.2010 um 15:52 Uhr

    Was ist das denn für ein Zirkus? In der EU gibt es 1000 ende Regeln um einen fairen Wettbewerb und Handel zu gewährleisten. Aber es ist erlaubt das Schienennetz absichtlich für andere Anbieter zu sperren?

    Die beiden Streitparteien sollten sich einmal überlegen wem sie dabei überhaupt Schaden. Die Bahn verliert sowohl im Güter- als auch im Personenverkehr immer mehr an Einfluss. Grund sind Billigflüge und die höhere Flexibilität von LKWs.

    Man stelle sich vor, dass europäische Schienennetz wäre Standardisiert. Güterverkehr über die Schiene wäre wesentlich effizienter und würde somit mehr an Attraktivität gewinnen.
    Und noch spannender wäre es, wenn man durch ganz Europa mit Hochgeschwindigkeitszügen ohne häufiges Umsteigen reisen könnte.

    Da würden viele Flugreisende auf die Bahn umsteigen. Denn die Vorteile liegen auf der Hand: die Bahnhöfe liegen im Stadtzentrum (keine zusätzlichen Transferkosten), keine Wartezeiten beim Check-In und bei der Gepäckausgabe und während der Fahrt kann man noch bequem am Laptop arbeiten etc.

  1. Die Deutschen merken es einfach nicht: Wenn "nationale" Interessen im Spiel sind, spielen die Franzosen gnadenlos falsch. Und sie haben Recht: Niemand steht ihnen auf die Füsse, im Zeichen der sakrosankten deutsch-französischen Freundschaft wird alles vergessen und vergeben. Was beklagt sich da die Deutsche Bahn?

    • bediko
    • 07.01.2010 um 16:52 Uhr

    Wenn wir einen wirklichen Regierungschef hätten, der nicht nur Küsschen links und Küsschen rechts, hätte der längst schon gesagt, wie du mir so ich dir. Oder auch anders: Vergesst Europa, wir können das auch! Die Franzosen spielen offenbar gerne dieses Spiel, erinnert sei an Hoechst und auch an Siemens/Alstom!

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    • Hontes
    • 07.01.2010 um 21:26 Uhr

    Leider haben wir diesbezüglich nur Kuschelpolitiker.

    • Hontes
    • 07.01.2010 um 21:26 Uhr

    Leider haben wir diesbezüglich nur Kuschelpolitiker.

  2. Im 19. Jahrhundert war es, trotz Kleinstaaterei und nationalen Eifersüchteleien, überhaupt kein Problem, sich in Europa (ohne Spanien und Russland) auf eine einheitliche Spurweite zu einigen. Heute gibt es, trotz - oder wegen? - der EU immer mehr Probleme im grenzüberschreitenden Schienenverkehr. Frankreich ist da noch harmlos. Auf der Linie München-Verona, einer der wichtigsten in Europa, hat der italienische Bahnbetreiber Trenitalia sämtliche direkten Zugverbindungen eingestellt, sich aber trotzdem beim Schienenbetreiber RFI die besten Zeitfenster reservieren lassen, um so mögliche Konkurrenten zu blockieren. DB, ÖBB und FNM betreiben nun gemeinsam auf dieser Strecke eine Verbindung, die in den Fahrplänen nicht aufscheint, für die es an den Bahnhöfen keine Fahrkarten gibt und deren Tarife, wegen einer unsinnigen Zonenstaffelung, je nach Strecke bis zum Sechsfachen des bisherigen Tarifes betragen. Wen wundert's dann, wenn die Bahn immer mehr an Attraktivität verliert. Das ist die europäische Einigung.

  3. Leider gibt es diese Strukturen hier in Frankreich nahezu überall dort, wo der Staat es nach dem Krieg (2 WK) es für nötig angesehen hat staatlichen Einfluss gross zu halten.
    Ein anderes Beispiel ist der Gas- und Energiemarkt.
    Interessant dabei ist vor allem die Symbiose zwischen Gewerkschaften und den jeweiligen Regierungen. Bislang hat sich jede Nachkriegsregierung gegenüber den Forderungen der diversen Gewerkschaften gebeugt, obwohl die Quote der gewerkschaftlich organisierten im Vergeleich zu Deutschland eher gering ist.

  4. Strukturell bedingt haben franz. Gewerkschaften aber viel Macht und Einfluss (bis vor kurzem hat etwa die der kommunistischen Partei nahestehende CGT über verschiedene Verschachtelungen weitestgehend für das Budget der kommunistischen Partei gesorgt (über eine Struktur, die dem deutschen Betriebsrat ähnelt).
    Bei den meisten Franzosen (nicht nur Gewerkschaftern) herrscht aber immer noch die Meinung vor: Da die Bosse hier wir und dann muss es "Klassenkampf" geben, der dann auch zu so groteskten Situationen führt, dass Geiseln genommen werden, Firmen in die Luft gesprengt werden sollen, oder eben - sehr beliebt bei der Bahn: Bahnlinien nicht verkehren.
    Vor allem ein beliebter Sport zu Beginn der Ferien.
    Der jetzigen Regierung ist das allerdings auch ganz recht, denn, dass ausländische Unternehmen in franz. Hohheitsgewässern Gewinne machen oder gar wichtige Unternehmen übernehmen(etwa Alsthom durch Siemens, welches der damals zuständige Minister Sarkozy verhindert hat): Undenkbar. Wäre schön, wenn mal ein grosses Unternehmen (oder vielleicht sogar auch die europ. Kommission!!) im Transport- oder Energiebereich mal sich die Mühe macht und ordentlich auf den Tisch haut... und die europ. Gerichte bemüht!
    Angela und Nicola können sich dann ja immer noch innig herzen, aber bitte Märkte öffnen:
    Die Folgen sehen wir jetzt in allen Bereichen: So schick die TGV-strecken nach Paris sind: Wenn Sie woanders hinwollen: Pech gehabt. Und der EdF bricht gerade das Stromnetz zusammen...

    • Hontes
    • 07.01.2010 um 21:25 Uhr

    Diese Problematik ist nach meinem Kenntnisstand nicht nur im Schienenverkehr anzutreffen.

    Auch im Bereich der Energieversorgung war die deutsche Gesetzgebung erheblich schneller mit der Öffnung der Märkte.

    Ich denke es wird einfach Zeit, diese unfairen Spiele klar zu benennen, ggf. entsprechend gegenzusteuern und nicht ständig nur aus idealistischen Gründen Tatsachen zu ignorieren.

    • Hontes
    • 07.01.2010 um 21:26 Uhr

    Leider haben wir diesbezüglich nur Kuschelpolitiker.

    Antwort auf "Wir können das auch"

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