"Brigitte" ohne Models Echt Natur
Die erste modelfreie "Brigitte" und die neue Schönheit

Ab sofort lässt die "Brigitte" ihre Mode von Laien statt von dünnen Profi-Models präsentieren
Es ist eine seit Monaten erwartete kleine Revolution – die erste ernst zu nehmende Frauenzeitschrift der Welt ist modelfrei. In der Brigitte werden die taillenbetonten Blusenkleider und die ärmellosen Tops im Batik-Look künftig nicht mehr von den gelernten Berufsschönheiten, sondern, wie im neuen Januarheft zu sehen, von Lehrerinnen, Restaurantbesitzerinnen und Verkäuferinnen präsentiert. Warum nur?
Entweder ist die gute alte Brigitte in Nöten und kann sich die teuren Damen des professionellen Gewerbes nicht mehr leisten, oder die Vorstellung darüber, was eine schöne Frau ist, befindet sich im Augenblick im freien Fall. Beides mag zutreffen, doch die Neudefinition weiblicher Schönheit ist die weitaus interessantere Nachricht. Das klassische Schönheitsideal der Makellosigkeit, das in seiner aktuellen Turbovariante nur noch mit allerhöchstem anthropotechnischem Aufwand herzustellen ist, weicht, glaubt man der beliebten Frauenzeitschrift, neuer naturkindhafter Authentizität.
Doch wie vertragen sich naturtrübe Schönheiten wie du und ich mit einer Zeitschrift, deren Geschäftsgrundlage die Produktion immer neuer textilindustrieller Besitzwünsche ist? Offenbar in etwa so wie ein Echtholzarmaturenbrett und ein Porsche Cayenne. Also erstaunlich gut. Wir reiben uns die Augen und betrachten gerührt den Faltenwurf, der sich wie ein weitverzweigtes Flussdelta auf dem Gesicht der isländischen Songschreiberin Didda Jónsdóttir, 45, ausbreitet, die in der neuen Brigitte auf sieben Seiten barfuß am steinigen isländischen Meeresstrand Abendgarderobe präsentiert. Und bewundern Giuseppina Minopoli, 21, aus Italien, die unter dem knallroten Chiffonkleid den süßen Embonpoint keck hervorstreckt.
Irgendwie schön, auch schön dünn sind die meisten dieser Naturmodelle immer noch. Nur sind sie im Unterschied zu den göttlichen Kleiderständern von früher jetzt mit Fettgewebe, Falten und Berufsangabe versehen. Der alte, in die Jahre gekommene Illusionismus der edlen Fleisch- und Leblosigkeit wird ersetzt durch die neue Illusion des Echten und Ungezwungenen. Das ist, zugegeben, ein deutscher Sonderweg, der die Anhänger klassischer formvollendeter Eleganz an die Verdrängung des Korsetts durch das labbernde deutsche Reformkleid erinnern mag.
Die neue Natürlichkeitsästhetik – obgleich genauso am Reißbrett entworfen wie die alte Perfektionsästhetik – ist durch derartige Einwände nicht aufzuhalten. Angefangen beim kometenhaften Erfolg des Magazins Landlust bis zu den Strohballen in den Auslagen New Yorker Edelboutiquen, widerfährt dem scheinbar Echten auf dem Höhepunkt seiner rückstandsfreien Simulation eine breite Renaissance. Man will sie zurück: die nette alte Tante Wirklichkeit. So langweilig und schlecht angezogen sie auch aussieht, hofft man wieder auf ihr menschenfreundliches Innenleben.
- Datum 07.01.2010 - 12:30 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 07.01.2010 Nr. 02
- Kommentare 48
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Und so wollen wir Wähler auch ab jetzt Politiker auf den Plakaten sehen, deren Gesichter ohne Photoshop-Retuschen auskommen müssen. Wenn schon Großaufnahme, dann bitte auch mit dem echten Leben: Falten, Grübchen, Warzen. Heute sehen die immer 10-15 Jahre jünger aus, das ist Wahlbetrug.
Ich finde es wohltuend, dass die Brigitte auf Models verzichtet. Meiner Meinung nach ziehen damit mehr Ehrlichkeit und Transparenz in die Modefotografie ein.
Ebenso wohltuend finde ich es, dass die Piratenpartei ihren Wahlkampf mit Sachthemen führt und nicht nachbearbeiteten Abbildungen von Politikerköpfen. Auch das ist ein Zuwachs von Ehrlichkeit, den die Politik dringend nötig hat. Läge es nicht ohnehin schon an den wichtigen Themen, die nur von den Piraten abgedeckt werden, dann würde ich die Piraten deshalb wählen, weil sie mit Sachargumenten werben und nicht wie andere Parteien versuchen ihre Politiker möglichst adrett aussehen zu lassen.
ich möchte bitte gar keine Politiker mehr in Großaufnahme auf Wahlplakaten sehen...
Ihre Wahl scheint nach recht oberflächlichen Kriterien stattzufinden, wenn sie auf die Gesichter so viel Wert legen und gar von Wahlbetrug sprechen, wenn die eine oder andere Falte verschwindet. Wenn es ihnen um die Inhalte gehen würde, könnten ihnen die Gesichter herzlich egal sein.
Ich finde es wohltuend, dass die Brigitte auf Models verzichtet. Meiner Meinung nach ziehen damit mehr Ehrlichkeit und Transparenz in die Modefotografie ein.
Ebenso wohltuend finde ich es, dass die Piratenpartei ihren Wahlkampf mit Sachthemen führt und nicht nachbearbeiteten Abbildungen von Politikerköpfen. Auch das ist ein Zuwachs von Ehrlichkeit, den die Politik dringend nötig hat. Läge es nicht ohnehin schon an den wichtigen Themen, die nur von den Piraten abgedeckt werden, dann würde ich die Piraten deshalb wählen, weil sie mit Sachargumenten werben und nicht wie andere Parteien versuchen ihre Politiker möglichst adrett aussehen zu lassen.
ich möchte bitte gar keine Politiker mehr in Großaufnahme auf Wahlplakaten sehen...
Ihre Wahl scheint nach recht oberflächlichen Kriterien stattzufinden, wenn sie auf die Gesichter so viel Wert legen und gar von Wahlbetrug sprechen, wenn die eine oder andere Falte verschwindet. Wenn es ihnen um die Inhalte gehen würde, könnten ihnen die Gesichter herzlich egal sein.
Hallo
Es ist reines Marketing was "Brigitte" hier abzieht, nicht mehr und nicht weniger. Der Trend zur "Natürlichkeit" ist gerade in und wird wieder verschwinden wie jeder andere x beliebige andere Trend eben auch.
Btw. Es gab einmal richtige Modemagazine mit erstklassigen Bildern, aufgenommen von Fotografen die ihren Beruf verstanden und Kleidern von begnadeten Schneidern!! (Meister des Stoffes, eine Zierde ihres Handwerkes und keine "Designer") zum träumen. Damals waren "Models" noch Mannequins die Stil, Klasse und Eleganz ausstrahlten, egal wie alt sie waren.
Und heute gibt es die "Brigitte"
Gruss
Rene
Dass "Brigitte" Marketing betreibt, kann man ihr als Modezeitschrift ja nun beim besten Willen nicht vorwerfen; andere, diejenigen, die auf superschlanke und makellose Models setzen, tun dies doch auch. Es ist anzunehmen, dass sich Frauen - die die Kleider ja kaufen sollen - eher mit "Normalos" identifizieren können als mit Perfektionsschönheiten. Was nützt es einer Normalfrau, zu wissen, wie ein Superschlankmodel in den Klamotten ausschaut?
Aus dem Artikel:
>>Man will sie zurück: die nette alte Tante Wirklichkeit. So langweilig und schlecht angezogen sie auch aussieht, hofft man wieder auf ihr menschenfreundliches Innenleben.<<
Ich finde nicht, dass normale Frauen langweilig aussehen müssen - im Gegenteil. Ich finde allzu perfekte Körper langweilig, und nicht umsonst ist ja selbst im Artikel vom "alten Illusionismus der Fleisch- und Leblosigkeit" die Rede; das sagt doch eigentlich alles.
Irgendwann habe ich in einer Zeitschrift ein Bild von Jodie Foster gesehen, eine Nahaufnahme, auf der nur eine Büste zu sehen war. Sie trug ein knappes Hemd, einem Unterhemd nicht unähnlich, und man konnte die "Stippen" auf ihrer Haut sehen. Es war ein Bild von ungeheurer Intimität, wie ich fand. Ein völlig makelloser Körper strahlt diese Intimität nicht aus, auch wenn er völlig nackt ist.
Da in diesem Zusammenhang auch die Kampagne von "Dove" erwähnt wurde: Ich finde, die Damen sehen sehr gut aus. Besonders eine von ihnen hat es mir angetan, ich würde sie mir am liebsten unter den Nagel reißen.;-)
Dass "Brigitte" Marketing betreibt, kann man ihr als Modezeitschrift ja nun beim besten Willen nicht vorwerfen; andere, diejenigen, die auf superschlanke und makellose Models setzen, tun dies doch auch. Es ist anzunehmen, dass sich Frauen - die die Kleider ja kaufen sollen - eher mit "Normalos" identifizieren können als mit Perfektionsschönheiten. Was nützt es einer Normalfrau, zu wissen, wie ein Superschlankmodel in den Klamotten ausschaut?
Aus dem Artikel:
>>Man will sie zurück: die nette alte Tante Wirklichkeit. So langweilig und schlecht angezogen sie auch aussieht, hofft man wieder auf ihr menschenfreundliches Innenleben.<<
Ich finde nicht, dass normale Frauen langweilig aussehen müssen - im Gegenteil. Ich finde allzu perfekte Körper langweilig, und nicht umsonst ist ja selbst im Artikel vom "alten Illusionismus der Fleisch- und Leblosigkeit" die Rede; das sagt doch eigentlich alles.
Irgendwann habe ich in einer Zeitschrift ein Bild von Jodie Foster gesehen, eine Nahaufnahme, auf der nur eine Büste zu sehen war. Sie trug ein knappes Hemd, einem Unterhemd nicht unähnlich, und man konnte die "Stippen" auf ihrer Haut sehen. Es war ein Bild von ungeheurer Intimität, wie ich fand. Ein völlig makelloser Körper strahlt diese Intimität nicht aus, auch wenn er völlig nackt ist.
Da in diesem Zusammenhang auch die Kampagne von "Dove" erwähnt wurde: Ich finde, die Damen sehen sehr gut aus. Besonders eine von ihnen hat es mir angetan, ich würde sie mir am liebsten unter den Nagel reißen.;-)
Ein für mich eigenartiger Artikel, der unter dem Vorwand der Kapitalismuskritik eine sehr deutsche, pseudointellektuelle Skepsis gegenüber der Schönheit formuliert, indem er jede Form von Ästhetik, selbst die der Authentizität, unter Generalverdacht stellt. Ich finde den Versuch der Brigitte, das hochglanzpolierte Schönheitsideal von VOGUE & Co. aufzubrechen, höchst respektabel, obwohl dieser Vorstoß natürlich keineswegs neu ist – die einschlägigen Dove-Kampagnen und nicht zuletzt natürlich das Format „Brigitte Woman“ haben hier längst Vorarbeit geleistet. Im Übrigen: Die Bilder in Brigitte sind nicht so gut, wie sie sein könnten – nicht wegen der Laien-Models, sondern weil man bei den Fotografen offenbar nicht auf die begabteste Riege zurückgegriffen hat. Gute Modefotografen haben immer schon nicht die Klamotten oder die Models, sondern die Menschen hinter der fashionablen Fassade gezeigt – und Menschen an sich sind schön, im Prinzip immer. Es gibt keine Ebene der Inszenierung, die das wirklich unterlaufen könnte, und einer Modezeitschrift vorzuwerfen, dass sie Kleidungsstücke an Modellen vorteilhaft ablichtet, ist weltfremd. Im Übrigen bleibt der Vorwurf der „Natürlichkeitsästhetik“ billig. Selbstverständlich gibt es weder „natürliche“ Fotos noch eine „natürliche“ Schönheit. Aber für mich ist jeder Versuch ehrenwert, der zumindest versucht, die Verkrustungen der Hochglanzästhetik aufzubrechen und dort Schönheit zu finden, wo der Mainstream sie verworfen hat.
"Man will sie zurück: die nette alte Tante Wirklichkeit."
Man darf gespannt sein, ob und wann das Pendel in die andere Richtung anfängt auszuschlagen...
Die Wirklichkeit bekommen wir jeden Morgen zurück, wenn wir aus unseren Träumen aufwachen und in den Spiegel schauen. Ich glaube nicht, daß dafür dauerhaft Geld bezahlt werden wird. Die Menschen bezahlen für Illusionen, Realität haben sie ganz umsonst und mehr als genug?
Punkt.
Wer glaubt, dass die Brigitte Moral(Magermodelproblematik) vor Verkaufszahlen stellt, irrt gewaltig.
Eine Zeitschrift muß "ansprechend" sein, um verkauft zu werden.
Wenn aber ständig Models präsentiert werden, deren Körperproportionen von der deutschen Durchschnittsfrau so weit entfernt sind, wie ein Ferrari vom Durchschnittsbudget des autosuchenden Mannes, dann werden unerreichbare Träume verkauft. Das führt letztlich eher zu Frust und senkt Verkaufszahlen.
Warum unterliegen wohl die Kleidergrößen einer ständigen Anpassung? Weil so Frau stolz darauf sein kann, dass sie seit 20 Jahren Größe 38 trägt. Dass inzwischen 3x3cm in der Bundweite angepasst wurden, wird verdrängt. Ebenso dient es dem Wohlfühlfaktor, wenn die Models in einem Magazin nicht allzu dürr sind. Da fühlt man sich im Vergleich weniger dick.
Und Hilfe wird auch gleich angeboten. Einfach bis zu den Diätvorschlägen weiterblättern. Wer auch davon schon gefrustet ist, arbeitet sich über 5 Seiten Werbung für Anticellulitiscreme hin zu den Rezeptvorschlägen. So findet jede etwas.
Die Intention der "Brigitte"-Redaktion mag fraglich sein. Das Ergebnis kann sich jedoch sehen lassen und durchaus funktionieren. Und warum auch nicht? Ich habe diese Photoshop-Einheitsgesichter mit Größe Null seit Jahren satt. Vielmehr fühle ich mich nicht ernst genommen, wenn mir derartige Kunstwesen als schön präsentiert werden. Vielen Frauen geht es mit Sicherheit ebenso.
Die Intention der "Brigitte"-Redaktion mag fraglich sein. Das Ergebnis kann sich jedoch sehen lassen und durchaus funktionieren. Und warum auch nicht? Ich habe diese Photoshop-Einheitsgesichter mit Größe Null seit Jahren satt. Vielmehr fühle ich mich nicht ernst genommen, wenn mir derartige Kunstwesen als schön präsentiert werden. Vielen Frauen geht es mit Sicherheit ebenso.
Die Intention der "Brigitte"-Redaktion mag fraglich sein. Das Ergebnis kann sich jedoch sehen lassen und durchaus funktionieren. Und warum auch nicht? Ich habe diese Photoshop-Einheitsgesichter mit Größe Null seit Jahren satt. Vielmehr fühle ich mich nicht ernst genommen, wenn mir derartige Kunstwesen als schön präsentiert werden. Vielen Frauen geht es mit Sicherheit ebenso.
Wenn es den Frauen so ginge, warum haben sie diese Zeitschriften dann Jahrzehntelang gekauft? Ich betrachte die Angelegenheit eher als Marketinggag.
Wenn es den Frauen so ginge, warum haben sie diese Zeitschriften dann Jahrzehntelang gekauft? Ich betrachte die Angelegenheit eher als Marketinggag.
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