Gesellschaftskritik Der Held der Agenda 2010

Peter Hartz hat Spuren in unserem Wortschatz hinterlassen. Florian Illies über das Mittelgebirge unter den deutschen Namen.

Peter Hartz - oder wie man verschwindet und doch immer im Gespräch bleibt

Peter Hartz - oder wie man verschwindet und doch immer im Gespräch bleibt

Es ist letztlich die Frage, ob es Peter Hartz um kurzfristigen Ruhm oder langfristige Bedeutung gegangen ist. Den kurzfristigen Ruhm hatte der ehemalige Personalvorstand von VW ja dadurch etwas verspielt, dass er die Gewerkschaft im Unternehmen mit Lustreisen ruhigstellte – wofür ihm zwar eigentlich ein Paradoxie-Preis gebührt hätte, stattdessen aber bekam er zwei Jahre auf Bewährung. Sein Bundesverdienstkreuz hat er daraufhin zurückgegeben. Aber was bedeutet das schon gegen die Spuren, die Peter Hartz im deutschen Wortschatz, in der deutschen Gesellschaft hinterlassen hat. Dies wollen wir heute, da das neue Jahr gerade begonnen hat, endlich angemessen würdigen, denn Hartz ist der geistige Vater jener Agenda 2010, mit der einst Gerhard Schröder versuchte, der Reform des deutschen Sozialsystems den Charme einer Utopie zu geben.

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Rechtzeitig zum utopischen Jahr 2010 also wurden Hartz zwei ungewöhnliche Ehrungen zuteil: Er wurde zum Verb und zum Substantiv. Zum einen wurde »hartzen«, was laut Langenscheidt-Verlag so viel wie »rumhängen« und »gammeln« bedeutet, zum deutschen Jugendwort des Jahres gewählt. Zum anderen erklärte Heinz Buschkowsky, der republikweit bekannte Bürgermeister des Berliner Bezirks Neukölln: »Wenn man Jugendliche fragt, was wollt ihr werden, antworten sie: Ich werde Hartzer.«

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Für die Bewertung des Erfolges der Arbeitsmarktreformen von Hartz IV sind die Kollegen von der Wirtschafts- und Politikredaktion zuständig. Wir von der Abteilung Gesellschaftskritik jedoch stehen ehrfurchtsvoll vor einem Mann, der sich mit seinem Namen tiefer in die Umgangssprache eingegraben hat als alle anderen Deutschen nach 1945. Von VW-Personalvorständen mal ganz zu schweigen. Es gibt in Deutschland keinen einzigen Teenager, der merkelt oder schrödert. Und »Ich werde Schröder« hat außer Gerhard Schröder auch lange kein Jugendlicher mehr gesagt.

Kurzum: Peter Hartz ist ein Mittelgebirge unter den deutschen Namen geworden, ein Inspirator nicht nur der Sozialgesetzgebung, sondern auch des Volksmundes, ein gefallener Held, der im Fallen noch dem fallenden Volk seinen Namen leiht, auf dass es auf ewig Spott mit ihm treibe, ein sich für das Vaterland und seine Muttersprache opfernder Held. Danke, Peter Hartz.

 
Leser-Kommentare
  1. Ein Heldengesang auf einen Versager, flach zusammengeflachst. Noch nicht mal ein Maulwurfshügel in den Mühen der Sprachebene.

    • o_O
    • 09.01.2010 um 14:06 Uhr

    ...dieser Name in Verbindung steht, geht eigentlich auf keine Kuhhaut. Was aber fast noch schlimmer ist, wer in diesem Zusammenhang alles instrumentalisiert wurde. Politik, Gewerkschaften und Industriekonzerne...

    Ein mMn unfassbar tief schwarzer Fleck in der Legislaturperiode der SPD...

  2. Dieser Mann, ebenso wie viele andere, etwa Wolfgang Clement, der jetzt (zufällig?) unter anderem im Vorstand einer grossen Zeitarbeitsfirma sitzt, zählen zu den paradoxen Phänomenen der SPD. Denn sie haben im Interesse der Arbeitgeber gehandelt. So ist es auch kein Wunder, wenn das "Gehartze" jetzt mühsam und langsam einer Revision unterworfen werden muss und wird.

    Eine Leser-Empfehlung
  3. Wieso wird dieser Mann noch in Ihrer Zeitung erwähnt?

    Schade um die "ZEIT".

    Gott seidank habe ich Ihre Zeitung nicht abonniert.

    • mühli
    • 09.01.2010 um 17:42 Uhr

    Herr Illies versucht hier anscheinend das traurige und klägliche Erbe des Herrn Hartz als sozialstaatliche Errungenschaft zu verklären und diesem einen positiven Anstrich zu verleihen! Es sei denn, der Text ist als Ironie zu verstehen, was sicher jedem klar sein muss! Leider konnte ich beim Durchlesen über die Ironie nicht richtig lachen. Schade eigentlich! Denn ein Loser bleibt nun mal ein Loser, gell Herr Hartz?!!

  4. "jedoch stehen ehrfurchtsvoll vor einem Mann, der sich mit seinem Namen tiefer in die Umgangssprache eingegraben hat als alle anderen Deutschen nach 1945."

    ist das ein verkappter hitler vergleich?

  5. Hey Pete,

    hoffe, dass Du mir mal über den Weg läufst, bei mir kommst du aber dafür, was du Millionen von Menschen verfassungswidrig angetan hast, nicht mit einer Bewährung davon !!!

  6. Keine Schweinerei ist in diesem Staat unmöglich. Mit den Hartz Vorschlägen, die von den Verantwortlichen Politikern nochmals extrem asozialisiert wurden, ist Deutschland kein Rechtstaat mehr. Der Mittelstand wurde wegen Hartz IV Zwangsenteignet und verknechtet. Peter Hartz steht für sozialnihilismus mit Entwertung aller Werte.

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