ZEITmagazin: Frau Mirren , es heißt, Sie lassen sich lieber von Männern interviewen. Stimmt das?

Helen Mirren: Oh, das dürfen Sie nicht persönlich nehmen! Ich habe das auf britische Journalistinnen bezogen, die können wirklich gemein sein, richtig neidische Zicken, die wollen, dass du dich schlecht fühlst. Die britischen Medien sind ja für ihren scharfen Ton bekannt. Das Problem ist, dass mir mein Instinkt erst mal rät, Frauen mehr zu vertrauen als Männern, ich bin offener mit ihnen. Aber Frauen sind eben wirklich gut darin, sich freundlich zu geben. Nachher liest du dann, was die Frau über dich geschrieben hat, und denkst, oh Gott, ich dachte, sie mochte mich!

ZEITmagazin: Hier können Sie ruhig offen sein!

Mirren: Ach, zum Glück drucken Sie ja ohnehin alles auf Deutsch. Sie können also schreiben, was Sie wollen, ich werde es nie erfahren.

ZEITmagazin: Das werden wir natürlich nicht ausnutzen. Die Figur der Sofia, die Sie in Ihrem neuen Film Ein russischer Sommer spielen, ist das Paradebeispiel einer Zicke. Sofia macht ihrem Mann Leo Tolstoj den Lebensabend zur Hölle. Hat es Sie nicht gestört, diesen Frauentyp zu spielen?

Mirren: Nein, im Gegenteil. Ich selber bin nämlich sehr verschlossen, was meine Gefühle anbelangt, und das kann sehr frustrierend sein. Diese Zurückhaltung ist lähmend. Ich wünschte, ich könnte meine Gefühle besser zeigen. Wäre die Figur der Sofia Italienerin, und Sophia Loren würde sie spielen oder Anna Magnani, würden alle sagen: Klar ist die so, sie ist eben Italienerin! Und Sofia ist eben Russin.

  ZEITmagazin: Was ist denn spezifisch russisch? Sie müssen es wissen, Ihr Vater war schließlich Russe. 

Mirren: Natürlich sind nicht alle Russen so, aber es gibt diese Charaktereigenschaft, die mir immer wieder auffällt: Russen haben keine Angst, ihre Gefühle zu zeigen. Wenn du glücklich bist, zeigst du es ganz deutlich, wenn du unglücklich bist auch. Und innerhalb von Sekunden kannst du von einem Extrem ins andere fallen. Mein Vater allerdings war gar nicht so, er wollte sich assimilieren und britisch sein.

ZEITmagazin: Als Ihr Großvater 1916 nach London ging, um dort Waffengeschäfte für den Zaren zu tätigen, war er ein angesehener Militär, seine Mutter gehörte dem Adel an.

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Mirren: Ja, die Gräfin Kamiensky. In der Familie meines Großvaters waren alle hohe Militärs, einer meiner Vorfahren war Feldmarschall. Allerdings ein grauenhafter, soweit ich weiß. Er wird in Tolstojs Krieg und Frieden erwähnt. Deshalb ist es jetzt so besonders für mich, Sofia Tolstoj zu spielen.

ZEITmagazin: Mit der russischen Revolution verlor Ihr Großvater alles, seinen Status, seinen Besitz. Er hat seine Heimat nie wiedergesehen und blieb in London. Hat diese Erfahrung auch Sie geprägt?

Mirren: Ja, sicher. Mein Vater wuchs als russischer Immigrant auf. Großbritannien war in den dreißiger Jahren noch sehr homogen, Ausländer wurden mit viel Argwohn beäugt. Mein Vater wollte Brite sein. Aber sein Vater sagte ihm andauernd, dass er Russe sei, dass er aus einer besonderen Klasse käme, dass er die russische Kultur nicht vergessen dürfe. Wir hatten ja auch russische Namen.