Das Erste, was im Krieg stirbt, ist die Gewissheit. Kein Tag, keine Stunde lässt sich berechnen, alle Erfahrung aus anderen Kriegen erweist sich als fragwürdig, was sicher geglaubt war, zerschellt und lässt sich nur noch unsicher und zweifelnd zusammensetzen.

Der Wagen, der uns am Checkpoint der Grenze zwischen der kurdischen Provinz des Nordiraks und dem nicht mehr kurdisch dominierten Irak abholt, ist nicht einfach ein Wagen, wie wir gedacht hatten, sondern ein Pick-up-Truck. Und die Begleiter, die uns nach Kirkuk bringen sollen, sind nicht uniformierte Beamte, sondern schwer bewaffnete Mitglieder einer Anti-Terror-Einheit der Polizei unter Leitung von Major Sakran Sroot. Auf der Ladezone sitzen sechs Männer mit schusshemmenden Westen, einer thront hinter einem aufgestützten Maschinengewehr, die anderen tragen Kalaschnikows über der Schulter und Pistolen am Gürtel.

Es macht kaum Sinn, abzuwägen, ob dieser Schutz wirklich nötig ist, ob er die Angst verringert oder steigert, wir können es nicht beurteilen, nur vertrauen, zudem ist es eine zuvorkommende Geste des Sicherheitschefs von Kirkuk, der uns den Wagen geschickt hat, also sitzen wir innen auf der Rückbank, unbeweglich in unseren massiven Westen, die wir angelegt haben, »Der, den ich liebe, / hat mir gesagt, / dass er mich braucht«, fällt mir auf einmal ein, Brecht, »darum achte ich auf meinen Weg / und fürchte von jedem Regentropfen, / dass er mich erschlagen könnte«, ab und an höre ich mich selbst auf meinen verschalten Bauch trommeln, um den beruhigenden Klang der harten Keramikplatten im Kern der Weste zu vernehmen, die Füße sind eingeklemmt, weil die Helme, die wir nun irgendwie doch nicht im Wageninneren aufziehen wollen, den Platz hinter dem Vordersitz einnehmen, nur die Knie sind einsetzbar, um die Balance zu halten bei dem, was jetzt folgt: Der Wagen rast über die Landstraße, Nashwan, der arabische Fahrer, der aus Bagdad fliehen musste, weil er für die Amerikaner gearbeitet hat, drängt zivile Fahrzeuge ab, er schlängelt sich an jedem Auto vorbei, das ihm in die Quere kommt, rechts vorbei, links vorbei, eine kleine Handbewegung von Major Sroot reicht, um die Richtung des nächsten irrwitzigen Manövers anzugeben, sie jagen dahin oder davon, das lässt sich gar nicht sagen, nur das Tempo nicht drosseln, selbst inmitten des Stadtverkehrs nicht, wie ein Eisbrecher dringt der Wagen ein in jede Ansammlung von Autos, Eselskarren, Fuhrwerken, Fußgängern, die Sirene wird eingesetzt, der Lautsprecher, immer wieder greift Sroot zu dem Mikrofon und erteilt Befehle, wer nicht beiseitespringt, gefährdet sich selbst.

© DIE ZEIT

Ali Vahal, unser dreisprachiger kurdischer Übersetzer, der in Amerika aufgewachsen ist, hält sich schwankend in der Mitte zwischen dem Fotografen Sebastian Bolesch und mir und flüstert: »Das nennt man martial law ...«, und es ist ihm anzusehen, dass er dies für keinen guten Import aus den Vereinigten Staaten hält. Sebastian sagt gar nichts mehr, auch wenn dies eigentlich ein Moment wäre für einen seiner trockenen Klassiker (»Entspannt ist anders«).

Kaum im Polizeihauptquartier von Kirkuk, das wie eine Festung mit Betonblöcken vor dem Eingang gesichert ist, geht es weiter, eine Polizeistation soll eröffnet werden, Amerikaner, sunnitische Scheichs von den Awakening Councils, die die amerikanischen Truppen unterstützen, Kurden, alle sollen zusammenkommen zur Feier des Tages, unsere Einheit soll den Konvoi des Sicherheitschefs begleiten, und so reihen wir uns ein in eine Kolonne aus 15 Landcruisern auf dem Weg zur Polizeistation.

Der erste Schuss fällt nach fünf Minuten. Die Kugel zischt direkt an Sebastians Seitenfenster vorbei. Alle im Wagen erstarren für einen Augenblick. Sroot greift zum Funkgerät und fragt bei seinen Männern hinten nach, woher der Schuss kam, als plötzlich der uns zugewandte Soldat am Maschinengewehr auf dem Wagen vor uns mit seiner behandschuhten Hand winkt und lächelt, über den knatternden Funk kommt die Ansage, er habe nur mal die Waffe testen wollen. Ah ja.

Am Fenster ziehen sandige Landschaften vorbei, ab und an mal ein verwahrloster Esel, braun oder grau, ausgebrannte Trümmer von Autos von Selbstmordattentätern in denselben Farben, eine unscheinbare Ödnis, industrialisiert, aber brach, leere Gegenden, der Blick sucht haltlos nach einem Ort, nach Farbe, nach Leben, alles rauscht schemenhaft vorbei, bis auf einmal die linke Fahrspur abgeriegelt ist, ein Stau hat sich dahinter gebildet, es gibt Sperren, ein hektisches Treiben, das um einen ruhigen Mittelpunkt herumkreist, dem sich keiner nähert, ein rostrotes Fass liegt dort auf dem Asphalt, eine Bombe. Warum wollten sie gerade diese Stelle treffen? »Es gibt keine Logik«, sagt Sroot, »manchmal agieren die wie Tiere, die blind töten.« Tiere töten eigentlich gar nicht blind, denke ich im Stillen, aber was verstehe ich schon vom Töten. Der Wagen rast weiter, nur nicht stoppen, nur nicht eine Sekunde zum Stehen kommen neben einem Gegenstand, neben einem Fahrzeug, jedes Innehalten, so beginne nun auch ich zu denken, könnte den Tod bedeuten.

Ist das schon das Ende der kritischen Distanz? Fühlt es sich so an, das »embedded«, das ich nie erleben wollte? Geht es so schnell, dass einem Aggressivität nicht mehr aggressiv, sondern notwendig erscheint, nur weil wir mit denen, die da aggressiv sind, im Auto sitzen und weil ihre Aggressivität potenziell uns beschützt?

Immer wieder hat uns diese Region angezogen. Sebastian Bolesch und ich waren wochenlang während des Krieges dort, im Frühjahr 2003, als die kurdischen Peschmerga gemeinsam mit den amerikanischen Special Forces an der zweiten Front kämpften. Wir haben die Euphorie erlebt, als die ersten Städte fielen, erst Bagdad, dann Kirkuk, dann Mossul, als die Menschen nicht nur die kurdische, sondern auch die irakische Fahne schwenkten, wir haben die Hoffnung der Flüchtlinge erlebt, die im Zuge der »Arabisierungs«-Kampagne von Saddam Hussein aus der Region um Kirkuk vertrieben worden waren und die träumten von einer Rückkehr in ihre Stadt.