Krieg im Irak "Der erste Schuss fällt nach fünf Minuten"Seite 5/5
Das soll die Geschichte sein? Er erinnert sich einfach nicht mehr? Er sieht unseren Unglauben. Samir fährt fort: »Ich kann einfach nichts anderes erzählen, das ist alles, woran ich mich erinnere, und das habe ich auch bei allen Verhören gesagt.« Wenn Samir spricht, bewegt er nur die linke Hand, die andere liegt schlaff auf seinem Bein. »Ich kann die rechte Seite nicht kontrollieren«, erklärt Samir, zehn Tage habe er im Krankenhaus gelegen, er streicht mit seiner linken Hand über die Narbe am Kopf, einmal aus dem Krankenhaus entlassen, begannen die Verhöre, durch Männer in ziviler Kleidung, vielleicht Araber, vielleicht Kurden, die Arabisch sprachen, erzählt Samir, er schaut immer nur geradeaus, nur wenn Vahal ihn anspricht, wendet er den Kopf. »Warum sollte ich das tun? Ich lehne Selbstmordattentate ab. Wenn Menschen sich umbringen wollen, sollen sie das tun. Aber doch nicht andere töten dabei.«
Er spricht leise, als müsse er seine Kräfte schonen, nie anklagend, nie eindringlich, als habe er den Glauben verloren, dass jemand wirklich zuhören könnte oder gar glauben, was er zu sagen hat. »Sie haben mich geschlagen«, sagt Samir, »immer wieder, mit Stöcken, Kabeln, sie haben mich mit Elektroschocks gefoltert«, er zieht mit der linken Hand die Hosenbeine hoch und zeigt die Narben auf seiner Haut, ich frage, ob ich mich ihm nähern darf, er zuckt kurz, vielleicht vor Angst, dass ich ihn verletzen könnte, vielleicht vor Schreck, dass sich jemand für ihn interessieren könnte. Ob auch Amerikaner ihn verhört hätten? »Ja«, sagt Samir, »aber sie haben mich nie angerührt.« Ob die Misshandlungen andauerten? Nein, ihm würden nur noch Bilder vorgelegt, und er solle sagen, ob er Menschen darauf kenne. Ob es die Polizisten hier im Hauptquartier gewesen seien? Nein, die Verhöre hätten an einem anderen Ort durch andere Männer in Zivil stattgefunden. Es sind diese Differenzierungen, diese Vorsicht, keine falschen Anschuldigungen zu machen, die meine Zweifel an seiner Geschichte unterwandern.
Würde ein überzeugter Terrorist, ein Selbstmordattentäter im Gefängnis, einer, der in flagranti verhaftet wurde, mit einem Sprengstoffgürtel um den Bauch, einer, der nichts mehr zu verlieren hat, weil schon alles verloren ist, sich noch um Genauigkeit bemühen? Wie das Gerät aussah, mit dem er die Elektroschocks bekommen hat? Samir formt mit seiner linken Hand einen kleinen Kasten. »Es war schwarz«, sagt Samir, »und die Folterer nannten das Gerät the American.«
Ich schaue auf diesen blassen Jungen und frage mich, was vom Krieg geblieben ist. Eine Wortschöpfung? »Amerikaner« als Synonym für ein Folterinstrument?
Vielleicht ist seine Erinnerungslücke erfunden, vielleicht wollte er Hunderte Menschen in die Luft sprengen, vielleicht ist seine Amnesie echt und Folge eines Schädeltraumas, das er bei seiner Verhaftung erlitten hat, vielleicht ist er unter Drogen gesetzt worden, wie so viele, die auf Selbstmordkommandos geschickt werden. Vielleicht. All das ist ungewiss. Gewiss ist, dass dieser Junge kaum gehen kann, dass er seit achteinhalb Monaten im Untersuchungsgefängnis sitzt, ohne Anwalt, ohne Gutachten, das beurteilen könnte, ob seine Geschichte möglicherweise stimmt. Gewiss ist, dass diejenigen, die Demokratie und Menschenrechte gegen Terroristen verteidigen wollen, sie selbst nicht achten. Gewiss ist, dass niemand sich um diesen Jungen scheren wird, weil niemand weiß, dass er da sitzt, weil er nur ein einzelner junger Syrer ist, weil das Unrecht, das ihm angetan wurde, den meisten nichtig erscheint in so einem wüsten Krieg, weil niemand sich für jemanden einsetzen will, der einen Sprengstoffgürtel trug, und schließlich, weil er selbst sich nicht zu verteidigen weiß, außer mit dem einen Satz: »Ich kann mich nicht erinnern.«
Seit zehn Jahren reisen wir zusammen, der Fotograf Sebastian Bolesch und ich, seit zehn Jahren reden wir miteinander über die Landschaften aus Tod und Zerstörung, in die wir fahren, und über die Menschen, denen wir begegnen. Seit zehn Jahren reisen wir zusammen, aber noch nie waren wir so zerschlagen wie nach dieser Reise, noch nie bin ich jeden Morgen aufgewacht danach, schweißnass, wie ein gehetztes Tier, und noch nie schien das Schreiben über den Krieg so entsetzlich unzulänglich. Noch nie schienen mir die Belange meiner Freunde so fremd, ihre Sorgen so narzisstisch, noch nie war ich so empfindlich, noch nie so grob im Ablehnen allerlei herzlich gemeinter Einladungen. Ob wir fasziniert seien von Gewalt, werden wir gefragt, wenn wir wieder hier sind, und warum wir das machten, als müssten wir uns schämen dafür und nicht die, die so fragen.
Ich habe Samir Afif Ammar da sitzen gelassen, in seiner Zelle mit 40 anderen Häftlingen. Da wird er bleiben, ohne Besuch und ohne Anwalt, ich habe ihm nicht geholfen, ich bin nicht zum Polizeipräsidenten gegangen, um mich über die Folterungen zu beklagen, aus Angst, er würde dann erst recht misshandelt werden. Ich habe ihn nicht nach der Telefonnummer seiner Mutter gefragt, um ihr zumindest Bescheid zu geben, dass ihr Sohn noch lebt, aus Feigheit, ich würde dann nicht mehr distanziert und unbeteiligt sein. Das Schlimmste ist: Ich habe ihm nicht einmal gesagt, was ich denke, dass ich ihm glaube und dass ich mich schäme dafür, wie er behandelt wird, ich bin einfach nur rausgegangen aus dem Raum mit der Wache davor, hilflos und stumm.
Zurück in Berlin, habe ich die Geschichte von Samir verschiedenen Anwälten und Menschenrechtlern gemeldet, sie haben sie aufgenommen mit Entsetzen, aber hinfahren nach Kirkuk? Das können sie nicht. Das ist zu gefährlich.
Nein, ich bin nicht fasziniert von Gewalt. Aber sie geschieht. In unserer Welt, jeden Tag. Und wir sind beteiligt daran.
Alle.
- Datum 07.01.2010 - 06:54 Uhr
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- Quelle ZEITmagazin, 07.01.2010 Nr. 02
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ich fuer meinen teil beteilige mich nicht an Gewalt. Die Invasion des Iraks war eine Allianz der Willigen - Weapons of mass destruction (wo waren die noch gleicht?). Die deutsche Regierung beteiligt sich an Gewalt in Afghanistan was nach meinem Gefühl von der Mehrheit der Deutschen abgelehnt wird. Der Irak ist fuer ca. 20 Jahre destabilisiert - wozu eigentlich? Ziehen eigentlich alle GIs ab oder verbleiben Militärbasen? Der Irak könnte sich sehr gut aus dem Schlamassel herausarbeiten, wenn ihm nur die Kontrolle über das Öl bliebe.
Hallo
Ihr Glaube an den ach so friedfertigen Saddam Hussein ist leider ein Irrglaube.
Der Irak hat im iranisch/irakischen Krieg sehr wohl chemische Waffen eingesetzt und diese auch gegen die Kurden im eigenen Land eingesetzt.
Chemische Waffen sind Massenvernichtungswaffen.
Diese können von jedem Land hergestellt werden das über eine petrochemische Industrie verfügt und der Aufwand dafür ist geringer als man denkt.
Der Irak verfügt über einen chemische Industrie und auch die Fachleute waren vorhanden.
Gruss
Rene
...uninformierten Beitrag zu lesen, von dem der Autor glaubt er wäre witzig. Solche Sätze sind ein besonderer Genuss, sind sie doch hierin so entlarvend: "Weapons of mass destruction (wo waren die noch gleicht"
Würde man das korrekt übersetzt haben, würde es Koalition der Mutigen oder Entschlossenen heißen. Typische deutsche Eindimensionalität, die denkt, das engliche Wort stamme vom deutschen ab und habe dessen Bedeutung übernommen.
Anyway. Auch sie waren beteiligt, denn Nichtkrieg ist in dieser Welt bisweilen mörderischer und schlimmer als Krieg. Was man zulässt, unterlassene Hilfeleistung, das ist ein Strafbestand.
Hallo
Ihr Glaube an den ach so friedfertigen Saddam Hussein ist leider ein Irrglaube.
Der Irak hat im iranisch/irakischen Krieg sehr wohl chemische Waffen eingesetzt und diese auch gegen die Kurden im eigenen Land eingesetzt.
Chemische Waffen sind Massenvernichtungswaffen.
Diese können von jedem Land hergestellt werden das über eine petrochemische Industrie verfügt und der Aufwand dafür ist geringer als man denkt.
Der Irak verfügt über einen chemische Industrie und auch die Fachleute waren vorhanden.
Gruss
Rene
...uninformierten Beitrag zu lesen, von dem der Autor glaubt er wäre witzig. Solche Sätze sind ein besonderer Genuss, sind sie doch hierin so entlarvend: "Weapons of mass destruction (wo waren die noch gleicht"
Würde man das korrekt übersetzt haben, würde es Koalition der Mutigen oder Entschlossenen heißen. Typische deutsche Eindimensionalität, die denkt, das engliche Wort stamme vom deutschen ab und habe dessen Bedeutung übernommen.
Anyway. Auch sie waren beteiligt, denn Nichtkrieg ist in dieser Welt bisweilen mörderischer und schlimmer als Krieg. Was man zulässt, unterlassene Hilfeleistung, das ist ein Strafbestand.
Hallo
Ihr Glaube an den ach so friedfertigen Saddam Hussein ist leider ein Irrglaube.
Der Irak hat im iranisch/irakischen Krieg sehr wohl chemische Waffen eingesetzt und diese auch gegen die Kurden im eigenen Land eingesetzt.
Chemische Waffen sind Massenvernichtungswaffen.
Diese können von jedem Land hergestellt werden das über eine petrochemische Industrie verfügt und der Aufwand dafür ist geringer als man denkt.
Der Irak verfügt über einen chemische Industrie und auch die Fachleute waren vorhanden.
Gruss
Rene
@Rene:
Stimmt, aber wurde etwas außer Acht gelassen.
Im Kalten Krieg wurde der Iran von der US-Regierung militärisch unterstützt. Als der der Schah gestürzt wurde hat die amerikanische Regierung den Irak hochgerüstet und auf den Iran gehetzt.
Gruß
@Rene:
Stimmt, aber wurde etwas außer Acht gelassen.
Im Kalten Krieg wurde der Iran von der US-Regierung militärisch unterstützt. Als der der Schah gestürzt wurde hat die amerikanische Regierung den Irak hochgerüstet und auf den Iran gehetzt.
Gruß
Mir gefällt der Artikel sehr gut. Er regt stark zum Nachdenken und die gemischten Gefühle kommen auch gut dabei rüber.
Pflichtlektüre für alle, die über Kriegs(Friedens)einsätze entscheiden!!!!
Ich musste mir diesen Beitrag unwillkürlich mit dem Porträt von Ladurner über einen iranischen Beamten zusammendenken: dieser zog aus seinen fürchterlichen Erfahrungen des Irak-Iran-Krieges den Schluss, dass nur das anarchische Chaos schlimmer ist als der Krieg.
Eine Bande völlig verantwortungssloser Fanatiker in der US-Regierung hat mutwillig einen Staat zertrümmert, ohne die geringste Vorstellung, was realistischerweise an dessen Stelle treten könne.
Jahrzehntelang wurde der Irak Saddam Husseins zuvor belagert, ohne dass nennenswerte Forderungen in Bezug auf die Menschenrechtslage gestellt wurden, jahrzehntelang wurden sein Regime durch westliche Waffenhilfe am Leben erhalten.
Liebe Frau Emcke, Glückwunsch zur unbeschadeten Rückkehr und vielen Dank für diesen sprach- und eindrucksmächtigen Artikel. Er beleuchtet neben vielen anderen Dingen eine sehr wesentliche Frage, die der persönlichen Distanz von Journalisten (und durchaus auch von politischen Repräsentanten) zum Objekt.
"Eine distanzierte Beobachterperspektive brauche es [..., ...] unbeteiligt und vom Rande des Geschehens aus, das seien die Bedingungen guter Berichterstattung. Wer beteiligt ist und distanzlos, gerät in den Verdacht bloßer Parteinahme und Propaganda." So die Theorie. In Deutschland sehen wir auf dieser Basis oftmals eine Gespensterdebatte, geführt von Menschen, die sich dem Gegenstand über den sie sich äußern niemals ausgesetzt haben. Aus der Distanz erwachsen nicht nur Neutralität und objektiver Bericht, sondern auch (Selbst-)Gewißheit, Konsequenzfreiheit und Verantwortungslosigkeit. Nähe und im Extremfall persönliche Gefährdung können die neutrale Wahrnehmung verzerren, aber sie schaffen auch glaubwürdige Kritik am Gerede aus der Distanz, das Erleben der Gefühlswelt der Beteiligten und das Wissen um die Konsequenzen allzu "distanzierter" Patentrezepte. Nahes Herangehen ist auch Übernahme persönlicher Verantwortung, ob für den authentischen Bericht, die realitätsnahe Entscheidung oder einfach die persönliche Glaubwürdigkeit. Das würde man als Leser wie als Bürger gerne häufiger sehen, dann auch mit entsprechendem Respekt vor dem Einsatz des Journalisten oder Repräsentanten.
Die Schilderungen aus der subjektiven Sicht der Autorin sind berührend und unheimlich wertvoll. Auch die Unterscheidung der lat. Begriffe zu Zeuge sind mehr als hilfreich. Frau Emke vermittelt sehr gut und nachvollziehbar, was sie erlebt und was es für sie heißt, dass es keinen distanzierten Rand mehr gibt. Ich wünsche ihr viel positive Resonanz, damit auch wieder das Gefühl eintritt, dass es einen Sinn hat, dass und worüber sie schreibt.
Gerne schließe ich mich Ihrem Kommentar an.
1.Mai 2003, G.W.Busch verkündet nach einem 6-wöchigen "Live-Bombardement": Der Krieg sei jetzt vorbei.
NACH Verkündung des Kriegsendes starben bis heute über 4.400 willige Koalitionssoldaten bei Kampfhandlungen und Attentaten,
weiterhin ca. 7.000 Irakische Soldaten und Polizisten (ca. 2500 ließen schon vorher, im "offiziellen" Krieg ihr Leben),
weiterhin ca. 450 Angehörige "ziviler" Militärunternehmen,(ein großer Teil davon Blackwater-Söldner),
weiterhin ca. 90.000 bis 190.000 Zivilisten, wovon die Mehrzahl durch Koalitionssoldaten getötet wurde und nicht durch Sprengstoffattentate.
Auch kamen über 170 Journalisten ums Leben und über 50 ihrer Assistenten.
--
Soweit ich weiß, befinden sich noch immer über 100.000 amerikanische Soldaten im Irak (mehr als z.Z. in Afghanistan), was vielen vielleicht nicht bewusst ist.
"Im Irak wütet der Terror jeden Tag"
Aber:
„Alle“ konzentrieren sich dieser Tage auf die Einführung von Nacktscanner.
Gruß Max Stockhaus
Gerne schließe ich mich Ihrem Kommentar an.
1.Mai 2003, G.W.Busch verkündet nach einem 6-wöchigen "Live-Bombardement": Der Krieg sei jetzt vorbei.
NACH Verkündung des Kriegsendes starben bis heute über 4.400 willige Koalitionssoldaten bei Kampfhandlungen und Attentaten,
weiterhin ca. 7.000 Irakische Soldaten und Polizisten (ca. 2500 ließen schon vorher, im "offiziellen" Krieg ihr Leben),
weiterhin ca. 450 Angehörige "ziviler" Militärunternehmen,(ein großer Teil davon Blackwater-Söldner),
weiterhin ca. 90.000 bis 190.000 Zivilisten, wovon die Mehrzahl durch Koalitionssoldaten getötet wurde und nicht durch Sprengstoffattentate.
Auch kamen über 170 Journalisten ums Leben und über 50 ihrer Assistenten.
--
Soweit ich weiß, befinden sich noch immer über 100.000 amerikanische Soldaten im Irak (mehr als z.Z. in Afghanistan), was vielen vielleicht nicht bewusst ist.
"Im Irak wütet der Terror jeden Tag"
Aber:
„Alle“ konzentrieren sich dieser Tage auf die Einführung von Nacktscanner.
Gruß Max Stockhaus
...uninformierten Beitrag zu lesen, von dem der Autor glaubt er wäre witzig. Solche Sätze sind ein besonderer Genuss, sind sie doch hierin so entlarvend: "Weapons of mass destruction (wo waren die noch gleicht"
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