Kulturhauptstadt Istanbul Kulturhauptstadt wozu?
Erinnerung an eine schwierige Vergangenheit: Istanbul entsinnt sich der türkischen Militärputsche. Schon damals ging es um die Angst vor dem Islamismus
© Staton R. Winter/Getty Images

Istanbul, europäische Kulturhauptstadt 2010
Einer der verschwiegensten Orte Istanbuls liegt weit draußen auf dem Meer. Die Riesenstadt am fernen Ufer scheint von dem Eiland aus unerreichbar fern. Das Mobiltelefon ist ohne Verbindung, kein Linienschiff verkehrt, kein Leben in Sicht außer Katzen, Vögeln und Reptilien. Vielleicht deshalb ziehen sich käufliche russische Mädchen gern mit ihren Freiern auf diese kleine Insel zurück. Vielleicht deshalb hatten sich türkische Generäle eben Yassiada als Bühne für ihren Putsch ausgesucht.
Im Morgengrauen des 27. Mai 1960 ertönte die kratzige Stimme General Alparslan Türkeş’ im Radio. Er ließ das Volk wissen, dass die frei gewählte Regierung gestürzt sei. Die Armee verbrachte den türkischen Premier und den Präsidenten nach Yassiada. Dort wurde ihnen über fast ein Jahr der Schauprozess gemacht – man verhörte, filmte, erniedrigte sie. Fast 600 Politiker und Beamte standen vor Gericht, 15 Prominente wurden zum Tode verurteilt. Der Präsident versuchte sich zu erhängen. Der Premier nahm Schlaftabletten. Sie pumpten ihm den Magen aus und knüpften ihn danach auf.
So wurde in der Türkei Politik gemacht. Fünf Putsche in 50 Jahren, der letzte halbherzige Umsturzversuch liegt gerade zwei Jahre zurück. Er begann auf der Internetseite des Militärs und endete in einer Parlamentsabstimmung, die die Regierung gewann. Welch ein Unterschied! Der blutige Coup von 1960 gipfelte in der Hinrichtung des Regierungschefs. Nun jährt er sich zum 50. Mal, zeitgleich mit Istanbuls Auszeichnung als Kulturhauptstadt Europas. Dieser Zusammenfall hat eine Gruppe von Intellektuellen entzückt. Sie fanden, dass Kunst und Erinnerung bestens zusammenpassen, und mieteten sich ein Boot nach Yassiada. Ihr stiller Plan ist, die Kerkerinsel in ein Museum zu verwandeln.
Ein gelehrtes Hirngespinst? Keineswegs. Der Kulturkalender 2010 der Istanbuler Stadtverwaltung verspricht ohnehin das große Graben nach Geschichte und verschütteter Identität. Dieses Hauptstadtjahr hätte zwar auch die gleißende Modernität der Stadt, ihre schroffen Gegensätze vor berauschenden Kulissen anleuchten können. Doch sprechen feinnervige Türken lieber über Ereignisse und Kulturen, die der Modernisierung und türkischen Monokulturalisierung zum Opfer fielen. Die Präsenz von Griechen und Armeniern in Istanbul. Iranische Kultur in Anatolien. Vergessene Feiertage der Assyrer, Armenier, Aleviten. Erinnerung an Wilhelm Zwo zu Besuch in Konstantinopel und an jene osmanischen Herrscher, die der Stadt ihre Prägung gaben. So und ähnlich heißen viele Veranstaltungen. Es liegt eine gewisse Melancholie über der Kulturhauptstadt auf zwei Kontinenten, selbst in der Ausstellung »Das Grün von Istanbul«. Von der satten Allgegenwart der Pinienparks ist nach brutaler städtischer Expansion nicht viel übrig geblieben. Es sei denn, man fährt nach Yassiada.
Der türkische Staat hat einen Sinn für die Anmut von Kerkern und Gefängnisinseln. Der Ex-PKK-Chef Abdullah Öcalan sitzt heute auf der Insel Imrali im Marmarameer ein. Über Yassiada wölbt sich weit der blaue Himmel. Die einstige Hölle ist von dichtem Grün überwuchert. Eidechsen wuseln, Pflanzen brechen durch die Betonwege, hinter dornigen Sträuchern liegen die ehemaligen Soldatenunterkünfte und Gefangenenbaracken. Die Fenster sind eingeschlagen, die Wände mit Graffiti übersät, rostige Metallbetten kollabiert, die Eingänge von Ameisenhaufen versperrt. Ein atemberaubender Meerblick bietet sich von der gespenstischen Mehrzweckhalle, anfangs eine Turnhalle für Soldaten, dann der Ort des Tribunals, heute der Treffpunkt der russischen Mädchen. Mit kyrillischen Buchstaben haben sich Mascha und Sascha in einem Herz an der Wand verewigt. Von der durchfaulenden Plattendecke hängen lange Klettertaue herunter. Eine riesige Tribüne füllt ein Drittel des Raumes. Einer der angereisten Künstler zieht einen Plan aus der Tasche und zeigt, wo Richter, Anwälte, Angeklagte und die Journalisten damals saßen. Draußen lauschte das Volk am Rundfunkempfänger.
Der Istanbuler Politologe Sahin Alpay war 16 Jahre alt, als die Generäle den konservativen Premier Adnan Menderes stürzten. Seine Familie freute sich über die Stimme von General Türkeş im Radio. Das ist wichtig zu wissen, um die Gräben und Gegensätze in der Türkei zu begreifen. Alpays Vater, Mutter, Tante, Onkel waren säkulare, eher links orientierte Republikaner und als solche strikt gegen den volksnahen Menderes, der im gläubigen Anatolien der Bauern und Handwerker seine Basis hatte. Ankara und auch Istanbul, wo Alpay lebt, huldigten dem Gründervater Kemal Atatürk, seiner Armee und dem säkularen Lebensstil. In den Metropolen der Westtürkei, für die Beamten und Lehrer, in den Augen der Alpay-Familie kam der Putsch als Erlösung von Menderes’ herrischem Regierungsstil, von der jahrelangen Vernachlässigung der Beamtenschicht. Die Eliten hielten den Coup für nötig und trugen die Nachricht nach außen.
So war dann auch der Westen – obschon flüchtig irritiert über die Hinrichtungen – am Ende beruhigt. Der Coup der türkischen Streitkräfte, auch die folgenden Umstürze, waren für viele Europäer und Amerikaner etwas durchaus Begrüßenswertes, für den Erhalt der kemalistischen Republik und zur inneren Festigung des Nato-Verbündeten.
- Datum 04.03.2010 - 14:17 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 07.01.2010 Nr. 02
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Manchmal staune ich, wie sehr gerade die für Kunst und Kultur symbolische Zeitung die ZEIT über die Türkei Dinge schreibt, die entweder unvollstaendig -wenn nicht verzerrt sind-. Statt die Bedeutung der Kulturstadt Istanbul zu unterstreichen und die beiden Imperien, die das Bild von Istanbul praegen,hervor zu heben, lese ich billige Tatsachenberichte (die deshalb keine sind) über die politische Vergangenheit. Denn Adnan Menderes wird leider in einem Lichte dargestellt, das wenigstens für die letzten Jahre seiner Regierungszeit in keinem Falle zutrifft. Denn gerade er war es, der die Demokratie abwürgen und die Opposition aussperren wollte. Ich habe diese leidige Epoche und die anschliessendse Intervention des Militaers voll erlebt. Wenn heute die Türkei in Richtung Demokratie etliche Hürden überwunden hat, so -obgleich paradox klingend- dank der Lehren, die man aus den Interventionen gezogen hat und zwar beiderseits.
Ich haette von der ZEIT erwartet, dass sie über die Wahrzeichen der istanbuler Kultur berichtet, statt dessen stehen im Mittelpunkt die Insel Yassiada und Imrali und die Russinnen, auf deren Gewerbe nicht naeher eingegangen wird.
Hinzugefügt werden muss, dass Imrali eine Freiluft- Strafkolonie war, die auch für westliche Begriffe ein Vorbild bedeutete.
Ich finde es markant, dass just vor dem Beginn der Kulturstadt-Feierlichkeiten Höhlen der naeheren Vergangenheit ausgegraben werden.
Schade füre die Kultur, der Sie sich verpflichtet fühlen.
Ich hoffe, Sie haben Courage gegen eine Kritik von einem begeisterten ZEIT-Leser, den er Ihrem Artikel entgegen bringt.
Manchmal staune ich, wie sehr gerade die für Kunst und Kultur symbolische Zeitung die ZEIT über die Türkei Dinge schreibt, die entweder unvollstaendig -wenn nicht verzerrt sind-. Statt die Bedeutung der Kulturstadt Istanbul zu unterstreichen und die beiden Imperien, die das Bild von Istanbul praegen,hervor zu heben, lese ich billige Tatsachenberichte (die deshalb keine sind) über die politische Vergangenheit. Ich haette von der ZEIT erwartet, dass sie über die Wahrzeichen der istanbuler Kultur berichtet, statt dessen stehen im Mittelpunkt die Insel Yassiada und Imrali und die Russinnen, auf deren Gewerbe nicht naeher eingegangen wird.
Hinzugefügt werden muss, dass Imrali eine Freiluft- Strafkolonie war, die auch für westliche Begriffe ein Vorbild bedeutete.
Ich finde es markant, dass just vor dem Beginn der Kulturstadt-Feierlichkeiten Höhlen der naeheren Vergangenheit ausgegraben werden.
Schade füre die Kultur, der Sie sich verpflichtet fühlen.
Es ist unglaublich !
Zeit.de schafft es nicht, auch nur einen Bericht über die Türkei zu bringen, ohne gleich wieder einen Kübel voller Vorwürfe, Vorurteile und Anmaßungen über das Land zu schütten.
Was, Bitteschön, haben die Militärputsche in der Türkei mit der Kulturhauptstadt 2010 Istanbul zu tun ?
Selbst so positive Ereignisse wie die Feierlichkeiten zur europäischen Kulturhauptstadt werden mit anmaßenden, überhaupt nicht zum Kontext passenden Bemerkungen in den Schmutz gezogen.
Es scheint wirklich in Mode gekommen zu sein, jeden Bericht über die Türkei mit Bashing zu unterfüttern. Egal ob es zum sonstigen Kontext passt oder nicht. Hauptsache das Land und seine Menschen werden schlecht gemacht.
Dieses niveaulose Türkei-Bashing ist wirklich das Letzte !
Hallo an Alle Leser,
ich habe hier mal einen Bericht der Zeit aus dem Jahr 1961.
Ich kommentiere das selber mal gar nicht, lesen Sie sich nur den Artikel aufmerksam durch. :D
http://www.zeit.de/1961/2...
mfg
G.Gürel
CHP Kocaeli il merkez
Istanbul gehört zu denn wichtigsten Zivilisierten groß Städten der Welt ,es ist kein Wunder das Istanbul Kulturhauptstadt 2010 geworden ist!Gerade in dieser Zeit ist es wichtig die schönen seiten Istanbuls zu repräsentieren und auf die Fakten einzugehen in form von "warum" gerade Istanbul 2010 Kulturhauptstadt geworden ist,und welche Absichten dahinter stecken!
Die Stadt feiert denn Frieden,Geschichte,Kultur und die Schönheit Istanbuls während ZeitOnline wieder mal Türken bashing und hetzte betreibt ,in einer Zeit wo die Türken aktiv denn Frieden unterstützen und folglich Europa und Asien vereint.
Ich habe das Gefühl das der Kampf "Türkei nicht in der EU" überall in jeden kleinen Thematik mit Absicht bekämpft wird.
Ich hoffe das Türkei eines Tages EU denn rücken kehrt und sich denn Asiaten wendet ,diese Hetzte ist einfach nicht zu ertragen.Länder wie Bulgarien und Rumänien hat die Europa verdient aber eine Türkei nicht!
... führt auch zu keiner Lösung.
Nur konstruktive Kritik kann etwas bewirken. Alles andere ist zweckloses Geschwätz.
Ich lebe gerade selber für ein paar Monate in Istanbul und kann nun wirklich nicht verstehen, warum 3 Seiten Text daran verschwendet werden, eine kleine Geschichtsstunde über Istanbul zu bekommen.
Das ganze noch unter dem wirklich verlockendem Titel "Kulturhauptstadt wozu?", da denkt man doch an Beschreibungen der schönen Moscheen in Sultanahmet, der Fahrt auf einer Fähre über den Bosporus oder der Basare in Eminönü.
Warum Istanbul nun Kulturhauptstadt 2010 ist würde mir nach diesem Artikel nicht klar werden, schließe ich aber meine Augen, höre ich das Nachmittagsgebet aus einem der vielen Lautsprecher und weiß warum.
Ich war null Jahre alt, als ich in Berlin gemacht wurde. Als Türkin in Deutschland geboren, aufgewachsen und total entfremdet von meiner "Heimat". Die Türkei ist für mich ein Schwarzes Loch. Peinlich, rückständig und überhaupt eine Schande, die im Westen auf Kurdistan zu schrumpfen ist. Man muss mir nur Kurdistan sagen, und ich habe keine Antworten und keine weiteren Fragen. Das Gegenüber scheint mehr zu wissen als ich. Dabei handelt es sich beim Gesprächsgegenstand um meine Heimat. Zur Revanche koche ich im Westen gratis für Obdachlose und andere Penner. Das macht hier in Zürich nur Pfarrer Sieber. Und das nur in Augenblicken, in denen die Kamera auf ihn gerichtet ist. Auch der Westen ist eine Schande. Und peinlich. Denn er hat kein Ohr und keinen Blick übrig für seine eigenen Schwarzen Löcher. Ist mein Beitrag Pathos? Nein, theatralisch, türkisch und legal. Ich sippe weiter am Kaffee und lese weiter...
Herzlich
Schwester Oberin
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