Kohleförderung in New Haven, West Virginia © Saul Loeb/AFP/Getty Images

Grüne, ausgerechnet knallgrüne Werbetafeln weisen den Weg zum Kohlegipfel. Bereits viele Kilometer vor dem Universitätsstädtchen Morgantown säumen sie die schmale Serpentinenstraße, die sich an zahllosen in die spitzen Berge hineingepressten Zechentürmen vorbeischlängelt. "Kohle heißt Leben", steht da in Schwarz auf Grün. Und: "Kohle = Wohlstand, Energie und Fortschritt!"

Ein Bündnis aus Bergbau, Gewerkschaften, Politik und Wissenschaft hat zu einer zweitägigen Konferenz in den Kohlestaat West Virginia (Karte hier) geladen. Am Morgen wird im vornehmen Waterfront Hotel über die goldene Zukunft des schwarzen Gesteins referiert, am Nachmittag im Footballstadion dem jährlichen "Kohlespiel" zugejubelt und am Abend beim "Großen Kohleball" das Tanzbein geschwungen. Alles, was Rang und Namen hat, ist gekommen – der Gouverneur, Senatoren, Abgeordnete und die Präsidenten der beiden Universitäten von Morgantown. Wer in West Virginia etwas werden will, muss sich gut mit der Kohle stellen. Sie finanziert ein knappes Viertel des Haushalts, sie garantiert – zumindest mittelbar – jedem siebten Beschäftigten Lohn und Brot, und sie liefert dem Appalachenstaat nahezu den gesamten Strom, genau gesagt: 98 Prozent.

Ohne Kohle gingen in Amerika die Lichter aus, ohne sie könnte West Virginia dichtmachen. Und trotzdem ist dieses Lebenselixier gefährdet. Denn eine andere Koalition will der Kohle allmählich den Garaus machen. In diesem Bündnis geben ebenfalls Politiker, Industriebosse und Wissenschaftler den Ton an. Nur verkünden sie eine gegenteilige Botschaft. "Kohle = CO₂ = Klimakatastrophe", lautet ihre Losung. Auch diese Koalition hatte soeben zu einem Gipfel geladen, zum Klimagipfel in Kopenhagen. Sie gewinnt an Einfluss, selbst in Washington, und bringt das Kohlebündnis in Bedrängnis.

Kohle gegen Klima – es ist manchmal ein nahezu alttestamentarischer Kampf, in dem scheinbar das Böse und das Gute, Verhängnis und Verheißung, Vergangenheit und Zukunft miteinander ringen. Und es ist zugleich ein hochmoderner Kampf des 21. Jahrhunderts, eine Schlacht um Zahlen und wissenschaftliche Erkenntnisse, um politischen Einfluss und wirtschaftliche Macht.

Die Kohlekoalition gibt den Kampf nicht verloren. Im Gegenteil, in Morgantown rüstet sie zu einer neuen Offensive. Sie weiß, dass sie mit ihrer alten Strategie und ihren alten Parolen nicht mehr siegen kann, dass sie, um zu überleben, umweltverträglicher und attraktiver, also grüner werden muss. Deshalb verspricht sie in Morgantown und überall auf der Welt eine gloriose Zukunft mit sauberer Kohle. In einem aufwendigen Verfahren will sie das schwarze Gestein vom schädlichen Treibhausgas befreien.

Sieben Millionen neue Jobs und eine Billion Dollar Profit vor Augen

Die Zauberformel dafür heißt CCS, carbon capture and storage . Gemeint ist damit eine Technik, mit der bei der Kohleverbrennung das in die Atmosphäre entweichende Kohlendioxid herausgefiltert, zusammengepresst und tief unter die Erde gepumpt wird. CCS, auf diesen drei Buchstaben ruhen jetzt sämtliche Hoffnungen. Mit glühenden Augen berichten auf dem Gipfel in Morgantown alle davon, der Gouverneur, die Gewerkschafter, die Minenbetreiber und die Universitätsprofessoren. In den Gängen des Tagungshotels hängen Computersimulationen einer schönen neuen, klinisch reinen Kraftwerkswelt.

Auch Barack Obama, der Präsident im fernen Washington, setzt auf CCS und macht für deren Erforschung viele Milliarden Dollar locker. Weiß er doch, dass sein Klimagesetz ohne eine Chance für die Kohle im Kongress niemals eine Mehrheit finden würde. Schließlich stammt die Hälfte des amerikanischen Stroms aus Kohlekraftwerken und sitzt sein Land auf gewaltigen Vorräten, die noch 250 Jahre lang reichen würden. Vertreter der Kohlekoalition rechnen ihm vor, wie Bergbau und Energiewerke einstweilen nicht nur Arbeitsplätze und Steuereinnahmen sicherten, sondern auch die Unabhängigkeit von den Öldespotien im Mittleren Osten. Im Waterfront Hotel zieht ein Wirtschaftsprofessor einen zerknitterten Zettel aus der Jackentasche und sagt unter großem Jubel: CCS bedeute sieben Millionen Jobs und eine Billion Dollar Profit. "Vorausgesetzt natürlich", fügt er hinzu, "dass allerorten neue oder umgerüstete Kohlekraftwerke entstehen."