Aus der Welt Radeln für den Frieden
Christian Schmidt-Häuer berichtet heute aus Kolumbien
© Luis Ramirez/AFP/Getty Images

Einer von Hunderttausenden nächtlichen Radfahrern in Bogotá
Ansonsten ist es wie immer in Kolumbien. Zum Beispiel in der Provinzgemeinde Vista Hermosa, Schöne Aussicht. In der Silvesternacht überraschten dort Armeeeinheiten feiernde Farc-Rebellen und töteten 18 von ihnen. Guerilleros hatten kurz zuvor den Gouverneur des Departements Caquetá enthauptet, weil er mit Paramilitärs paktierte. Deren Todesschwadronen wiederum ließen im Südwesten des Drogenlandes einen Fernsehjournalisten erschießen. Im Südteil der Hauptstadt Bogotá, dem barrio de invasión mit Millionen Habenichtsen und Binnenflüchtlingen, geht weiter die Angst vorm Menschenklau um. Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen Hunderte Angehörige der regulären Armee, die ärmste Schlucker aus den Elendsvierteln in Dschungelregionen entführten, exekutierten, als Aufständische verkleideten und sich damit Kopfgelder verdienten. Und wenn es Nacht wird, tritt man auch im reichen Nordteil der Acht-Millionen-Metropole nicht gern aus den Lichterketten der Luxusrestaurants in den Schatten.
Außer beim Nocturno der Radfahrer. Da ist von sieben Uhr abends bis Mitternacht diese heillose Welt plötzlich in Ordnung. Die Ruedas de Noche, die Räder der Nacht, beginnen zu rollen. Mountainbikes springen, Rennräder rasen, rostige Drahtesel zuckeln mit gemütlich plaudernden Familienclans voran, Radler lassen sich von ihren Vierbeinern im angeseilten Rudel ziehen wie im Hundeschlitten. Kleinkinder strampeln auf Dreirädern und Plastikautos. Eltern schieben Kinderwagen im Dauerlauf. Inlineskater umkurven Alte und Schwangere mit traumwandlerischer Sicherheit. Straßenhändler preisen Yuccabrot und Fleischbällchen an. Auf drei Millionen Menschen kann der Strom anschwellen, den wenige Polizisten und viele Studenten über die Septima, die endlos lange Verkehrsader lenken. Der Tod und die Diebe meiden in diesen Stunden die Stadt. Obwohl Letztere zum Jahresende ihre Hauptsaison haben, weil die Menschen Geld für Geschenke einstecken.
So rollt das größte Radspektakel der Welt in einigen Nächten des Jahres durch die Metropole des größten Drogenlabors der Erde, aus dem 70 Prozent der globalen Kokainproduktion kommen. Zu dieser Befreiungsaktion hat vor fünf Jahren eine Stiftung aufgerufen, die sich »Menschliche Stadt« nennt. Die Bogotáner erinnern mit dieser urbanen Selbstverteidigung daran, dass das Wort Bürger von Burg kommt. Mit ihren Radtouren durch die von Drogenhandel und Gewaltverbrechen umzingelte Stadt zeigen sie Flagge, stoßen ins Dunkel vor, streifen die Angst ab.
Die Ruedas de Noche sind schon der zweite Akt eines stolzen Bürgerstücks. An allen Sonn- und Feiertagen durchkreuzen die Bewohner Bogotás seit Jahren ihre Stadt auf pedalgetriebenen Untersätzen aller Art. 120 Kilometer sind für sie von morgens um sieben bis 14 Uhr gesperrt. Die Ciclovía, die Rundfahrt, als Zivilaktion gegen Kolumbiens Erbe der Gewalt hatten Bürger schon 1974 angeregt – noch bevor der Drogenhandel das Land bis in die höchste Staatsführung hinein beschäftigt hielt. Doch selbst als Rauschgiftbarone, Rebellen, Paramilitärs die Hauptstadt über Jahre zu einem der gefährlichsten Orte der Welt machten, wehrten die Bogotáner und ihre Bürgermeister alle Versuche ab, die Ciclovía zu verbieten. Inzwischen schwingen sich Radler auch im übrigen Lateinamerika nach Bogotás Vorbild auf. In Ecuadors Hauptstadt Quito ebenso wie in Mexiko City, wo sie gegen die Umweltverschmutzung anrollen. Während Tausende Radfahrer am Sonntagmittag in Bogotá an den Imbissständen Erfrischung suchen, die Grünstreifen zu Grillstreifen machen oder an den Reparaturzelten einen Platten beheben lassen, nehmen die Asse mit den teuren Rennrädern die Steigungen der Avenida Circunvalar und der Septima in Angriff.
Von dort schaut ein kleines Denkmal auf sie herab. Es ist der Journalistin Diana Turbay gewidmet, der Tochter des Ex-Präsidenten Julio César Turbay. Der allmächtige Drogenboss Pablo Escobar hatte sie im August 1990 zusammen mit anderen Prominenten entführen lassen, um die Regierung zu erpressen. Fünf Monate später starb sie beim tölpelhaften Angriff eines Elitekorps auf das Versteck der Geiseln. Kolumbiens Nobelpreisträger Gabriel García Márquez beschreibt die Tragödie in seiner Nachricht von einer Entführung. Auf dem Denkmal steht: »Diana Turbay Quintero 1950–1991. Sie lebte und starb auf der Suche nach Frieden.« Auf dieser Suche radeln sie Sonntag für Sonntag, die Bogotáner.
- Datum 10.01.2010 - 19:36 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 07.01.2010 Nr. 02
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