Obdachlosigkeit Vor der Tür
Obdachlose bleiben krank, weil der Weg zum Arzt unüberwindbar ist.
Im Sommer mag man die rund 300.000 frierenden Wohnungslosen in Deutschland geflissentlich übersehen, im Winter fällt es schwerer. Jetzt sitzen sie in zugigen Hauseingängen und eiskalten Straßen, riskieren ihre Gesundheit und müssen sich – einmal erkrankt – als Parias der Sprechzimmer fühlen. Sie stehen auch für die Ungerechtigkeit des Gesundheitssystems.
Und die nimmt zu. Eigentlich soll jeder Zugang zu medizinischer Versorgung haben. Doch kranke Obdachlose stoßen oft an Barrieren: Manche Ärzte sehen auffällige und vielleicht streng riechende Patienten nicht gerne in ihren Wartezimmern, viele Wohnungslose können die zehn Euro Praxisgebühr nicht zahlen, und ohnehin macht die Kassenbürokratie ihnen die Aufnahme in die Krankenversicherung schwer. Die beiden letzten Hürden sind das Ergebnis der Gesundheitsreform. Sie hat hoch komplizierte Strukturen geschaffen, die vor allem die Ärmsten ausgrenzen.
Wer lediglich arm ist in unserem Land, muss bereits befürchten, im Schnitt zehn Jahre früher zu sterben als ein Reicher. Menschen, die zusätzlich ohne Dach über dem Kopf dastehen, verlieren nach Schätzungen von Fachleuten sogar fünfzehn bis zwanzig Jahre. Es ist sicher nicht leicht, an diese Menschen heranzukommen. Viele sind alkoholabhängig und psychisch krank, manche nicht unbedingt sozial konform. Gerade deswegen sind mehr niederschwellige Angebote (wie etwa Ärztemobile) nötig. Denn es darf nicht sein, dass in unserer Gesellschaft die Grundvoraussetzung für adäquate ärztliche Hilfe ein konformes Verhalten ist.
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- Datum 07.01.2010 - 08:22 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 07.01.2010 Nr. 02
- Kommentare 14
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Wenn ich das hier lese, fühle ich mich an das US-Gesundheitssystem erinnert. Das ist nicht gut.
Ganz allgemein: Diejenigen, die bürokratische Strukturen und Abläufe planen, scheinen häufig davon auszugehen, dass jeder so in diesen Abläufen zu Hause ist wie sie selbst. Leider (oder Gott sei Dank?) gibt es Menschen, deren Kopf nicht so funktioniert und die diese Strukturen nicht meistern. Die werden dann ohne rechten Grund rechtlos.
Zitat: "Denn es darf nicht sein, dass in unserer Gesellschaft die Grundvoraussetzung für adäquate ärztliche Hilfe ein konformes Verhalten ist."
Heisst im Klartext: ich pfeife auf "konformes Verhalten" und die Anderen können mich mal. Wenns mir allerdings schlecht geht, dann dürfen die Anderen gerne für mich bezahlen...
@tigurinus:
Auch wenn die nicht existente Konformität die sozialen Gruppen differiert und dadurch, wie bei Ihnen ersichtlich wohl zu Recht empört, so darf doch, interpretiere ich den Autor auf meine Weise, es nicht an der notwendigen Humanität mangeln. Homo sapiens sapiens, die "Krone der Schöpfung", sollte auch zum Erhalt der genetischen Diversität, über den eigenen Schatten springen. Oder anders: Hilfe leisten um unnötiges Leid zu mindern. Konformität ist ein Luxus, der gleichzeitig viele Einbußen einfordert. Dennoch ist der durch Konformität erreichte soziale Zusammenhang auch ein mächtiges Schwert. Auch aus dieser Macht erwächst Verantwortung die wir für die Leidenden, ob verschuldet oder unverschuldet in Leid geraten, tragen. Denn sie sind Teil unserer Umwelt und damit unseres Lebens. Sie zu ignorieren weil Ihnen die "Gleichheit" fehlt - ist das in einer ppluralistischen, aufgeklärten und humanistisch-christlich geprägten Demokratie aktuell?
Ich danke Ihnen für Ihren Diskussionsansatz und würde mich über eine Antwort freuen.
...und wer unangenehm riecht oder abgewetzte Klamotten trägt oder fettige Haare oder einen zu langen Bart hat, der hat gefälligst zu [...]!
Irgendwie hatten wir das schon einmal, so vor ungefähr 70 Jahren...
...uärgl!
[Gekuerzt, bitte achten Sie auf Ihre Wortwahl. Danke. /Die Redaktion pt.]
@tigurinus:
Auch wenn die nicht existente Konformität die sozialen Gruppen differiert und dadurch, wie bei Ihnen ersichtlich wohl zu Recht empört, so darf doch, interpretiere ich den Autor auf meine Weise, es nicht an der notwendigen Humanität mangeln. Homo sapiens sapiens, die "Krone der Schöpfung", sollte auch zum Erhalt der genetischen Diversität, über den eigenen Schatten springen. Oder anders: Hilfe leisten um unnötiges Leid zu mindern. Konformität ist ein Luxus, der gleichzeitig viele Einbußen einfordert. Dennoch ist der durch Konformität erreichte soziale Zusammenhang auch ein mächtiges Schwert. Auch aus dieser Macht erwächst Verantwortung die wir für die Leidenden, ob verschuldet oder unverschuldet in Leid geraten, tragen. Denn sie sind Teil unserer Umwelt und damit unseres Lebens. Sie zu ignorieren weil Ihnen die "Gleichheit" fehlt - ist das in einer ppluralistischen, aufgeklärten und humanistisch-christlich geprägten Demokratie aktuell?
Ich danke Ihnen für Ihren Diskussionsansatz und würde mich über eine Antwort freuen.
...und wer unangenehm riecht oder abgewetzte Klamotten trägt oder fettige Haare oder einen zu langen Bart hat, der hat gefälligst zu [...]!
Irgendwie hatten wir das schon einmal, so vor ungefähr 70 Jahren...
...uärgl!
[Gekuerzt, bitte achten Sie auf Ihre Wortwahl. Danke. /Die Redaktion pt.]
dürften wir uns nicht leisten. Es gibt zwar sehr viele Angebote, Obdachlose von der Straße zu holen, damit man sie wenigstens nicht mehr sieht, aber der harte Kern kann nicht mehr in normalen Verhältnissen leben. Wie steht es mit den deutschen Straßenkindern? Wie bei Dickens leben sie in leeren Räumen, verkriechen sich vor der Kälte, haben übelste Drogen- und Saufsitten.... Auch hier wird für die 15.000 Kandidaten schon viel gemacht, aber keiner weiß, wie viele wo leben... http://viereggtext.blogsp...
Die einen wissen nicht,wie sie überleben.
Und die anderen
http://www.welt.de/finanz...
schauen wie sie überleben
Die Gier nach noch mehr hat überhandgenommen. Ignoranz und Egoismus breiten sich immer mehr aus. Die Menschen werden phlegmatisch. Wann werden sie endlich wütend? Viele, sehr viele Menschen wissen wie es in Deutschland um die Politik bestellt ist. Egal ob es sich um die Sozial- Gesundheits-Bildungspolitik etc. handelt. Es wird viel geredet, geschrieben und gemeckert und das schon sehr lange, nicht erst seit diesem Winter. Vereine, die sich sozial engagieren, z.B. bzgl. HartzIV, sprießen vielerorts wie Pilze aus dem Boden. Dennoch sind es nur wenige Menschen, gemessen an der Gesamtzahl, die versuchen aktiv einige Missstände aufzufangen. So gibt es in versch. Städten für obdachlose Mitmenschen kostenfreie med. Versorgung, die von Ehrenamtlichen begleitet werden, z.B. in Mannheim.
naja, das sagt sich oft einfacher als es getan ist. Klar ist die Praxisgebühr ein Problem, aber das was als "konformes Verhalten" bezeichnet wird, ist m.E. ein viel größeres Problem, weil es nämlich, bewusst oder unbewusst, Widerstand bei eigentlich hilfsbereiten Leuten auslöst.
Einige der Obachlosen riechen extrem unangenehm und sind so verschmutzt, so dass es mich anwidert sie zu berühren oder sich ihnen auf mehr als 1m zu nähern. Aus dem gleichen Grund verhalten sich Ärzte oder auch die Fahrer von Rettungswagen und auch Polizisten oft sehr ablehnend gegenüber solchen Personen.
Die denken dabei nicht ans Geld, sondern an den Gestank.
Das ist so ein Art Barriere die die Person um sich hat und die vieles Abblockt. Ich rede jetzt gar nicht von Schuld und will auch nicht auf so eine "soll er/sie sich halt waschen" Rethorik hinaus - aber ich sehe das als ein größres Problem warum die direkte persönliche Hilfe im Alltag bei Obdachlosen problematisch ist.
Ich habe jetzt bei diesen Temperaturen mal wieder einen Rettungswagen gerufen, weil ein halb bewusstloser Obachloser an einer Bushaltestelle lag und sich die meisten Leute nicht kümmerten. (wie üblich waren es zwei eher "alternativ" aussehende junge Männer, die ebenfalls stehenblieben und halfen, während die gute Bürgerschaft naserümpfend und wegschauend weiterzog).
Das klappte auch, aber ich habe schon mehrmals erlebt dass ich mich anschnauzen lassen musste, warum ich für "den penner" einen Krankenwagen oder Polizei rufe.
Sicher gibt es wohnungslosen Menschen, bei dennen die Begegnung zu einer Herausforderung für die eigenen Geruchsnerven werden. Als jemand der beruflich mit Wohnungslosen arbeitet, weiß ich aber, das dies eher die Minderheit ist. Vielen wohnungslosen Menschen sieht man ihre Armut auf den ersten Blick nicht an. Insofern sind die wohnungslosen Menschen, die uns auf der Straße auffallen, nur die Spitze des Eisberges. Armut und Ausgrenzung, auch in ihrer schärfsten Form (des ohne eigene Wohnung leben müssens) ist daher weiter verbreitet als man denkt/wahrnimmt.
Sicher gibt es wohnungslosen Menschen, bei dennen die Begegnung zu einer Herausforderung für die eigenen Geruchsnerven werden. Als jemand der beruflich mit Wohnungslosen arbeitet, weiß ich aber, das dies eher die Minderheit ist. Vielen wohnungslosen Menschen sieht man ihre Armut auf den ersten Blick nicht an. Insofern sind die wohnungslosen Menschen, die uns auf der Straße auffallen, nur die Spitze des Eisberges. Armut und Ausgrenzung, auch in ihrer schärfsten Form (des ohne eigene Wohnung leben müssens) ist daher weiter verbreitet als man denkt/wahrnimmt.
@ #6: Dass diese Leute oft nicht besonders gut riechen mag ja sein. Der eigentliche Skandal, das Beschämende ist jedoch, dass ein moderner Staat nicht in der Lage ist, dafür zu sorgen, dass jeder seiner Bürger satt zu essen, ein Dach über dem Kopf und ein Mindestmaß an gesellschaftlicher und kultureller Teilhabe hat.
So wie es aussieht, sind Obdachlosigkeit, Working Poor und Hartz-IV-Elend jedoch durchaus gewollte Bestandteile von Europa, Globalisierung und Agenda 2010: Sie sollen Angst bei den Noch-Arbeitsplatzinhabern erzeugen, damit sie den Wünschen der Arbeitgeber gegenüber gefügiger sind.
Fokko vom Fantasy-Blog/Selbstversorger-Blog
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http://fokko.wordpress.com/
http://selbstversorger-bl...
@tigurinus:
Auch wenn die nicht existente Konformität die sozialen Gruppen differiert und dadurch, wie bei Ihnen ersichtlich wohl zu Recht empört, so darf doch, interpretiere ich den Autor auf meine Weise, es nicht an der notwendigen Humanität mangeln. Homo sapiens sapiens, die "Krone der Schöpfung", sollte auch zum Erhalt der genetischen Diversität, über den eigenen Schatten springen. Oder anders: Hilfe leisten um unnötiges Leid zu mindern. Konformität ist ein Luxus, der gleichzeitig viele Einbußen einfordert. Dennoch ist der durch Konformität erreichte soziale Zusammenhang auch ein mächtiges Schwert. Auch aus dieser Macht erwächst Verantwortung die wir für die Leidenden, ob verschuldet oder unverschuldet in Leid geraten, tragen. Denn sie sind Teil unserer Umwelt und damit unseres Lebens. Sie zu ignorieren weil Ihnen die "Gleichheit" fehlt - ist das in einer ppluralistischen, aufgeklärten und humanistisch-christlich geprägten Demokratie aktuell?
Ich danke Ihnen für Ihren Diskussionsansatz und würde mich über eine Antwort freuen.
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