Konzeptkunst in Israel "Moni, I love you"

Eine andere Art von Auftragskunst: Gegen 30 Euro sprühen Palästinenser ein Graffito auf den israelischen Grenzwall

An der Mauer zwischen Westjordanland und Israel darf sich jeder verweigen - und immer ist es politisch

An der Mauer zwischen Westjordanland und Israel darf sich jeder verweigen - und immer ist es politisch

Nur weil es kein Kunstprojekt ist, muss es noch lange nicht keine Kunst sein. Die Internetseite www.sendamessage.nl bietet an, gegen Gebühr von 30 Euro eine Nachricht von maximal 80 Zeichen an eine Mauer sprühen zu lassen. Dabei handelt es sich keineswegs um eine Garagenwand in Schwäbisch Gmünd, sondern um die Mauerabschnitte, die das Westjordanland von Israel trennen. Sie bilden rund zehn Prozent der 700 Kilometer langen Sperranlage, die Israel vor Anschlägen schützen soll. Banksy, der inzwischen nicht mehr ganz so unerkannte britische Straßenkünstler, hat die acht Meter hohe Mauer als »ultimativen Aktiv-Urlaub für Graffiti-Künstler« gepriesen und dort gleich neun seiner weltweit höchstgehandelten Sprühwerke hinterlassen. Eine Leiter etwa oder ein Mädchen, das Luftballons über die Grenze trägt. Neben Banksy also könnte sie stehen, die eigene Gedankenbrut, ästhetisch geadelt, für nur 30 Euro. Monetär betrachtet Kleingeld für einen einzelnen Menschen, doch moralisch ein Vermögen für die Menschheit. Denn jeder Spruch auf dieser Mauer wird qua Kontext zum politischen Statement und ist außerdem reinste Konzeptkunst. Die Ausführung nämlich liegt in den Händen und Sprühdosen eines Dutzends Palästinenser, die meisten von ihnen Studenten. Diese, heißt es auf der Internetseite, wollen »Ihnen eines zeigen: wir sind Menschen, so wie Ihr, mit Humor und Lebenslust. Dafür sprühen sie. Und sie tun es mit Freude.« Zusätzlich behalten sie ein kleines Taschengeld, der Rest geht an Nichtregierungsorganisationen in Palästina.

Zum Beleg, dass die Nachricht auch wirklich auf der Mauer gelandet ist, bekommt man drei Fotos gemailt, Auflösung 2048 x 1536 Pixel, Wartezeit bis zu zwei Monaten. Der Andrang ist groß, die Patrouillen des Militärs häufig, und natürlich soll niemand zu Schaden kommen. Auf Wunsch werden die Fotos auch direkt an die Adresse eines Freunds oder Freundin gesendet. Diese, so die Gebrauchsanleitung auf der Internetseite, könne man dann »mit einer persönlichen Nachricht« überraschen. Zum Beispiel mit dieser: »Cindy and Marc just got married today 20/10/2007«. Oder: »Elisabeth & Jakob forever in my heart«. Diffamierende Texte werden nicht gesprayt. Erwünscht dagegen sind positive Nachrichten, Botschaften der Liebe, »Moni, I love you«.

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Ausgebrütet hat das Projekt ein Team von holländischen Kommunikationsberatern. Fraglich nur, wer der Adressat ist. Terroristen? Die israelische Regierung? Weit gefehlt. Es sind die eingeschlossenen Palästinenser. Denn, so die Gebrauchsanleitung weiter: »Mit Ihrem Text schenken Sie Hoffnung.« Das freilich kann man sich lebhaft vorstellen. Welcher Palästinenser, dessen Ackerland die Mauer durchtrennt, sollte nicht Hoffnung schöpfen, wenn Cindy und Mark, mit palästinensischer Lebenslust gesprüht, sich ewige Treue versprechen, wenn Mette, Alex, Suzie und Rosa schwören: »friends 4ever«? Und nun sage noch einer, Kunst verändere nicht die Gesellschaft.

 
Leser-Kommentare
  1. Natürlich enthebt dieses Projekt nicht jeden einzelnen von uns der Verantwortung, das persönliche Umfeld über Kriegsverbrechen, Landraub, Wasserdiebstahl Israels zu informieren.

    Besser als Nichtstun ist es dennoch allemal.

  2. ... auf Israel und die Mauer wäre gar nicht nötig. So schützt sie die Israelis ziemlich effektiv gegen Bombenanschläge durch Selbstmordattentäter. Nicht schön, aber notwendig.

    ([...] Bitte verzichten Sie auf Pauschalisierungen. Danke. Die Redaktion/sh)

  3. Auch diese Mauer wird einst in einem Museum landen und in Brocken an Touristen verkauft werden.

  4. wir reden hier von geschaeft. nach allen regeln der kunst aufgezogen. die vorgebliche politisierung durch den hinweis auf die unterstuetzung der ngos wird schon ihren teil dazu beitragen, die umsaetze so sehr zu steigern, dass letztlich mehr renite erwirtschaftet werden, als es ohne diesen werbewirksamen schachzug moeglich waere. 30 euro fuer ein graffito muessen den kunden ja irgendwie als sinnvolle anlage verkauft werden. ohne diesen politischen effekt wuerde es sonst womoeglich den ein oder anderen auftraggebern als bauernfaengerei erscheinen, diesen betrag fuer einen spruch auf einer kilometerlangen mauer zu berappen und nichts dafuer zu erhalten als ein foto. meine anerkennung der crew, die sich dieses buisness ausgedacht hat.

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  • Quelle DIE ZEIT, 07.01.2010 Nr. 02
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  • Schlagworte Israel | Palästinenser | Aktivurlaub | Gebühr | Westjordanland | Palästina
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