Wie Literatur entsteht Auf der Suche nach dem, was wir sind
Was braucht es, damit große Literatur entsteht? Keine besonderen Umstände und auch keine Repression. Eine Erwiderung
In ihrem Essay »Der klassische Held und die Freiheit« beschrieb die aus der DDR stammende Autorin Julia Schoch (Jahrgang 1974) in der vorigen Ausgabe (ZEIT Nr. 1/10), warum große Literatur besonders gut im Widerstand gegen einen repressiven Staat entstehen kann. Hier antwortet ihr der 1967 in Frankfurt am Main geborene Andreas Maier, der zuletzt den Roman »Sanssouci« veröffentlichte und von dem im Frühjahr »Onkel J.: Heimatkunde« erscheint. Am Beispiel von Thomas Mann demonstriert Maier, dass man selbst im Zeitalter der mörderischen Superlative, dessen Zeitgenosse Mann war, nicht über das »Zeitalter« schreiben muss, um große Literatur zu erschaffen. Ziel des Schriftstellers müsse vielmehr ein Leben sein, das ein Werk hat
Dringlichkeit besteht immer«. Wir leben im Zeitalter des Sloganeerings. Kaum einer ist in diesem Bereich besser als die Popband Tocotronic. Zum guten Sloganeering gehört die zeitweilig völlige Unangreifbarkeit des Slogans. Das schaffen die Tocotronics meist. Sie schaffen es allerdings auch nicht mehr ganz so hundertprozentig wie am Anfang ihrer Karriere. »Pure Vernunft darf niemals siegen«. »Aber hier leben, nein danke«. »Mein Ruin ist mein Gewinn«. Heute kann man alle diese Sprüche auf T-Shirts sehen, die kauft man auf der Tocotronic-Internetseite, und dann kann man damit herumlaufen und auf Tocotronic-Konzerte gehen. Aber wenn der Slogan damit beschäftigt ist, seine eigene Autarkie zu suchen, dann ist er meist schon am Verenden. Er muss eine Masse aufwiegeln, dann funktioniert er. Am Anfang ist nur Kraft und keine Angst vor Einspruch. Diese Zeit hat Tocotronic auch schon wieder längst hinter sich: »Ich möchte irgendwas für dich sein – am Ende bin ich nur ich selbst.«
Ich habe die berühmten Zeitenwenden der vergangenen Jahre nicht gefühlt
»Wir leben im Zeitalter des«. Damit fängt es schon an. Wer sucht die Zeichen, Aufkleber, Vignetten für ein Zeitalter? Das Zeitalter entsteht im öffentlichen Gespräch, im Diskurs, es liegt knapp unterhalb des Slogans, hat ein wenig mehr Material, ein wenig mehr Stoff, es enthält ein bisschen Erzählung, aber nur wenig. Rainald Goetz hat mir neulich sehr deutlich klargemacht, in welchem Zeitalter er von 2000 bis 2009 lebte (Loslabern, Suhrkamp). Es waren die Nullerjahre für ihn, die Jahre der Blasen, die Jahre der Finanzmärkte, keine Punkjahre, keine Chaosjahre – für Rainald Goetz waren es auch keine Jahre mit Melodie, mit Form, mit Anarchie, mit Zerbrechen. Es waren Jahre voller Widerlinge in Bankergewändern, die in erster Linie leblos waren und deren Partys keinerlei Spaß machten, bis hin zum trostlosen Nuttenaufwand. Goetz hat völlig recht, insofern er künstlerisch ein ausgesprochener Öffentlichkeitsjunkie ist, der es sich zum Vorsatz gemacht hat, die öffentliche Erzählung des Zeitalters dem Zeitalter zu erzählen und, kurz gesagt, um die Ohren zu hauen. Aber mein Zeitalter war es trotzdem nicht. Ich rede nicht von Lebensgefühl, wenn ich sage, dass ich mehr oder minder vollkommen in derselben Welt lebe, in der ich auch, sagen wir, 1980 gelebt habe. Es gibt, wenn man so will, stets den Bogen von Johnny Rotten bis hin zu weiß nicht wem, von der Schlaghose über die Nichtschlaghose bis hin zur Schlaghose. In der Gesellschaft hat sich »wahnsinnig viel« getan. Es ist aber auch eine Tatsache, dass sich in meiner Stammkneipe bis auf dieEinführung von Bratkartoffeln nicht allzu viel geändert hat. Unsere Atomkraftwerke sind auch noch dieselben. Es gibt jede Menge Menschen, für die Öffentlichkeit gar nicht in dem Sinne existiert, dass diese zu ihrem Zeitalter würde.
Ich habe Menschen in Brandenburg kennengelernt, die abseits der Zeitenwenden ihr Leben von jetzt und von vor dreißig Jahren nicht wesentlich anders beschreiben würden. Ich kenne einen Philosophieprofessor in München, jünger als ich, der bislang nicht auf den Gedanken gekommen wäre, etwas wie dem Mobiltelefon oder dem Internet eine Bedeutung zuzuschreiben, die über die einer Briefmarke oder eines Poststempels vor 30 Jahren wesentlich herauskommt. Wir haben damals von Briefmarken und Poststempeln, meiner Erinnerung nach, keinerlei Aufhebens gemacht. Andere reden darüber, als sei es die Welt und mache das Dasein aus. Wenn man (etwa so hat mein Münchner Bekannter es einmal gesagt) den Fernseher ausschaltet, hat man schon sehr viel ausgeschaltet. Rainald Goetz hat seinen einmaligen (und nur einmal möglichen) Umgang damit gefunden. In Wahrheit ist er gerade dadurch, dass er sich im öffentlichen Gespräch untergehen lässt, diesem Untergang ziemlich geschickt entkommen.
Für mich, auch wenn ich nicht immer nur in der Stammkneipe herumsaß, gab es nicht einmal die berühmten Zeitenwenden der vergangenen Jahre. Ich habe sie nie gefühlt. Meine Welt wurde dadurch nie eine andere. (Das wird sie jeweils durch völlig anderes.) Als der über die Maßen berühmte Anschlag in New York verübt wurde, saß ich gerade mit Arnold Stadler in einem Boot auf dem Comer See, und er entwickelte mir seine für mich bis heute geltende Anschauung, dass es schon sehr sehr viel für einen Menschen/einen Schriftsteller sei, wenn er zwei Dinge habe: ein Leben und ein Werk. Er meinte es empathisch: ein Leben, das sich im Schreiben selbst erarbeitet, das sich im Arbeiten am Wort selbst erschreibt. Ein Leben, das ein Werk hat, im Sinne des christlichen laborare. Ein Leben, sei es ein leidendes, sei es ein nicht leidendes, das sich selbst als Werkstück nimmt und mit der gemäßen Ruhe (und nicht allzu vorschnell) vor sich hinarbeitet. Ein Merkmal des laborare, eines seiner Ziele ist nämlich, dass es die Seele schützen soll vor Hysterie und Selbstverlust. Vor Untergang im Gehudel vor dem Goldenen Kalb, wie es vielleicht Thomas Mann sagen würde. Thomas Mann hatte auch ein Leben, und er hatte ein Werk, ähnlich wie Stadler selbst. Und was für ein Leben hatte dieser Thomas Mann! Damit meine ich nicht all die Eckdaten und öffentlich erzählbaren Motive seiner Lebensgeschichte, die Flucht, das Exil mit Adorno und so weiter, die Künstlertreffen in Pacific Palisades, nicht die Patrizierfamilie. Das ist kein Leben. Das klingt nur gut. Das sind öffentliche Zusammenstellungen von öffentlichkeitstauglichen Vignetten, die man an ein Leben dranheften kann (mehr kann Öffentlichkeit sowieso nicht, sie hat nur einen Atem, der – fast immer – nur für Slogans oder zur Ikonenzeichnung reicht). Daraus wird dann höchstens ein Breloer-Film. Ich meine vielmehr die innere Lebensbewegung, die Schreibbewegung Thomas Manns, an die man aber nur herankommt, wenn man den Mann seiner Vignetten erst einmal entkleidet, ihn entbreloerisiert.
Heute höre ich oft Menschen rufen, Mann sei ein erbärmlicher Wicht und ein Feigling gewesen und überdies familiär eine Sau, und Generationen von Homosexuellen müssten leiden, weil er sich nicht bekannt habe zu seinen »Hunden im Souterrain«. Das sind die anderen Vignetten. So einfach ist das also. Ja, aber er hatte ein Leben, und er hatte ein Werk, sonst hätte ich nicht Jahre meines Lebens und bis heute mit ihm leben können als mit jemandem, der meinem Leben weitaus mehr Atem und Nahrung geben kann als jede öffentliche Erzählung über ihn. Thomas Mann ist keine Romanfigur.
Und er ist auch kein Zeitalter-Schriftsteller. Wenn ich Thomas Mann lese, auch wenn ich den »Zeitroman« Zauberberg oder den Doktor Faustus lese, stoße ich durch die Zeitgeschichte, die beide Werke natürlich jederzeit mittransportieren (und teils mit erheblicher Dringlichkeit in den Vordergrund rücken wollen), doch immer wieder hindurch in ein viel weiter dahinterliegendes Selbstgespräch, das mit ganz anderen, wesentlich grundlegenderen Dingen zu tun hat. Ja, für die einen ist Mann immer ein Breitwand- und letztlich Gemütlichkeitsautor mit höchstens onkelhaftem Humor, und für mich war er schon immer eine der Personen, denen ich in meinem Leben stets mit am meisten vertraut habe, weil ich immer gesehen habe, wie er mit sich um eine ganz bestimmte Haltung ringt, wie er diese Haltung mit der Zeit erst wirklich findet, wie er nie vorschnell einen Summenstrich zieht und vor allem wie er, der Zauberer, sich selbst nie etwas vorgaukelt. Der Roman Thomas Manns ist nicht sein Leben, der Roman Thomas Manns wäre vielmehr der innere Zusammenhang und die Entwicklung seiner Romane und seines epischen Vermögens und die stets zunehmende Thematisierung seiner eigenen Camouflage und seines eigenen Gauklertums. Da steht ein Mensch dem Leben (auch seinem) gegenüber, den Worten und dem Sein, und er sieht eine Aufgabe darin, für sich einen Weg zu finden. Manchmal halte ich Thomas Mann für eine Art Orpheus. Als spreche hinter den Worten noch einmal etwas zu mir und wolle mir eine Haltung mit auf den Weg geben. Nicht aus der Dringlichkeit eines Zeitgeistes oder eines Zeitalters heraus, sondern aus einer archetypischen, sehr hart erprobten, sehr weit infrage gestellten und letzten Endes doch unabweisbar richtigen Liebe heraus. Einem Ja zu den Dingen, das hinter allem, auch dem »20. Jahrhundert«, dennoch gesagt werden kann. Oder muss. Oder sollte. Es ist dasselbe Ja, das Gott in der Genesis spricht, wo er, indem er die Menschen schafft, ja alles Übel schafft, das wir, die Menschen, sind. Dass wir in erster Linie stets und immer mit uns zu kämpfen haben und nicht immer nur mit dunklen Geschichtsmächten, kann das wirklich, je nach Dezenniumszusammenhang, in Vergessenheit geraten? Was bin ich denn, bin ich etwa gut? Die dunklen Mächte können hinzukommen und kommen auch stets massiv hinzu (sie rühren ja aus demselben, was ich selbst bin), aber das entkleidet mich nicht der noch grundlegenderen Frage, als die ich und wir alle umherlaufen. Da hilft keine Bundesrepublik und kein 20. und 21. Jahrhundert weiter, keine nationalsozialistische Geschichte, kein Geldwesen, nicht die Tatsache, dass es die DDR gab und jetzt nicht mehr gibt, da helfen keine Dezennien.
- Datum 07.01.2010 - 13:31 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 07.01.2010 Nr. 02
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sehr gut gedacht und sprachlich gewandt gesetzt! ein ungewöhnlich einfühlsamer artikel - das prädikat ungewöhnlich, weil so selten zu finden, gerät dabei beinahe zur negation!
Für einen Naturwissenschaftler handelt es sich hier eigenwillig gewundene Betrachtungen und Themaverfehlung. Große Literatur handelt i.d.R. von der "conditio humana", wie sie ein Schriftsteller empfindet und sprachlich vermitteln kann. Dann lernt man staunend über sich selbst. Andere Literatur ist unterhaltend, amüsierend, aber vielleicht nicht klebrig i.S. von unauslöschlich. Wer vergißt schon Mann, Grass, Morrison, Faulkner, Proust, Hemingway, Müller oder Cotzee, um nur paar zu nennen. Wenn man am Bücherschrank vorgeht, und es fallen einem allein beim Blick auf die Buchrücken ganze Gechichten, dann ist der Bezug zur eigenen Person hergestellt: große Literatur eben.
In der Tat kann die Einführung der Bratkartoffel in einer Stammkneipe ein weitaus größeres und einschneidenderes Erlebnis darstellen, als ein von Wahnsinnigen verübter Terroranschlag mit über 3000 Toten. Es ist sinnlos, sich darüber Gedanken zu machen, wohin die Gedankenreise dieses Autors führt - sie führt nirgendwo hin, wie stets, und so soll es wohl auch sein. Das bißchen Provokation ist dem Zeitgeist geschuldet, den man verachtet und dem man dient, aber selbst das wird immer schön postmodern verklausuliert und ohne echten Standpunkt:
[Rest entfernt, bitte bleiben Sie höflich/ Redaktion; svb]
Dr. Fisch
Thomas Mann hat den Puls seiner Zeit zu formulieren nicht umgangen, weil er sich bewusst dagegen, vielmehr, weil er an ihm nicht teilgehabt.
Seine Augenhöhe bewegt sich weit über der jener Menschen, die er als gesellschaftliches Mittelmaß bezeichnet hätte.
Er bleibt wage, ironisch, unklar, hintergründig -
und damit seinem Zeitgeist versehentlich treu.
Thomas Mann kommt aus dem Nirgendwo und auch dahin verliert er sich wieder.
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