Jugendbuch von Karlijn Stoffels

Luisa in der Gummizelle

Karlijn Stoffels erzählt mit leichter Hand von der Welt, die hinter den Blumenrabatten einer Jugendpsychiatrie liegt

Neulich brüllte eine Frau im Zug in ihr Handy: »Mein Therapeut sagt sowieso, ich muss mich mehr öffnen!« Danach erzählte sie gut hörbar, was ihr während der letzten Sitzung alles an sich aufgefallen war. Therapien dürfen heute in der Konversation nicht fehlen. Ohne Therapie wirkt man in manchen Kreisen so, als hätte man keine Frisur. Kinder aber, die einmal zur Therapie mussten oder gar in die Psychiatrie, würden in der Schule oder unter Freunden nie und nimmer darüber munter berichten. So genau will es ja auch niemand wissen. Kinder, die Hilfe brauchen, werden Erwachsenen nicht selten sehr fremd. Hört man, dass Kinder zur Therapie müssen, denkt man an überempfindliche Eltern (»Jonas hat eine Drei in Mathe. Ist er womöglich depressiv?«) oder an junge, vom Schicksal verdrehte Kids, die um sich schlagen, spucken, wirres Zeug reden. Kleine Monster. Ihnen widerfährt, was Kafka in der Verwandlung beschrieben hat: Sie werden Käfer, unverstandene Wesen, zurückgestoßen an der Grenze zur guten Gesellschaft. Über solche Kinder hat die niederländische Jugendbuch- und Bestsellerautorin Karlijn Stoffels ein Buch geschrieben.

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Sie erzählt aus der Sicht der 15-jährigen Luisa von einer Welt, die hinter den Blumenrabatten einer psychiatrischen Klinik für Kinder liegt. Das Buch beginnt mit einer seltsamen Szene. Luisa sitzt in der Gummizelle. Gerade noch hat sie versucht, sich vom Meer »verschlucken« zu lassen. Jetzt bewegen sich weiche Wände auf sie zu. »Ein hohes Summen dröhnt in meinem Hirn herum«, beschreibt sie. »Ich kann dem nur dadurch ein Ende machen, dass ich mit der Stirn gegen irgendwas haue.«

Luisa klingt für sie wie Loser. Luisa ist ein Mädchen, das sich mit schwarzen Netzstrümpfen und lila Lippenstift einen schwarzen Dresscode zugelegt hat. Dass ihre Welt nichts mit hippem Coaching zu tun hat, wissen die jungen Patienten: »Wenn man im Krankenhaus liegt, bekommt man von allen Blumen und Briefe, und deine Klasse kommt zu Besuch und bringt dir einen Obstkorb. Ist man in einer psychiatrischen Klinik, dann ist es für die Außenwelt genauso, als wäre man tot.« Luisa, die ihre Netzstrümpfe bald gegen eine rosa Jogginghose tauscht, ist von allem angekotzt: Da schleppt auch noch ihr Therapeut, in den sie verliebt ist, seine Frau in die Klinik. Ihr Kommentar: »Liebe bei Verrückten, das nennt man Übertragung.«

Die pure Subjektivität, mit der Luisa erzählt, macht es dem Leser natürlich schwer, zwischen Realität und Einbildung, der Einschätzung einer verängstigten Protagonistin und vermeintlichen Tatsachen zu unterscheiden. Aber über welche Tatsachen sollte man hier objektiv aufklären können? Die Grausamkeit der Situation liegt ja gerade darin, das nicht unterscheiden zu können. Stoffels verzichtet zum Glück auf jede Analyse, sie erzählt stattdessen mithilfe eines eigenartigen Mädchens und mit einer fast schon perversen Leichtigkeit von der ungeheuren Anstrengung zu existieren. Und Luisa ist nicht die Einzige, die kämpft. Hassan, ein anderer junger Patient, wickelt sich in Decken ein und wünscht sich in den Bauch der Mutter zurück. Daniel, der schweigsame Neuling, war ein Klaviergenie, dessen Eltern ihn von einem Wettbewerb zum nächsten zerrten. Täglich übte er acht Stunden am Klavier, bis er einen Motorradunfall hatte, seitdem hat er keinen Ton mehr gespielt oder gesprochen. Als er endlich doch etwas sagt, hat er einen Punkt gemacht. »1:0 für die Idioten!«, kommentiert Luisa. Aber das bedeutet noch kein Happy End.

Es ist eine sehr zarte Innenansicht extremer Seelenlagen, die Stoffels, gerade weil sie auf glückliche Wendungen verzichtet, gelungen ist. Das macht die Geschichte umso grausamer. Denn es bleibt einem nichts anderes übrig, als sie zu glauben.

Karlijn Stoffels: 1:0 für die Idioten

Beltz & Gelberg, Weinheim 2009; 164 S., 12,95 € (ab 14 Jahren)

 
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    • Von Andrea Hünniger
    • Datum 12.1.2010 - 12:42 Uhr
    • Quelle DIE ZEIT, 07.01.2010 Nr. 02
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    • Schlagworte Literatur | Jugendliteratur
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