Luchs Nr. 276 Ja, ich falte ein Papierschiff
Der Künstlerin Julia Friese reicht eine Badewanne, um ein Mädchen auf eine weite Reise zu schicken. Von Franz Lettner
Das Meer ist ein beliebter Übungsplatz für Helden: Abenteurer, die sich auf dem Wasser gegen übergroße Fische, Wellen oder Schurken beweisen müssen, stehen oft im Mittelpunkt von literarischen und filmischen Klassikern. Zugleich ist das Rauschen des Meeres gerne die Hintergrundmusik in Erzählungen über die Sehnsucht nach dem geliebten Menschen. Eine Badewanne dagegen ist ein arg begrenzter Ort, hundert Liter machen noch keinen Ozean. Und die Fische, Enten oder Schiffe, die um den Badenden schwappen, sind immer nur aus Plastik. Dass aber das Bad – neben dem Bett – ein bevorzugter Platz ist, um von dort aus kraft der Fantasie in weite Fernen zu schippern, wissen wir aus eigener Erfahrung – und Bilderbüchern. In ihnen wird der Topos einer Reise übers Wasser, die in der Badewanne ihren Ausgang nimmt, immer wieder variiert. Selten allerdings so souverän wie in Papierschiff ahoi! von Jorge Luján und Julia Friese. »Ja – ich falte ein Papierschiff«, lässt der argentinische Autor und Musiker Luján seine Heldin sagen und macht damit gleich den emotionalen Überschwang deutlich, den er ihr mit an Bord gibt.
Der Autor Christian Duda hat mit Julia Friese schon vor drei Jahren an dem Bilderbuch Alle seine Entchen gearbeitet, diesmal hat er den kurzen Text Lujáns ins Deutsche übertragen und dabei den unbedingten Ton und den rauen Rhythmus mitgenommen: »Egal ob’s regnet oder spitze Felsenklippen aus hoher See aufragen oder wilde Wasser wüten«, heißt es, und man meint, die Gischt im Gesicht zu spüren.
Auf dem zweiten Bild besteigt die Heldin ihr Papierschiff und lässt sich vom Wasserstrahl aus dem Duschkopf hinaustreiben aufs offene Meer. Mit Kaltnadel und Kraft hat die 30-jährige Grafikerin und Illustratorin die Bilder vom Mädchen auf dem Meer radiert und in so unterschiedlichen Tönungen von Blau und Türkis eingefärbt, dass man versinken möchte in ihrem Element. Linienführung und Farben erzeugen Ruhe, wenn Flaute ist, und Spannung, wenn der Sturm aufkommt. Julia Friese stammt aus Leipzig, sie hat in Dublin, Bilbao, Barcelona studiert und gearbeitet. Sie nimmt die Bewegtheit des Textes auf und verstärkt sie durch Bildausschnitte: Wenn das Mädchen das Fernglas ans Auge setzt, sind wir ganz nah bei ihr, wenn sie erschöpft auf den Wellen treibt, sehen wir sie klein auf dem Wellenpanorama.

Dass Papierschiff ahoi! mehr ist als eine abenteuerliche Fahrt ins Blaue mit einem Häschen als Begleiter, dass vielmehr die Sehnsucht der Heldin nach einem größeren Freund mit an Bord ist, wird spätestens klar, wenn es heißt: »…ich werde mit lauter Sirene in deinen Hafen fahren… Ich schwörs.« Und so ist es. Am Ende, das Schiff droht aufgeweicht unterzugehen, wirft ein Junge vom Steg her einen Rettungsring, und schon liegen sich zwei in den Armen.
Das letzte Bild zeigt wieder die Badewanne – leer. Nur Pfützen deuten darauf hin, dass es hier eben noch stürmte. Das Mädchen ist weg. Vernünftige Leserinnen und Leser werden denken: Klar, sie liegt jetzt, müde von der Kopfreise, im kuscheligen Bett. Jene aber, die vielleicht zur zweiten Lektüre die Rockband Element of Crime aufdrehen würden – »Drüben am Horizont schwindet eine Landschaft / Ein Schnitt in die Brust ist der Abschied, doch diesmal fällt er aus / Ich will mehr für dich sein als eine Schleusenbekanntschaft / Diesmal, mein Herz, diesmal fährst du mit« –, also die wissen, wovon die Geschichte von der kleinen Badenden erzählt. Sie setzen sich in die Wanne, öffnen den Wasserhahn und reisen ihr nach.
- Datum 07.01.2010 - 11:11 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 07.01.2010 Nr. 02
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Dummerweise habe ich mein Papierschiffchen "Titanic" getauft. Und danach ein paar Kugeln Palatini-Eis in die mit eiskaltem Wasser gefüllte Wanne geworfen.
Was meinen Sie wohl, was dann passierte?
Die Crew (der Kapitän war nicht der letzte!) und die Kreuzfahrt-Gäste sprangen freiwillig über Bord und ließen sich das flüssig gewordene Eis munden.
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