Claude Lanzmann Eine kleine Warnung an den Rowohlt Verlag

In Frankreich sind die Memoiren Claude Lanzmanns das Buch des Jahres, bald schon erscheinen sie auf Deutsch. Doch verfälschen sie die Nachkriegsjahre des Intellektuellen

Claude Lanzmann

Claude Lanzmann

Claude Lanzmanns im Pariser Verlag Gallimard erschienene kolossale Autobiografie Le lièvre de Patagonie (Der patagonische Hase) ist in Frankreich sowohl vom Nachrichtenmagazin Le Point als auch dem Buchmagazin Lire zum Buch des Jahres gewählt worden. Von der Kritik gefeiert und von vielen Hunderttausend Franzosen gekauft, ließ das Buch keinen Zweifel daran, dass der Regisseur von Shoah auch im hohen Alter zu den führenden Intellektuellen Europas zählt: ein institutionalisiertes Gewissen, wenn es um die nationalsozialistische Judenverfolgung geht. Und genauso im Falle alltäglichen Antisemitismus der Gegenwart, wie etwa bei der umstrittenen Nominierung Faruk Hosnis zum Unesco-Präsidenten, gegen die Lanzmann lautstark protestierte.

Im Rahmen der Berliner Lektionen trug Lanzmann vergangenes Jahr Auszüge aus den Memoiren vor. Er berichtete über seine Erfahrungen an der Freien Universität Berlin (FU), wo er 1949 als Dozent angestellt war. Unmissverständlich machte der Zeitzeuge klar, das vermeintlich demokratische Milieu von Berlin-Dahlem sei in Wirklichkeit ein brauner Sumpf gewesen – angefangen schon beim Rektor Edwin Redslob. Diesen Mann und die scheinbar untragbaren Verhältnisse an der FU hatte sich der junge Lanzmann Anfang 1950 in einem Artikel für die im sowjetisch kontrollierten Ostsektor erscheinende Berliner Zeitung vorgeknöpft. Die Veröffentlichung erhielt zusätzliche Brisanz, weil die Redaktion ihr ein Widmungsgedicht an Emmy Göring zur Seite stellte, das aus Redslobs Feder gekommen sein sollte. Befriedigt erklärte Lanzmann, wie der Skandal, den er vor gut 60 Jahren ausgelöst haben will, seinem Höhepunkt entgegengesteuert sei: »Der Rektor wurde unverzüglich entlassen, und nicht wenige teilten sein Schicksal.«

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Die schöne Geschichte löste begeistertes Einvernehmen aus. Aus heutiger Sicht scheint die Sache plausibel: Da entlarvt ein kaum 23-jähriger Jude – heute zu Recht ein berühmter Mann – einen pseudodemokratischen Altnazi mit komischem Namen – den heute keiner mehr kennt. Warum sollte nicht auch einmal die Gerechtigkeit siegen? Lanzmann hatte seinen Berliner Vortrag kaum beendet, da verbreiteten die großen deutschen Zeitungen die Nachricht über den einstigen Sturz des FU-Rektors. Lanzmann selbst kolportierte Varianten seiner Tat in Interviews. Die Berliner Zeitung druckte den Text von 1950 wieder ab. Die ZEIT dokumentierte Auszüge der Berliner Lektion, Sinn und Form brachte sie in voller Länge. Jetzt wurde noch der dürre Wikipedia-Eintrag zu Edwin Redslob entsprechend verändert.

Vehementer Zuspruch, revidierte Geschichte – verhallte Widerrede. Der Protest von FU-Gründungsstudenten, selbst die Eingabe des Tagesspiegel- Herausgebers Hermann Rudolph, der sich gegen Lanzmanns Schilderung verwahrte, blieben wirkungslos. Kritiklos machten sich die Journalisten in Deutschland Lanzmanns Erzählung zu eigen und sparten sich die Recherche. Doch die schöne Geschichte hat so nie stattgefunden.

1949 war Lanzmann ein Unbekannter. Edwin Redslob aber war ein berühmter Mann. 1884 in das Weimarer Bildungsbürgertum hineingeboren, gehörte er – wie sein liberaler Alters- und Kampfgenosse Theodor Heuss – zu jenen älteren Herren, die das politische Nachkriegsgeschehen bestimmten. Als er zum Mitgründer und Rektor der FU Berlin aufstieg, hatte Redslob längst mehrere Karrieren hinter sich. Die erste führte den Kunsthistoriker 1912 als Direktor ans Erfurter Stadtmuseum. Dort beriet er etwa den jüdischen Mäzen Alfred Heß beim Aufbau seiner Sammlung expressionistischer Kunst. Ernst Ludwig Kirchners Berliner Straßenszene beispielsweise, vor wenigen Jahren unter großem Aufruhr aus dem Brücke-Museum restituiert, war durch Redslobs Rat in Heß’ legendäre Kollektion gelangt.

Freundschaften zu Henry van de Velde, Walther Rathenau und die Verbindung zum Deutschen Werkbund brachten Redslob 1920 eine Position bei der Reichsregierung in Berlin ein. Als »Reichskunstwart« war er für alle Symbolfragen des Landes zuständig. Gemeinsam mit den Künstlern der Moderne entwickelte er eine republikanische Corporate Identity. Er gestaltete Geldscheine, Münzen, Briefmarken, Urkunden, Medaillen, Flaggen, Reichsadler, Amtsschilder, Dienstsiegel. Er plante die Staatsarchitektur und das zentrale Ehrenmal für die Kriegstoten. Er inszenierte die jährlichen Verfassungsfeste, das »Goethejahr« 1932, die Trauerfeiern für Rathenau, Friedrich Ebert und Gustav Stresemann. Nach der Entlassung 1933 arbeitete Redslob als Publizist, beriet den Reclam-Verlag, schrieb Bücher wie Des Reiches Straße (eine Kulturgeschichte der Reichsstraße 1) und gab sich als Privatgelehrter und Goethe-Sammler der deutschen Klassik hin.

Nach Kriegsende 1945 gehörte er zu den Gründern des Tagesspiegels. Die bedeutendste Zeitung der Berliner Westsektoren wurde schnell zu seinem Sprachrohr. Die Streitlust verschaffte Redslob erhebliche Prominenz und beste Verbindung in die Politik. Eigentlich aber wollte er an die Hochschule – doch das verhinderten der Kalte Krieg und seine antikommunistische Polemik im Tagesspiegel. So wurde Redslob, frisch installierter Ordinarius der Humboldt-Universität im Ostsektor, noch vor Vorlesungsbeginn 1946 durch die Hintertür wieder entlassen. Die persönliche Frustration münzte er in eine Kampagne um: Studenten, die unter sowjetischen Repressalien litten, durften nun ausführlich im Tagesspiegel berichten. Als die Hochschule die jungen Männer daraufhin »relegierte«, heizte das Blatt die Stimmung weiter an. Am 23.April 1948 kam es zum Massenprotest. Er gipfelte in einer unerhörten Forderung der Studenten: nach einer eigenen, demokratischen, freien Universität.

Augenblicklich machte sich Redslob die Idee zu eigen. Er aktivierte seine Kontakte, gründete mit Ernst Reuter und den Studenten selbst einen Planungsausschuss, entwarf ein Programm und verhandelte mit den amerikanischen Alliierten. Im Angesicht der Blockade suchte er geeignete Professoren für die zukünftige Hochschule. Er fand sogar Zeit, das (noch heute gebräuchliche) Wappen der Freien Universität zu gestalten, die am 4.Dezember 1948 ihre Arbeit aufnahm.

Als Claude Lanzmann im Jahr darauf nach Berlin kam, gehörte der Spott über die »Spalter« der FU längst zum festen Repertoire der Ostberliner Zeitungen. Redslob, damals neben der Hochschularbeit mit der Gründung der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit befasst, war beinahe täglich Diffamierungen ausgesetzt. Ein einzelner Text spielte bei dieser Flut keine Rolle. Unter stereotypen »Nazibezichtigungen« gingen die Wahrheiten unter, zumal, wenn sie komplizierter lagen. Tatsächlich war Redslob mit Emmy Göring befreundet: Sie spielte die Iphigenie im staatlichen Goethe-Film von 1932, den Redslob als Reichskunstwart gedreht hatte. Seither liebte er ihr Schauspiel – und verabscheute doch das aufgemotzte Gepränge, die Politik, den Rassismus ihres Mannes. Das Gedicht neben Lanzmanns Text war nicht für sie direkt, sondern für ein Service der Kopenhagener Porzellanmanufaktur geschrieben, die Emmy Göring mit einer Geschirrgarnitur beschenkte.

Das alles freilich konnte Lanzmann nicht wissen, als er die Zusage zum Druck seines Textes erhielt. Für die Berliner Zeitung war es ein gefundenes Fressen, dass ein publizistischer Überläufer aus dem Westen bereitwillig Auskunft über die »Demokraten« der FU lieferte. Was er schrieb, war dabei fast gleichgültig. Mit anderen Worten: Lanzmann ließ sich instrumentalisieren, vielleicht in der Hoffnung auf irgendeine Wirkung. Doch auch die blieb damals aus. Die Pressestelle der FU dementierte pflichtbewusst. Der Text wanderte zu den Akten, wo er heute noch liegt. Gut ein halbes Jahr später endete Redslobs Amtszeit als FU-Rektor. Entlassen, wie Lanzmann behauptet, wurde er nicht.

Man könnte die Geschichte, ihre spätere Klitterung und Verbreitung für eine Lappalie halten, wäre sie nicht so folgenreich. Mittlerweile hat Gallimard die deutschen Rechte am Patagonischen Hasen an den Rowohlt Verlag verkauft. Der Übersetzer arbeitet mit Hochdruck. Dieses Jahr wird das Buch bei uns erscheinen. Dabei lässt schon der flüchtige Blick in das französische Manuskript erahnen, dass die Redslob-Episode nicht die einzige sein dürfte, in der Lanzmanns »Interpretation« die Wahrheit überlagert. Das ist bei Memoiren auch kaum ungewöhnlich und wäre halb so wild, wenn nicht die Gefahr bestünde, dass Lanzmann geglaubt würde.

Denn genau hier liegt die Irritation: Der große Anwalt der Erinnerung hantiert nicht immer genau mit Fakten. Lanzmann, das Mensch gewordene Monument der historischen Verantwortung, verändert die Geschichte – nach seinem Interesse. Wer die Passagen der Memoiren liest, kommt nicht umhin, sie für Selbststilisierungen zu halten. Mit sprachlicher Wucht stilisiert sich der Autor zum omnipräsenten Akteur, zum regelrechten Rächer der Juden, dessen Chef d’Œeuvre Shoah sich in das kollektive Gedächtnis der ganzen Welt einbrannte.

Tarantinos Inglourious Basterds löste unlängst Diskussionen aus, ob Kunstwerke mit historischen Fakten »spielen« dürften. Ist für diese heikle Frage auch Lanzmanns Werk ein Präzedenzfall? Allein der Gedanke scheint vermessen – und doch legt Lanzmann selbst ihn nahe. Um das Schlimmste zu verhindern, kann Rowohlt nun richten, was Gallimard versäumte: die Rettung des Lebenswerks vor seinem Urheber. Eine kommentierte Ausgabe der Memoiren wäre eine Lösung. Auch die Revision unter Rücksprache mit Historikern wäre denkbar. Derzeit ist davon jedoch keine Rede. Der Text soll unverändert erscheinen. So wäre die einfachste Lösung wohl, das Buch als Roman zu deklarieren.

Der Autor lebt als freier Publizist in Berlin. 2009 erschien sein Buch: »Edwin Redslob. Biografie eines unverbesserlichen Idealisten«

 
Leser-Kommentare
  1. [Entfernt. Bitte formulieren Sie Kritik sachlich. Vielen Dank. / Die Redaktion as]

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    man macht sich so leicht laecherlich..

    man macht sich so leicht laecherlich..

    • Gafra
    • 11.01.2010 um 17:29 Uhr

    Ist Lanzmann als Jude und als Regisseur von Shoah sakrosankt?
    Es wird ja wohl Möglichkeiten geben, die wirklichen Abläufe heraus zu finden.
    Und dass gerne einer vom anderen abschreibt, besonders, wenn es um solche Dinge geht, ist auch nichts Neues.

  2. Lieber Gafra, das Wesen der Autobiographie ist üblicherweise Selbststilisierung und die Herbeizauberung subjektiver Wahrheiten. Das ist bekannt, und dazu bedarf es keinerlei gesonderter Warnung. Warum also hier? Hätte es nicht gereicht, sich inhaltlich mit den Behauptungen Lanzmanns auseinanderzusetzen? Ich zweifle gar nicht daran, daß die Abläufe an der FU so gewesen sind wie hier beschrieben, denn die FU war damals im Gegensatz zu anderen deutschen Unis kein brauner Sumpf. Aber derartige "Warnungen" an einen Verlag bereits vor der Veröffentlichung finde ich wahrlich unverschämt.

  3. man macht sich so leicht laecherlich..

  4. 5. Genau

    So ist es, doraemon. Manchmal auch dadurch, daß man nichts sagt, aber so tut, als sagte man etwas.

    • Gafra
    • 11.01.2010 um 18:33 Uhr

    gehören Selbststilisierung und eine gehörige Portion Eitelkeit.
    Aber wenn es um solch eine Sache geht, dann ist das an der oder über die Grenze hinaus zum Rufmord, ---wenn sie denn so stimmt, wie der Autor des Artikels schreibt.
    Worüber ich aber eben auch gestolpert bin, ist Ihr Satz: Lest nicht beim Juden. Damit rücken sie den Journalisten in die Nähe des Antisemitismus und stellen andererseits Lanzmann als Juden außerhalb von Kritik. Das tut auch Lanzmann Unrecht.

  5. Also wirklich, Rufmord? Wessen Ruf soll hier beschädigt werden? Hier wird "gewarnt" vor jemandem, der möglicherweise eine Marginalie in seiner Biographie retrospektiv dahingehend verformt, daß eine eher rechtsorientierte Praxis zu Unrecht angebräunt wird. Mal ehrlich: Ist das nicht mindestens zwei Nummern zu hoch gegriffen? Meines Wissens ist so etwas nicht das übliche Prozedere vor dem Erscheinen von autobiographischen Texten. Oder irre ich mich da? Selbstverständlich kann und soll man derartige Verformungen der Fakten kritisieren, egal wer da verformt. Aber großartig warnen?

  6. .. beginnt damit, dass man menschen, die einer kritik ausgesetzt sind, ungefragt den mantel des judentums umhaengt. die bedenken des artikels richten sich gegen die verfaelschung einer persoenlichen geschichte in einem falle, wo diese womoeglich eine verfaelschung der geschichtsschreibung zur folge hat. jemand, der daraus ein 'lest nicht beim juden' strickt, weil der kritisierte zufaellig juedischer herkunft ist, offenbart, wie tief bei ihm die geistige trennung in juden und nichtjuden verwurzelt ist.

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