Claude Lanzmann Eine kleine Warnung an den Rowohlt VerlagSeite 2/2

Als Claude Lanzmann im Jahr darauf nach Berlin kam, gehörte der Spott über die »Spalter« der FU längst zum festen Repertoire der Ostberliner Zeitungen. Redslob, damals neben der Hochschularbeit mit der Gründung der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit befasst, war beinahe täglich Diffamierungen ausgesetzt. Ein einzelner Text spielte bei dieser Flut keine Rolle. Unter stereotypen »Nazibezichtigungen« gingen die Wahrheiten unter, zumal, wenn sie komplizierter lagen. Tatsächlich war Redslob mit Emmy Göring befreundet: Sie spielte die Iphigenie im staatlichen Goethe-Film von 1932, den Redslob als Reichskunstwart gedreht hatte. Seither liebte er ihr Schauspiel – und verabscheute doch das aufgemotzte Gepränge, die Politik, den Rassismus ihres Mannes. Das Gedicht neben Lanzmanns Text war nicht für sie direkt, sondern für ein Service der Kopenhagener Porzellanmanufaktur geschrieben, die Emmy Göring mit einer Geschirrgarnitur beschenkte.

Das alles freilich konnte Lanzmann nicht wissen, als er die Zusage zum Druck seines Textes erhielt. Für die Berliner Zeitung war es ein gefundenes Fressen, dass ein publizistischer Überläufer aus dem Westen bereitwillig Auskunft über die »Demokraten« der FU lieferte. Was er schrieb, war dabei fast gleichgültig. Mit anderen Worten: Lanzmann ließ sich instrumentalisieren, vielleicht in der Hoffnung auf irgendeine Wirkung. Doch auch die blieb damals aus. Die Pressestelle der FU dementierte pflichtbewusst. Der Text wanderte zu den Akten, wo er heute noch liegt. Gut ein halbes Jahr später endete Redslobs Amtszeit als FU-Rektor. Entlassen, wie Lanzmann behauptet, wurde er nicht.

Man könnte die Geschichte, ihre spätere Klitterung und Verbreitung für eine Lappalie halten, wäre sie nicht so folgenreich. Mittlerweile hat Gallimard die deutschen Rechte am Patagonischen Hasen an den Rowohlt Verlag verkauft. Der Übersetzer arbeitet mit Hochdruck. Dieses Jahr wird das Buch bei uns erscheinen. Dabei lässt schon der flüchtige Blick in das französische Manuskript erahnen, dass die Redslob-Episode nicht die einzige sein dürfte, in der Lanzmanns »Interpretation« die Wahrheit überlagert. Das ist bei Memoiren auch kaum ungewöhnlich und wäre halb so wild, wenn nicht die Gefahr bestünde, dass Lanzmann geglaubt würde.

Denn genau hier liegt die Irritation: Der große Anwalt der Erinnerung hantiert nicht immer genau mit Fakten. Lanzmann, das Mensch gewordene Monument der historischen Verantwortung, verändert die Geschichte – nach seinem Interesse. Wer die Passagen der Memoiren liest, kommt nicht umhin, sie für Selbststilisierungen zu halten. Mit sprachlicher Wucht stilisiert sich der Autor zum omnipräsenten Akteur, zum regelrechten Rächer der Juden, dessen Chef d’Œeuvre Shoah sich in das kollektive Gedächtnis der ganzen Welt einbrannte.

Tarantinos Inglourious Basterds löste unlängst Diskussionen aus, ob Kunstwerke mit historischen Fakten »spielen« dürften. Ist für diese heikle Frage auch Lanzmanns Werk ein Präzedenzfall? Allein der Gedanke scheint vermessen – und doch legt Lanzmann selbst ihn nahe. Um das Schlimmste zu verhindern, kann Rowohlt nun richten, was Gallimard versäumte: die Rettung des Lebenswerks vor seinem Urheber. Eine kommentierte Ausgabe der Memoiren wäre eine Lösung. Auch die Revision unter Rücksprache mit Historikern wäre denkbar. Derzeit ist davon jedoch keine Rede. Der Text soll unverändert erscheinen. So wäre die einfachste Lösung wohl, das Buch als Roman zu deklarieren.

Der Autor lebt als freier Publizist in Berlin. 2009 erschien sein Buch: »Edwin Redslob. Biografie eines unverbesserlichen Idealisten«

 
Leser-Kommentare
  1. [Entfernt. Bitte formulieren Sie Kritik sachlich. Vielen Dank. / Die Redaktion as]

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    man macht sich so leicht laecherlich..

    man macht sich so leicht laecherlich..

    • Gafra
    • 11.01.2010 um 17:29 Uhr

    Ist Lanzmann als Jude und als Regisseur von Shoah sakrosankt?
    Es wird ja wohl Möglichkeiten geben, die wirklichen Abläufe heraus zu finden.
    Und dass gerne einer vom anderen abschreibt, besonders, wenn es um solche Dinge geht, ist auch nichts Neues.

  2. Lieber Gafra, das Wesen der Autobiographie ist üblicherweise Selbststilisierung und die Herbeizauberung subjektiver Wahrheiten. Das ist bekannt, und dazu bedarf es keinerlei gesonderter Warnung. Warum also hier? Hätte es nicht gereicht, sich inhaltlich mit den Behauptungen Lanzmanns auseinanderzusetzen? Ich zweifle gar nicht daran, daß die Abläufe an der FU so gewesen sind wie hier beschrieben, denn die FU war damals im Gegensatz zu anderen deutschen Unis kein brauner Sumpf. Aber derartige "Warnungen" an einen Verlag bereits vor der Veröffentlichung finde ich wahrlich unverschämt.

  3. man macht sich so leicht laecherlich..

  4. 5. Genau

    So ist es, doraemon. Manchmal auch dadurch, daß man nichts sagt, aber so tut, als sagte man etwas.

    • Gafra
    • 11.01.2010 um 18:33 Uhr

    gehören Selbststilisierung und eine gehörige Portion Eitelkeit.
    Aber wenn es um solch eine Sache geht, dann ist das an der oder über die Grenze hinaus zum Rufmord, ---wenn sie denn so stimmt, wie der Autor des Artikels schreibt.
    Worüber ich aber eben auch gestolpert bin, ist Ihr Satz: Lest nicht beim Juden. Damit rücken sie den Journalisten in die Nähe des Antisemitismus und stellen andererseits Lanzmann als Juden außerhalb von Kritik. Das tut auch Lanzmann Unrecht.

  5. Also wirklich, Rufmord? Wessen Ruf soll hier beschädigt werden? Hier wird "gewarnt" vor jemandem, der möglicherweise eine Marginalie in seiner Biographie retrospektiv dahingehend verformt, daß eine eher rechtsorientierte Praxis zu Unrecht angebräunt wird. Mal ehrlich: Ist das nicht mindestens zwei Nummern zu hoch gegriffen? Meines Wissens ist so etwas nicht das übliche Prozedere vor dem Erscheinen von autobiographischen Texten. Oder irre ich mich da? Selbstverständlich kann und soll man derartige Verformungen der Fakten kritisieren, egal wer da verformt. Aber großartig warnen?

  6. .. beginnt damit, dass man menschen, die einer kritik ausgesetzt sind, ungefragt den mantel des judentums umhaengt. die bedenken des artikels richten sich gegen die verfaelschung einer persoenlichen geschichte in einem falle, wo diese womoeglich eine verfaelschung der geschichtsschreibung zur folge hat. jemand, der daraus ein 'lest nicht beim juden' strickt, weil der kritisierte zufaellig juedischer herkunft ist, offenbart, wie tief bei ihm die geistige trennung in juden und nichtjuden verwurzelt ist.

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