Philosophie Wenn die Nervenzellen tanzenSeite 2/2

Nicht von ungefähr erinnert vieles in Metzingers Rhetorik an die naiv-verklärende Emphase, mit der ein Ernst Haeckel sich schon vor über einhundert Jahren an die »Welträthsel« heranmachte. Metzinger sieht eine »Kette von kleinen Wundern«, die sich in unseren Gehirnen entfaltet, und einen »unfassbar großen Raum an unaussprechlichen Nuancen« (und doch soll die Neurowissenschaft alles erklären können). Der Autor bestaunt gleichermaßen »die atemberaubende Geschwindigkeit«, mit der das neuronale Netzwerk arbeitet, wie die »unauslotbaren Tiefen« unserer Wirklichkeit (das Wort »Tiefe« kommt gefühlte zweihundert Mal im Buch vor), und er preist die »Eleganz und Robustheit, mit der die Natur nur solche Dinge in den Realitätstunnel eingebaut hat, die die Organismen wirklich kennen mussten, anstatt sie mit einer Flut von Informationen über die inneren Abläufe in ihren Gehirnen zu belasten«.

Nein, bei Metzinger existieren keine kleinen Männchen im Gehirn, keine Seelen, keine Ichs, bei ihm gibt es das Gehirn selbst, das strebt und Strategien verfolgt, und »die Natur, die alles erfunden hat« (waren es nicht doch die Schweizer?), manchmal auch liebevoll »Mutter Natur« genannt. Sie ist es, die in Metzingers Text simuliert und optimiert, geschickt organisiert und vollbringt. Ist das aber ein erkenntniswissenschaftlicher Fortschritt? Schon Kant hat uns gelehrt, dass wir das Ding an sich nicht erkennen können, und Darwin, Nietzsche und Marx haben uns Gott, die Seele und die Transzendenz genommen. Die ganze Moderne hat sich mit unserer Vergänglichkeit und der Dialektik von Freiheit und Determination auseinandergesetzt und mit der Leere, die der Tod Gottes hinterlassen hat. Und da kommt Don Quichotte Metzinger und will mit Mutter Natur unser christlich-jüdisches Menschenbild revolutionieren. Sehr komisch.

Überhaupt will Metzinger sehr viel in seinem Buch, das uns andererseits davon erzählt, dass es auf neuronaler Ebene ein Wollen gar nicht gibt. Hier ist das Erleben eines freien Willens nach Metzinger das erste Glied in einer Kette von subpersonalen, automatischen Abläufen im Gehirn, das ins Bewusstsein gehoben wird: ein »geniales neurokomputationales Werkzeug«, das dem Organismus erlaubt, sein Verhalten zu optimieren, und das seine soziale und kulturelle Entwicklung bedingt. Abgesehen davon, dass die Konstruktion von subpersonalen Vorgängen ein genialer Trick ist, um das Problem des freien Willens im Unaussprechlichen zu belassen, kommen wir so vielleicht der Lösung eines kleinen Rätsels näher: Man sollte die Dinge nicht immerzu vermischen. Es gibt Vorgänge auf neuronaler, auf sozialer und auf kultureller Ebene – oder noch einmal Metzinger: Wir sind gleichzeitig »niemand und eine Ego-Maschine«. Und darum ist es auf Dauer einfach langweilig, den Geisteswissenschaften von einer angeblich höheren Erkenntniswarte aus das Menetekel der totalen Determination entgegenzuhalten. Wozu soll das nützen? Im harmlosesten Fall dazu, eigene Ressentiments zu pflegen und Forschungsgelder zu sichern, im schlimmsten dazu, den nächsten Ideologien über den neuen, besseren Menschen den Boden zu bereiten. Die Naturwissenschaftler brauchen jedenfalls nicht noch die Philosophen als PR-Agenten.

Selbst wenn tatsächlich einmal die neuronalen Korrelate des Bewusstseins in Daten darstellbar und damit auch künstlich herstellbar sind, wird dies immer noch von Menschen gemacht worden sein, die in ihren Ego-Tunnels dieses Ziel hatten und aufgrund ihrer Spiegelneuronen zu einem Gefühl von Verantwortung fähig sind. Metzinger schreibt selbst, dass es angesichts des neurowissenschaftlichen Fortschritts eine der wichtigsten Aufgaben der Philosophie sei, sich um die daraus entstehenden bewusstseinsethischen Fragen zu kümmern, um die moralischen und politischen Implikationen. Wer aber kann eine Bewusstseinsethik »wollen«, wenn er die Gegebenheit des freien Willens für uns Menschen ernsthaft in Abrede stellen würde? Diese Debatten sind doch nur Scheingefechte, um von den eigentlichen Hausaufgaben abzulenken.

Metzingers Entwurf einer zukünftigen Bewusstseinsethik ist jedenfalls noch sehr rudimentär. Am vehementesten ist sein Plädoyer dafür, das Experimentieren mit künstlicher Intelligenz zu verbieten, da Bewusstsein eben auch Leiden schafft und das Leiden auf diesem Planeten um keinen Preis vergrößert werden solle. Angesichts der Welle von neuen Psychopharmaka, die zu erwarten ist, fordert Metzinger eine neue, klügere Drogenpolitik. Und er würde am liebsten verbindlich für alle Schulkinder das Fach Meditation einrichten, um ihre geistige Autonomie zu stärken und sie gegen die Verführungen der neuen Bewusstseinstechniken zu wappnen. Das war’s.

Thomas Metzinger zeigt sich in seinem ersten populärwissenschaftlichen Buch als eine schillernde Figur der Bewusstseinsphilosophie. Er macht kein Hehl daraus, dass er sich einem Derwisch, Yogi oder Mönch mehr verbunden fühlt als irgendeinem dauergestressten Wissenschaftsmanager. Unerschrocken breitet er seine autobiografischen Erfahrungen mit außerkörperlichen Erfahrungen und Klarträumen nebst Anleitungen zum Nacherleben aus, streut Interviews mit bekannten Bewusstseinsforschern in den Text ein, um seine Thesen zu kontextualisieren, und führt fiktive Gespräche mit dem ersten postbiotischen Philosophen.

Sein Buch zu lesen ist ein bereicherndes Erlebnis, da sich Metzinger ohne Scheuklappen den empirischen Erkenntnissen der Neurowissenschaften öffnet und uns spannend, anschaulich und unterhaltsam die neuronalen Grundlagen und Grenzen unseres Bewusstseins darlegt. Es ist aber eben auch extrem ärgerlich, da Metzinger immer wieder in die Pose des neoromantischen Entdeckers und eitlen Bilderstürmers zurückfällt, der allen anderen die intellektuelle Redlichkeit abspricht und sich dabei in Selbstwidersprüchen verstrickt. Er erhebt sich über die Metaphysik und reklamiert im gleichen Atemzug für seine eigene Theorie des Selbst die »große spirituelle Tiefe« – als ob dies nicht eine weitere Strategie eines Selbstmodells wäre, einen stabilen Zustand im Chaos zu erzeugen. Eine neue Philosophie der Innerlichkeit aber kann nun wahrlich nicht die Antwort auf die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts sein.

 
Leser-Kommentare
  1. dass das gesagte auch auf einem Fischschwarm zutreffen würde. Dieser ist aber keine organische Einheit.

    Es ist aber aus Ihrem Weltbild zwingend erforderlich erforderlich diese Wissenschaft zu kritisieren. Was wird aus der Schuld der Hartz4 Empfänger oder des Straftäters wenn er Recht hat. Es passt nicht in Ihr Weltbild.

    Lassen Sie sich ruhig einschüchtern. Diese Wissenschaft ist die Einzige, die wirklich in eine bessere Welt führen könnte.

  2. 2. Mhm..

    Ich schließe mich Metzingers Thesen an und errichte ihm
    zu Ehren einen Altar um ihn als Propheten der Neuzeit zu preisen. Also jetzt mal ehrlich, was er sagt klingt für mich
    einfach nur plausibel.

    • rvn
    • 10.01.2010 um 19:42 Uhr

    kein begnadeter Schriftsteller sein, aber allein daraus ein Sprungbrett in grenzenlose Ablehnung seiner Thesen zu bauen, halte ich nicht für angemessen.

    Ich finde seine Thesen durchaus interessant, und lasse mich ohne Vorurteile irgendeines antiken Weltbildes nicht einschüchtern.

    Es geht nicht darum, was gefällt oder nicht. Es geht darum, was wahr ist, und was nicht. Sollte es wahr sein, dass wir nur biologische Automaten sind, dann ist es so. Das müssen wir nun belegen und uns entsprechend anpassen, inklusive Rechtsvorstellungen, etc. pp.

    Wie gesagt, wenn dem so sein sollte.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • AZ
    • 10.01.2010 um 23:09 Uhr

    Selbstverständlich sind wir "nur" biologische Automaten. Tagtäglich huldigen wir der Kausalität in allem was wir tun. Wie könnten wir da ernsthaft annehmen, daß wir - insbesondere unsere Hirne - nicht der Kausalität unterliegen?

    Aber die Schlußfolgerung, "da kann kein Wille sein, da dort nur ein Haufen Neuronen (deterministisch) agiert", ist einfach Unsinn. Genauso unsinnig wie zu sagen, "da ist kein Hirn, es sind ja nur viele einfache Neuronen dort". Natürlich kann man komplexe Objekte auf verschiedenen Ebenen betrachten und beschreiben. Und manche Struktureigenschaften lassen sich eben auf manchen Ebenen recht natürlich beschreiben und auf anderen Ebenen nur extrem umständlich.

    Ein Beispiel: ich schreibe diesen Text. Wenn man dieses "ich" nicht als nützliches Konzept zur Beschreibung meines Neuronenkneuls akzeptiert, muß man eben darauf zurückgreifen, Milliarden von "spike trains" (Aktivierungsmustern) von Milliarden von vernetzten Neuronen aufzuzählen. Eine präzisere, aber nutzlose Beschreibung meiner Aktivitäten. Ähnliches gilt für mein Wollen.

    Ich finde diesen Verriß von Metzingers Buch sehr angemessen und geistreich. Auch ohne das Buch gelesen zu haben weiß ich, daß Herr Metzinger Lichtjahre davon entfernt ist, die Abbildung zwischen menschlichem Handeln (auf der üblichen Erfahrungsebene, mit bewährten Konzepten wie "wollen" und "verstehen") und deren neuronalen Korrelaten zu verstehen. Hier wird versucht, das Fell zu verkaufen, bevor der Biber erlegt ist.

    • AZ
    • 10.01.2010 um 23:09 Uhr

    Selbstverständlich sind wir "nur" biologische Automaten. Tagtäglich huldigen wir der Kausalität in allem was wir tun. Wie könnten wir da ernsthaft annehmen, daß wir - insbesondere unsere Hirne - nicht der Kausalität unterliegen?

    Aber die Schlußfolgerung, "da kann kein Wille sein, da dort nur ein Haufen Neuronen (deterministisch) agiert", ist einfach Unsinn. Genauso unsinnig wie zu sagen, "da ist kein Hirn, es sind ja nur viele einfache Neuronen dort". Natürlich kann man komplexe Objekte auf verschiedenen Ebenen betrachten und beschreiben. Und manche Struktureigenschaften lassen sich eben auf manchen Ebenen recht natürlich beschreiben und auf anderen Ebenen nur extrem umständlich.

    Ein Beispiel: ich schreibe diesen Text. Wenn man dieses "ich" nicht als nützliches Konzept zur Beschreibung meines Neuronenkneuls akzeptiert, muß man eben darauf zurückgreifen, Milliarden von "spike trains" (Aktivierungsmustern) von Milliarden von vernetzten Neuronen aufzuzählen. Eine präzisere, aber nutzlose Beschreibung meiner Aktivitäten. Ähnliches gilt für mein Wollen.

    Ich finde diesen Verriß von Metzingers Buch sehr angemessen und geistreich. Auch ohne das Buch gelesen zu haben weiß ich, daß Herr Metzinger Lichtjahre davon entfernt ist, die Abbildung zwischen menschlichem Handeln (auf der üblichen Erfahrungsebene, mit bewährten Konzepten wie "wollen" und "verstehen") und deren neuronalen Korrelaten zu verstehen. Hier wird versucht, das Fell zu verkaufen, bevor der Biber erlegt ist.

    • luccas
    • 10.01.2010 um 19:43 Uhr

    Zitat:
    "...die Eleganz und Robustheit, mit der die Natur nur solche Dinge in den Realitätstunnel eingebaut hat, die die Organismen wirklich kennen mussten, anstatt sie mit einer Flut von Informationen über die inneren Abläufe in ihren Gehirnen zu belasten..."

    Wenn Sie, verehrter Herr Metzinger, auf der Straße an mir vorbei gehen und ich trete Ihnen voll in den Hintern, dann sagt Ihnen Ihr Realitätstunnel, dass dies ein sogenannter Arschtritt gewesen sein muss. Und zwar ohne innere Abläufe. Was Ihnen jedoch verborgen bleibt, weil es hinter Ihrem Rücken geschieht, sind Eleganz und Robustheit meines Tritts.
    Richtig so?

    • Riktam
    • 10.01.2010 um 20:30 Uhr

    … hat Recht. Da ist Niemand

  3. die wissenschaft des lichts ist sich doch auch einig, daß es welle und materie gleichzeitig ist. insofern ist es auch nur schlüssig, daß wir ein »niemand und eine Ego-Maschine«sind. aber wir sind nicht in der lage, dies gleichzeitig zu sehen, sondern immer je nach sichweise , das eine oder das andere. Ansonsten finde ich den artikel einfach wunderbar, habe selten so erheitert über einen scheinbaren wissenschaftlichen artikel gelacht ,)) weiter so ;)

  4. 7. Jaja,

    das Gehirn ist nur ein banaler Haufen Zellen, die ein Bewusstsein vergaukeln. Das größte Glaubwürdigkeitsproblem der Neuowissenschaft liegt wohl darin, dass es Neurowissenschaftlern doch irgendwie zu gelingen scheint, mit ihrem banalem Haufen Zellen über die banalen Haufen Zellen der anderen zu reflektieren.

    • Daaje
    • 10.01.2010 um 21:52 Uhr

    Mir fällt kein rechter Ausdruck ein, der zum einen beschreibt, was ich von der Metzinger'schen Beschreibungsweise des Bewusstseins halte, und zum anderen nicht grob unhöflich ist. Ich möchte mich daher darauf beschränken, zu sagen, dass ich ihn nicht verstehe.

    Es ist ihm aber nicht vorzuwerfen, dass er nicht geschafft hat, was noch keiner vor ihm geschafft hat: Eine adäquate naturwissenschaftliche Beschreibung des Bewusstseins. Denn zu seiner Verteidigung ist zu sagen, dass auch etwa Gerhard Roth und Wolf Singer... (ähm) ...für mich unverständlich sind.

    Vorzuwerfen ist ihm (und den übrigen Genannten) sich als revolutionäre Aufklärer und populärwissenschaftliche Heilsbringer aufspielen. In dieser Hinsicht kann ich Frau Leitgeb nur zustimmen: sehr komisch!

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