PhilosophieWenn die Nervenzellen tanzen

Der Philosoph Thomas Metzinger erklärt uns aus neurowissenschaftlicher Perspektive das Bewusstsein von Hanna Leitgeb

Eine eingefärbte Aufnahme menschlicher Nervenzellen

Eine eingefärbte Aufnahme menschlicher Nervenzellen  |  © Institute for Stem Cell Research/Getty Images

Vorsicht, wenn Sie glauben, Sie selbst lesen gerade diese Zeilen, dann unterliegen Sie einer fundamentalen Selbsttäuschung, denn Sie als ein Selbst gibt es gar nicht. So zumindest lautet die zentrale These der neurowissenschaftlich inspirierten Bewusstseinsforscher und Philosophen. Thomas Metzinger gehört weit über Deutschland hinaus zu ihren prominentesten Vertretern und hat jetzt ein Buch vorgelegt, in dem er für den Laien höchst plastisch und verständlich die neuesten Erkenntnisse seiner Disziplin beschreibt und nicht weniger als eine »neue Philosophie des Selbst« behauptet. So faszinierend die Details aus der neurowissenschaftlichen Forschung sind, die Metzinger zur Erklärung unserer Subjektivität heranzieht, so enttäuschend ist die rhetorische Einkleidung, mit der er seine eigene Argumentation meint, aufpeppen zu müssen.

Rein physikalisch ausgedrückt ist unser Gehirn nach Metzinger ein großes Zusammenwirken von Nervenzellen, die das Erlebnis erzeugen, in einer Welt und in einer Zeit zu sein, sich als ein Selbst von der Welt abzugrenzen und sich als Fühlender, Denkender und Handelnder wahrzunehmen, als ein Ich. Nun möchte man natürlich gern erklärt bekommen, wie diese Nervenzellen das machen. Metzinger arbeitet dazu mit dem Begriff der Repräsentation, also der inneren Vorstellung von unseren Wahrnehmungen. Um zu verdeutlichen, wie solche Repräsentationen in unserem neuronalen System konstruiert werden, führt Metzinger eine Vielzahl von kognitionswissenschaftlich untersuchten Grenzsituationen an, bei denen die Selbstwahrnehmung von dem gewohnten Modell abweicht: sei es in konzentrierter Meditation, in realen Illusionen von außerkörperlichen Erfahrungen, in luziden Träumen, in Experimenten mit virtueller Realität oder bei Phantomgliedern, die von Amputationspatienten imaginiert werden.

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Sehr eindrücklich ist die sogenannte Gummihand-Illusion: Eine Hand-Attrappe wird vor einer Versuchsperson auf den Tisch gelegt, deren entsprechende eigene Hand abgedeckt ist. Wenn man in gleichbleibendem Rhythmus die verborgene echte Hand und die Gummihand mit einem Stäbchen streichelt, erlebt der Proband nach einer gewissen Zeit die künstliche Hand, die er vor sich sieht, als seine eigene. Er fühlt das Streicheln in dieser Hand und entwickelt in seiner Vorstellung sogar einen vollständigen virtuellen Arm, der seine Schulter mit der vor ihm liegenden Handattrappe verbindet. Ein Experiment, das der Autor ausdrücklich für die Nachahmung zu Hause empfiehlt – »zum Beispiel mit einem ausgestopften Spülhandschuh«. Neurowissenschaftlich erklärt Metzinger das, was dabei passiert, so: Just in dem Moment, in dem man die Gummihand als Teil des eigenen Körpers erlebt, findet im Gehirn »eine Verschmelzung taktiler und visueller rezeptiver Felder« statt, und dies spiegelt sich »in der Aktivierung von Nervenzellen im prämotorischen Kortex« wider. Philosophisch gesprochen wird ein Gefühl von »Meinigkeit« erzeugt, substanzieller Bestandteil eines bewussten Ichgefühls.

Unser Gehirn arbeitet mit einer Vielzahl von phänomenalen Repräsentationen und synchronisiert sie. Die grundlegende Repräsentation, die dabei entsteht, ist diejenige vom Organismus als Ganzem. Metzinger nennt es »das phänomenale Selbstmodell«. Eine seiner wesentlichen Eigenschaften ist seine Transparenz. Wir erstellen dieses Selbstmodell in phänomenaler Echtzeit, um uns auf die handlungsrelevante Gegenwart fokussieren zu können, dem Körper die größtmögliche Menge von Daten verfügbar zu machen und ihn der Situation angemessen zu kontrollieren. Selbst wenn wir uns als repräsentierend repräsentieren, kommen wir aus diesem naiven Realismus nicht heraus. Das Selbst ist erlebnismäßig nicht hintergehbar, auch wenn wir aus der Außenperspektive sagen können, dass es nur eine Vorstellung ist. Wir stecken nicht nur im Ego-Tunnel, wir sind der Ego-Tunnel. Oder wie Metzinger es ausdrückt: »Unser bewusstes Wirklichkeitsmodell ist eine niedrigdimensionale Projektion der unvorstellbar reicheren und gehaltvolleren physikalischen Wirklichkeit, die uns umgibt und uns trägt.«

Metzinger will darauf hinaus, dass alles, was wir bewusst erleben, durch Vorgänge im Gehirn determiniert und im Grunde ein formbares, holistisches Konstrukt und damit auch durch entsprechende neuronale Stimulation reproduzier- und veränderbar ist, sei es in biologischen, sei es in künstlichen Systemen. In Metzingers Theorie ist das subjektive Erleben ein »biologisches Datenformat«, eine spezifische Form »dynamischer Selbstorganisation« von neuronalen Reizen, und das Gehirn »ein komplexes System, das ständig danach strebt, in einen stabilen Zustand zu gelangen, und dabei Ordnung aus Chaos erzeugt«. Das sind schöne Bilder, doch das Gleiche ließe sich auch von Fischschwärmen, Fußballmannschaften, Gesellschaften und Staaten behaupten.

Auf qualitativer Ebene könnte man sagen, das wirklich Neue an der empirischen Kognitionswissenschaft ist, dass wir Bewusstseinszustände nun auch direkt auf neuronaler Ebene manipulieren beziehungsweise kreieren können und nicht nur indirekt durch Drogen, Medikamente, Alkohol, Medien, politische Demagogen oder der Mittelchen mehr, die sich Menschen dazu seit Jahrtausenden ausgedacht haben. Metzinger aber verkündet gleich eine Bewusstseinsrevolution, die unser Menschenbild grundstürzend verändern werde, und stilisiert seine Kollegen aus den Geisteswissenschaften zu rückständigen Angsthasen mit der Tendenz, »das Problem des Bewusstseins zu einem unlösbaren Mysterium hochzustilisieren«.

Umgekehrt wird ein Schuh daraus: Es scheint ganz so zu sein, als ob die Neurophilosophen sich derzeit zu gern als die Löser aller Rätsel auf dieser Erde sehen würden. Und vielleicht ist es an der Zeit, einmal die Position der Naturwissenschaften zu entzaubern. Es wird dann doch recht schwammig, wenn Metzinger versucht, die Details der neuronalen Vorgänge im Gehirn genau zu beschreiben: »Das globale neuronale Korrelat des Bewusstseins ist wie eine Insel, die aus dem Meer auftaucht«, heißt es da. Oder: »Weit verteilte Nervenzellen beginnen damit, zusammen zu tanzen, indem sie genau gleichzeitig feuern. Dieses rhythmische Muster des Feuerns erzeugt eine kleine zusammenhängende Wolke in Ihrem Gehirn, ein Netzwerk aus Neuronen, die einen einzelnen Gegenstand für Sie darstellen…« Wie soll ich mir das vorstellen? Solange Neurophilosophen die Vorgänge in meinem Gehirn nicht besser beschreiben können als Naturforscher des 19. Jahrhunderts rätselhafte Rituale fremder Völker an fernen Küsten, sollte man sich von ihrer anmaßenden Deutungshoheit wirklich nicht einschüchtern lassen.

Leserkommentare
    • Rychard
    • 10. Januar 2010 22:02 Uhr

    Es kann durchaus möglich sein, dass auch in der Wissenschaft der Unterschied zwischen Denken und Verstehen noch entdeckt werden wird. Vielleicht sogar in einem Labor, bei der Mittagspause, wer weiss?

    • AZ
    • 10. Januar 2010 23:09 Uhr

    Selbstverständlich sind wir "nur" biologische Automaten. Tagtäglich huldigen wir der Kausalität in allem was wir tun. Wie könnten wir da ernsthaft annehmen, daß wir - insbesondere unsere Hirne - nicht der Kausalität unterliegen?

    Aber die Schlußfolgerung, "da kann kein Wille sein, da dort nur ein Haufen Neuronen (deterministisch) agiert", ist einfach Unsinn. Genauso unsinnig wie zu sagen, "da ist kein Hirn, es sind ja nur viele einfache Neuronen dort". Natürlich kann man komplexe Objekte auf verschiedenen Ebenen betrachten und beschreiben. Und manche Struktureigenschaften lassen sich eben auf manchen Ebenen recht natürlich beschreiben und auf anderen Ebenen nur extrem umständlich.

    Ein Beispiel: ich schreibe diesen Text. Wenn man dieses "ich" nicht als nützliches Konzept zur Beschreibung meines Neuronenkneuls akzeptiert, muß man eben darauf zurückgreifen, Milliarden von "spike trains" (Aktivierungsmustern) von Milliarden von vernetzten Neuronen aufzuzählen. Eine präzisere, aber nutzlose Beschreibung meiner Aktivitäten. Ähnliches gilt für mein Wollen.

    Ich finde diesen Verriß von Metzingers Buch sehr angemessen und geistreich. Auch ohne das Buch gelesen zu haben weiß ich, daß Herr Metzinger Lichtjahre davon entfernt ist, die Abbildung zwischen menschlichem Handeln (auf der üblichen Erfahrungsebene, mit bewährten Konzepten wie "wollen" und "verstehen") und deren neuronalen Korrelaten zu verstehen. Hier wird versucht, das Fell zu verkaufen, bevor der Biber erlegt ist.

    Antwort auf "Metzinger mag"
  1. dass Sie mir die Neurophilosophie erklären. Ich war dem Irrglauben erlegen, es handele sich bei der neurowissenschaftlich informierten Philosophie des Geistes um eine akademische Disziplin, deren Theorien im Rahmen eines wissenschaftlichen Diskurses entstehen und verworfen werden. Nun verstehe ich aber, dass es Feuilletonschreiber bedarf jahrtausendealte Menschheitsfragen zu klären oder zumindest zu bestimmen wie sie eben nicht geklärt werden können. Ich hatte zuvor geglaubt, dies sei selbst eine philosophische Frage, die Natur- und Geisteswissenschaftler in interdisziplinärer Zusammenarbeit zu lösen versuchen.

    Da wir nun fast Freundinen sind, kann ich ihnen nur empfehen auch in Zukunft populärwissenschaftliche Litertur zu lesen, damit sie uns auf die vielen Metaphern und Bilder hinweisen können, die Autoren verwenden um komplexe Zusammenhänge verständlicher zu machen. Das ist sehr informativ und sagt sehr viel darüber aus wie wenig Wissenschaftler von ihrem Fach versteht.

    M.f.G.,

    eine heimliche Verehrerin

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    • Daaje
    • 11. Januar 2010 12:28 Uhr

    Hätte Metzinger ein wissenschaftliche Buch geschrieben, eines das sich an die Community richtet und nicht an den interessierten Laien, würde Ihre Kritik an Frau Leitgeb berechtigt sein: Um ein Fachbuch zu verreißen sollte man Fachmann/frau sein. Hier sieht die Sache aber anders aus.

    Wenn Metzinger allgemein verständlich schreiben will, aber eine derart poetische, metaphernreiche Sprache verwendet um etwas (aus seiner Sicht) streng physikalistisches zu beschreiben, darf ihm auch der Laie zweierlei Vorwürfe machen: 1.) Dass ihm durch die enigmatische Beschreibung der Gegenstand des Buches unzugänglich wird und 2.) dass dies dem Gegenstand, der als naturwissenschaftliches Objekt aufgefasst wird, nicht gerecht wird.

    Desweiteren glaube ich, dass die Neurophilosophie eine viel zu junge Disziplin ist, als dass es schon Forschungsergebnisse gäbe, die dem Laien nahe gebracht werden könnten. Ebenso ist es möglich, dass die Neurologie und Philosophie des Geistes durch in einem naturalistischen Paradigma nicht kompatibel sind, und daher keine vernünftigen Ergebnisse liefern _können_. Zu suggerieren, dass es diese gäbe, und den Anspruch zu erheben, diese dem "unaufgeklärten, nichtsahnendem" Laien nun erklären zu müssen, finde ich unredlich.

    Beste Grüße!

    Frau Leitgeb kritisiert hauptsächlich die Person Thomas Metzinger und nicht sein Buch. Sie schreibt beispielsweise: "Solange Neurophilosophen die Vorgänge in meinem Gehirn nicht besser beschreiben können als Naturforscher des 19. Jahrhunderts rätselhafte Rituale fremder Völker an fernen Küsten, sollte man sich von ihrer anmaßenden Deutungshoheit wirklich nicht einschüchtern lassen." Wie anmaßend ist bitte diese Feststellung? Nicht nur Metzinger, sondern alle Neurophilosophen wissen also nicht wovon sie reden?

    Außerdem ist die Frage ob Neurophilosophie und Neurologie (Sie meinten wohl Neurowissenschaft oder Neurobiologie, oder? Die Neurologie befasst sich mit pathologischen Erscheinungen des Nervensystems und ist Teilgebiet der Medizin.) "kompatibel" sind eine philosophische Frage. So was muss man nicht im Kommentarthread einer schlechten Rezension bestimmen und ist auch nicht die Voraussetzung um einen öffentlichen Diskurs über das neue Menschenbild anzustoßen.

    Grüße,
    Xenilein

  2. "Selbstverständlich sind wir "nur" biologische Automaten. Tagtäglich huldigen wir der Kausalität in allem was wir tun. Wie könnten wir da ernsthaft annehmen, daß wir - insbesondere unsere Hirne - nicht der Kausalität unterliegen?"

    Erklären sie mir, worin die Kausalität des Schönen und des Guten besteht!

    Tatsächlich würde man sich wünschen, dass diese neue Gilde von Laboranten, die sich mit ihrem teuren Spielzeug anschicken, "philosophische" Geisteswissenschaften zu betreiben, ihre Wühlmäuse mal im Keller und in Ruhe lassen, sich an die freie Luft und in die schöne Natur begeben. So ein peripatetisches Erlebnis kann zuweilen dem Denkvermögen nicht schaden, wie auch das "ICH" unendlich erweitern!

  3. ich sicher nicht mit dem antiquierten Weltbild befleckt bin - schon dieses Gedankenmuster der Unreinheit durch die eigene Vergangenheut enstammt Selbigem -
    muss ich schon sagen, dass die Interpretationen der Hirnforscher den naturwissenschaftlichen Horizont überschreiten. Auch ich bin als Wissenschaftler auf mein eigenes Bewusstsein angewiesen, auf meine Sinne als Interface zu einer (postulierten) Realität. Hier liegt aber schon der erste "Fehler" den ich mache, wenn ich versuche genau das "Bewusstsein" eines anderen zu erkunden.

    (Ich) <= Außenwelt, Materie, Messgeräte <= Bewusstsein des Anderen.

    In dem Moment, da ich versuche, aus den mir erkennbaren Daten etwas auszulesen, müsste ich mich praktisch selber verstehen, einschließlich der Aspekte, die ich erst erkunden will. Deswegen KANN die Naturwissenschaft letztlich keine Aussagen machen über das Individuum.
    Und das ist auch gar nicht ihre Aufgabe. Naturwissenschaftler suchen nicht nach "der Wahrheit" im Sinne einer allgemeingültigen Wahrheit. Naturwissenschaftler postulieren logische Modelle, die eine Vorhersagbarkeit beobachtbarer Ereignisse liefern, also Ereignissen, die unter bestimmten Vorraussetzungen ablaufen würden, wie wir es erwarten. Wobei gerade in der theoretischen Physik die Vorraussetzungen nicht unbedingt realisierbar sein müssen, (weswegen auch alle theor. Physiker Vollspinner sind, nene, nur Spaß :-) )

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    Wir "sehen" bei der Hirnforschung im Endeffekt entweder bunte Bildchen von Querschnitten oder erhalten Elektrodenmesswerte. Wir können aber kein "Kino" simulieren, dass uns Gefühlslage, Sinneseindrücke, und Empfinden einer Person für uns nachvollziehbar macht. Wir schauen in das Gehirn hinein, doch nicht aus den Augen des Probanden heraus. Wir können zwar feststellen, dass etwa beim Anblick,Geruch, meinetwegen auch Kontakt einer/eines attraktive(n) Dame/Herr die Region xyz erregt wird und verstärkt arbeitet. Aber damit wissen wir trotzdem nicht, was genau in dem Proband vorgeht. Es wird jedenfalls nicht dasselbe sein wie in uns, sonst wären wir ja alle in dieselben Menschen verknallt.
    Anderes Beispiel: Wie sieht ein Rot-Grün-Blinder: Man kann messen, was er wahrnehmen kann, man kann herausfinden, was ihm fehlt, um bestimmte Dinge nicht wahrzunehmen. Wir könnten versuchen, einen Film "aus seiner Sicht" drehen. Aber wer beurteilt denn, ob das, was wir in dem Film sehen, genau das ist, was er sieht (sofern sein Sinneseindruck mit unserer eigenen Vorstellung von "Sehen" überhaupt übereinstimmt)? Wie ist ein "Übereinstimmungsmaß" definiert, wenn noch nicht einmal die Variablen und ihre Maßgröße feststehen?
    Analogie aus der Mathematik:
    Wenn ich in Vektoren im n-dimensionalen euklidischen Raum denke, der andere aber in einem 3x4x5-Tensor, wie will ich aus meiner Vektorwelt den anderen verstehen, ohne mein eigenes Denkmuster zu verlassen?

  4. Metzinger und Philosoph in einer Überschrift - ein gelungener Witz!

  5. Wir "sehen" bei der Hirnforschung im Endeffekt entweder bunte Bildchen von Querschnitten oder erhalten Elektrodenmesswerte. Wir können aber kein "Kino" simulieren, dass uns Gefühlslage, Sinneseindrücke, und Empfinden einer Person für uns nachvollziehbar macht. Wir schauen in das Gehirn hinein, doch nicht aus den Augen des Probanden heraus. Wir können zwar feststellen, dass etwa beim Anblick,Geruch, meinetwegen auch Kontakt einer/eines attraktive(n) Dame/Herr die Region xyz erregt wird und verstärkt arbeitet. Aber damit wissen wir trotzdem nicht, was genau in dem Proband vorgeht. Es wird jedenfalls nicht dasselbe sein wie in uns, sonst wären wir ja alle in dieselben Menschen verknallt.
    Anderes Beispiel: Wie sieht ein Rot-Grün-Blinder: Man kann messen, was er wahrnehmen kann, man kann herausfinden, was ihm fehlt, um bestimmte Dinge nicht wahrzunehmen. Wir könnten versuchen, einen Film "aus seiner Sicht" drehen. Aber wer beurteilt denn, ob das, was wir in dem Film sehen, genau das ist, was er sieht (sofern sein Sinneseindruck mit unserer eigenen Vorstellung von "Sehen" überhaupt übereinstimmt)? Wie ist ein "Übereinstimmungsmaß" definiert, wenn noch nicht einmal die Variablen und ihre Maßgröße feststehen?
    Analogie aus der Mathematik:
    Wenn ich in Vektoren im n-dimensionalen euklidischen Raum denke, der andere aber in einem 3x4x5-Tensor, wie will ich aus meiner Vektorwelt den anderen verstehen, ohne mein eigenes Denkmuster zu verlassen?

    Antwort auf "@3: Auch wenn"
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    • Daaje
    • 11. Januar 2010 12:56 Uhr

    Ich habe Ihr sog. "Gebrabbel" gern gelesen, und würde gerne um einen Punkt ergänzen:

    Viele Dinge, für die wir uns interessieren sind prinzipiell nicht messbar. Wir interessieren und für Dinge wie "Liebe", "Ich", "Bewusstsein". Dies sind Termini aus der Umgangssprache, aus der Philosophie und der Psychologie. In diesen Bereichen werden sie aber als immateriell verstanden: Wenn wir von "Liebe" sprechen, _meinen_ wir nichts materielles. Wir meinen etwas, auf das die Prädikate "unendlich", "bedingungslos", "wahr" usw. zutreffen können. Auch ohne Scanner kann ich nun sagen, dass es im Gehirn nichts gibt, dass unendlich, bedingungslos und/oder wahr wäre. Daraus zu schlussfolgern, dass es also keine Liebe gibt, halte ich aber für gewagt. Vielmehr folgt, dass Liebe nicht im Gehirn ist.

    Dass sich etwas, dass wir immateriell verstehen bei einem Scan der Materie nicht zeigt, sollte uns nicht überraschen. Ein "Aufklärer", der uns die Liebe als neurobiologisches Feuerwerk verkaufen will, redet schlicht am Thema vorbei. Er redet nicht über das, was wir als "Liebe" bezeichnen. Er hat etwas anderes gefunden, was vielleicht auch interessant ist, das "neurologische Korrelat" vielleicht, aber nicht die Liebe.

  6. ... von technischen Problemen, die bei der Erfassung neuronaler Vorgänge noch immer verbieten, so detaillierte Aussagen über das Bewusstsein "als solches" zu machen, wie es einige sog. Neurophilosophen (oder inzwischen auch Neurogermanisten) versuchen, gibt es ein Grundsatzproblem, an dem auch Metzingers These nicht rüttelt:

    Semantik kann auf naturalistische Weise nur selbstwidersprüchlich eingefangen werden.

    Es ist dasselbe Problem wie mit Wahrheitsanspruch vorgetragene Determinismen. Wenn die Hirn-Geist-Debatte an diesem Punkt anlangt, wird sie deshalb genauso erlahmen wie die viel älteren Naturalismusstreitigkeiten.

    Zum Grundproblem: Wenn ich beispielsweise Selbstzuschreibungen und Selbstbewusstsein (die Fähigkeit, sich durch "ich" auf sich zu beziehen) durch ein Gefühl zu erfassen versuche, dann habe ich damit nicht erklärt und kann dies auch nicht (weil ich mit Messgeräten die Perspektive des Individuums nicht einnehmen kann), was es bedeutet, "mein" oder "dein" zu sagen. Glücklicherweise halten sich die meisten Neurophilosophen zu sozialen Fragen bislang bedeckt.

    Enttäuscht bin ich von der Wissenschaftsgläubigkeit der meisten Vorkommentatoren nicht deswegen, weil die Wissenschaft Schaden anrichtet, sondern vielmehr, weil sie dies genau dann nicht tut, wenn sie methodisch kontrolliert arbeitet. Aus diesem Grund sind es in den seltensten Fällen Hirnforscher selbst, die sich zu philosophisch-allgemeinen Thesen aufschwingen... Das sollten alle Jünger bedenken.

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  • Schlagworte Geisteswissenschaft | Gehirn | Drogenpolitik
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